„Shell? Wo bist du?", nach gut zwei Stunden war es Kit gelungen, mit brummendem Schädel das Büro von Charlotte zu verlassen, um sich auf den Weg zu machen endlich Shell aus der Kiste zu befreien. Der Wein war nicht allein daran schuld, dass sein Kopf so schmerzte, eher die Themen, von denen Charlotte den ganzen Abend begeistert erzählt hatte. Unter anderem, wo sie schon überall auf der Welt war, was sie gesehen hat, was sie auf ihren Expeditionen verdiente und mit wem sie alles geschlafen hatte. Kit stellte zügig fest, dass er nichts dergleichen berichten konnte, außer vielleicht von seinem Trip mit dem Krötengift, aber dann dachte er noch einmal darüber nach, wie er übersät mit Ameisenbissen im Intimbereich aufgewacht war und verwarf die Geschichte gleich wieder. Somit hörte er zu und nickte beiläufig, während er ein Glas nach dem anderen trank, um den Abend zu überstehen. Als Charlotte endlich einen Schlussstrich machte und Kit in die Nacht verabschiedete, rannte er so schnell er konnte, zurück in den Frachtraum. Die meisten Männer und Frauen an Bord hatten sich zum Trinken und Kartenspielen verabredet, sodass der Großteil des Schiffes wie ausgestorben war. Kit war vorbereitet mit Öllampe gekommen und staunte nicht schlecht, als er durch den Frachtraum irrte und Kistentürme für Kistentürme ausleuchtete, auf der Suche nach der Orangenkiste. Er rief nach Shell, doch erhielt keine Antwort. Nur seine Schritte hallten in den schmalen Pfaden zwischen den Kisten wider, sonst blieb es still.
„Shell?", rief er noch einmal, ein flaues Gefühl machte sich in seinem Magen breit. Kit war davon ausgegangen, dass man nach 13 Stunden in einer Kiste nicht starb, aber wenn er genau darüber nachdachte, kannte er niemanden, der schon einmal 13 Stunden in einer Kiste eingesperrt war und der davon berichten konnte, wie die Umstände waren.
„SHELL!", rief Kit nun lauter, doch er erhielt keine Antwort. Nachdem er verzweifelt vor sich hin geirrt war, entdeckte Kit durch Zufall eine Nische, in der er zwei ihm bekannte Fässer entdeckte. Diese waren mit der Nummer 50 und 51 versehen. Kit konnte sich nicht daran erinnern, was dort drin war, aber er wusste, dass es Lebensmittel waren. Vielleicht hatte er Glück und die anderen Kisten, die dort standen, waren ebenfalls mit Lebensmitteln gefüllt. Er musste ein wenig suchen, doch tatsächlich war dort auch die Orangenkiste. Kit klopfte vorsichtig an, doch da immer noch keine Reaktion folgte, sah er zu, dass er schnell den Hammer zückte und die Nägel aus der Kiste zog. Ein Brecheisen wäre ihm lieber gewesen, doch er musste mit dem Werkzeug auskommen, das er hatte. Kit geriet ins Schwitzen, es war verdächtig still in der Box und mit jedem Nagel, den er löste, wuchs die Angst in ihm, dass irgendetwas gewaltig schiefgegangen war. Schweiß stand ihm auf der Stirn, als er den Deckel endlich anheben konnte und zur Seite wuchtete. Mit zitternder Hand leuchtete er ins Innere der Kiste.
„Shell?", flüsterte Kit und schluckte schwer. Der Junge lang eingerollt auf einem Bett aus angedrückten Orangen und rührte sich nicht. Sein Haar war eins geworden mit den Zitrusfrüchten, das Gesicht blass, die Augen geschlossen. Kit leuchtete die ganze Kiste aus und stellte fest, dass Shell einige Orangen verzerrt hatte. Er war erleichtert, dass der Junge etwas gegessen hatte und hoffte einfach, dass Shell wirklich fest schlief und nicht, dass er allergisch auf Zitrusfrüchte reagierte. Beherzt griff Kit in die Kiste und hob Shell an, um ihn von den Orangen zu befreien und sich seinen Zustand besser ansehen zu können. Als er seinen Arm um die Schulter des Kleineren schlang, bemerkte er wie klebrig er war, angewidert verzog Kit das Gesicht. Er legte Shell auf den Boden und versuchte einen Puls zu finden. Vielleicht lag es an dem klebrigen Orangensaft, aber Kit tat sich wirklich schwer damit einen zu finden, sodass er sich dazu entschied sein Ohr vorsichtig auf Shells Brustkorb zu legen. Er musste sich konzentrieren, doch dann spürte Kit das Heben und Senken des zarten Oberkörpers. Shell war angenehm warm und roch fruchtig, sodass Kit kurz in der Haltung verharrte und den Geruch nach Sommer in sich einsog.
„Was tust du da?", murmelte es aus dem Körper unter ihm und Kit konnte sich nun wirklich gewiss sein, dass Shell das Abenteuer in der Kiste überlebt hatte.
DU LIEST GERADE
Dschungelfieber
AdventureCute as (S)hell - In einem fiktiven 1920 bewirbt sich der Musikstudent Kit Webster auf einen Job als Hauslehrer bei der wohlhabenden Familie Montgomery. Seine Aufgaben scheinen überschaubar: die Erziehung und Unterrichtung eines einzigen Kindes. Die...
