Lieber Jamsie,
ich denke, ich bin jetzt endgültig am Ende meiner Reise angekommen. Es war turbulent von Anfang an und ich denke, ich habe mein Bestes gegeben und versucht durchzuhalten, so gut es ging. Nun merke ich, wie das Leben meinen Körper verlässt und ich überlege, ob es noch etwas gibt, was ich unbedingt loswerden muss, bevor ich gehe. Um es kurz zu machen, da ich nicht weiß, wie viel Zeit ich aktuell noch habe: Bereuen tu' ich eine Menge, aber am meisten wahrscheinlich, dass ich erst meinen Weg in den abgeschiedenen Urwald Südamerikas finden musste, um zu lernen, wer ich bin und was mich antreibt. Ich musste fort von allen Konventionen und Erwartungen meiner Person gegenüber, mich dem Unbequemen stellen und mir selbst erlauben, Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Mit dieser Erkenntnis kann ich jetzt friedvoll meine Augen schließen, denn ich habe gekämpft und habe mich für andere starkgemacht. Vielleicht sehen wir uns irgendwann wieder, nicht in diesem Leben, aber vielleicht in einem anderen.
Liebe Grüße
Kit
Kit machte sich nicht die Mühe, eine bequemere Position zum Sterben einzunehmen. Es reichte ihm so zu verweilen und darauf zu warten, dass sein Blut unter ihm in die Erde einsickerte und das Leben sich langsam aus seinem Körper stahl. Wäre da nicht der Damenschuh mit Absatz, der genau in seinem Blickfeld war und ihn massiv beim Sterben störte. Gequält sah er auf, um herauszufinden, wer es wagte, so dreist neben ihm zu stehen. Es war Charlotte. Sie hatte die Arme verschränkt vor der Brust und sah aus, als würde sie versuchen, eine schwere Matheaufgabe zu lösen. Kit hätte sie gerne angesprochen und auf seine Situation aufmerksam gemacht, doch er brachte keinen Ton mehr hervor. Dann bückte sie sich plötzlich zu ihm hinunter und öffnete geschickt sein Oberhemd. Als Nächstes rief sie jemandem etwas zu und es erschienen Calla und Violet in Kits Sichtfeld. Schnell machten sie sich ans Werk seine Verletzungen zu untersuchen, die Wunde und ebenfalls die Prellungen von dem Sturz. Behutsam legten sie seinen Kopf hoch und versuchten die Blutung zu stoppen, indem sie ein großes Stück Stoff auf die Verletzung pressten. Charlotte schickte zunächst Violet los, ein paar Dinge zu besorgen und dann Calla hinterher, um ihr dabei zu helfen.
„Warte hier, wir versuchen dir das Leben zu retten, aber dafür brauchen wir ein paar Dinge und den Schiffsarzt", Charlotte tätschelte ihm grob den Kopf und verschwand dann ebenfalls. Mit dem Kopf auf einer Jacke gebettet, überließ sie Kit sich zunächst selbst. Er bekam mit, dass es zu Unruhen kam, doch niemand wagte es näher an ihn heranzutreten. Die umstehenden Menschen tuschelten, riefen laut auf oder stritten mit ihren Nachbarn. Ein lauter Aufschrei brachte sie plötzlich zum Schweigen und als Nächstes landete ein weiterer Körper mit dumpfem Aufprall neben Kit im Gras. Wie es aussah, war eine weitere Person, die Tempelstufen hinuntergeschleudert worden. Zunächst hatte er Schwierigkeiten, etwas zu erkennen, der Blick getrübt durch Schmerz und Blutverlust, dann wurden die Umrisse deutlicher. Es war Shell.
„Jetzt, wo ich den Willen der Götter geschätzt und respektiert habe und tat, was von mir verlangt wurde, möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass ich in direktem Kontakt zu ihnen stehe und für alle Einheimischen ebenfalls als Bindeglied zwischen den Welten gesehen werden kann. So ist es mir erlaubt im Namen der Götter über diese Menschen, ihren Untertanen, zu verfügen und Gesetzte zu erlassen, wie es mir beliebt. Aber da ich kein Unmensch bin, werde ich diese Position selbstverständlich nicht ausnutzen, um mich selbst zu bereichern, ganz im Gegenteil. Die natürliche Ordnung soll bestehen bleiben und ich werde mich dafür einsetzten, dass meine Leute, die für mich arbeiten, von der Mission profitieren. Sprecht eure Wünsche und ich werden mein Bestmögliches geben, diese zu erfüllen. Ich entschuldige die schaurige Darbietung, aber sie war zwingend notwendig, wir sind in einem primitiven Land, das dürfen wir nicht vergessen! Jetzt, wo wir alles geklärt haben, werden wir diese wunderbare Zeit mit einer großen Feier beginnen. Versucht es den Wilden klarzumachen. Vielen Dank!", hörte Kit Heth in der Ferne sprechen, doch seine Augen ruhten auf Shell, der neben ihm im Gras lag. Er wollte nach ihm rufen, doch seine Stimme blieb ihm immer noch weg. Ein Ruck ging durch den Körper des Jungen und er fuhr in eine aufrecht sitzende Position. Er war blass, seine Augen rot und wässrig und er war sichtlich verwirrt, warum er sich plötzlich im Gras wiederfand. Als sein Blick auf Kit fiel, blieb ihm die Luft weg. Seine Pupillen wurden kleiner und er wurde ganz starr. Zu Kits Erleichterung schien er zumindest nicht aufgeschlitzt worden zu sein. Die schwere rasselnde Atmung des Jungen kündigte aufwallende Panik an. Mit letzter Kraft griff Kit mit einer blutverschmierten Hand nach der von Shell. Sie fühlte sich leblos an und er konnte trotz leichtem Druck keine Reaktion hervorrufen.
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Dschungelfieber
AdventureCute as (S)hell - In einem fiktiven 1920 bewirbt sich der Musikstudent Kit Webster auf einen Job als Hauslehrer bei der wohlhabenden Familie Montgomery. Seine Aufgaben scheinen überschaubar: die Erziehung und Unterrichtung eines einzigen Kindes. Die...
