Kapitel 22

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Shell führte Kit zu einem seichten Flussbett nur wenige Meter von dem Dorf entfernt. Gemeinsam stolperten sie durch das hohe Gras und das dichte Buschwerk. Begleitet von Glühwürmchen und anderen Insekten fanden sie das angenehm kühle Wasser mithilfe von zwei Laternen. Diese stellten sie dicht an das Wasser, um einen guten Überblick über den Flussbettabschnitt zu bekommen und Gefahren schnell erkennen zu können. Shell regte Kit dazu an, sein Hemd auszuziehen und die Flecken auszuwaschen, außerdem bot der Junge ihm an, sich die Schussverletzung noch einmal anzusehen.

„Das ist ja gerade mal ein Kratzer", Shell hatte vorsichtig den improvisierten Verband zur Seite geklappt und lugte hinunter. Sie saßen gemeinsam auf einem flachen Felsstück und während Kit akribisch sein Hemd mit Wasser befeuchtete und versuchte, die Flecken auszuwaschen, untersuchte Shell Kits Schulter.

„Ich kann nicht glauben, dass du deswegen ohnmächtig geworden bist", kommentierte er spitz und begann vorsichtig, die Fetzten, die einst eine Jacke waren, von Kits Arm zu wickeln.

„Wenn es so unspektakulär ist, warum warst du dann so blass um die Nase, frag' ich mich?", stichelte Kit zurück und legte sein Hemd zur Seite.

„Ich kann kein Blut sehen", antwortete Shell etwas ernster und begutachtete die leicht auseinanderklaffende Haut über Kits Schlüsselbein.

„Ist mir ja noch gar nicht aufgefallen", Kit neigte seinen Kopf zur Seite, um sich ebenfalls die Wunde ansehen zu können.

„Das wächst wieder zusammen. Es ist nichts entzündet und bildet schon Schorf", fügte er noch hinzu.

„Das ist meine erste größere Narbe, falls eine zurückbleiben sollte. Ich hatte schon fest damit gerechnet, dass du mich frühzeitig ins Grab bringen wirst, aber im Leben konnte ich mir nicht ausmalen, dass auf mich geschossen wird und ich als Schiffbrüchiger in Südamerika am Strand angespült werde. Manchmal frag' ich mich, ob es das wert war, den Angriff der Obstspinne überlebt zu haben", stöhnte Kit und ließ seine Füße im Wasser baumeln. Es sah hoch in den Himmel, so als würde dieser unter Umständen eine Antwort für ihn parat haben.

„Die Spinne hätte dich niemals töten können. Ich habe sie vorher gemolken. Da war im Großen und Ganzen kein Gift mehr in dem Tier", erklärte Shell empört.

„Bei Mord zieh' ich die Grenze!", schwor er und wollte sich gespielt eingeschnappt geben, doch konnte ein Schmunzeln nicht zurückhalten.

„Dann bist du eigentlich doch gar nicht so übel, was?", lächelte Kit und beobachtete Shell dabei, wie er sich peinlich berührt wegdrehte.

„Lass ein wenig Luft an die Wunde, bevor wir schlafen gehen, kann ich dir einen neuen Verband anlegen für die Nacht", riet er ihm und stand auf, um in das Flussbett zu waten. Es war flach und ging dem Jungen vielleicht bis zum Knie. Schnippisch nahm er seinen Rock ab und warf diesen Kit zu, der ihn nicht als Wurfgeschoss erwartet hatte und unbeholfen auffing. Er sah Shell dabei zu, wie er sich behutsam erst die Beine wusch, dann die Arme und Schultern. Er wusste, dass Kit ihn beobachtete und wusch Brust und Schritt besonders langsam. Das Reinigungsritual wurde als kleine Show für seinen Zuschauer veranstaltet. Shell spreizte seine Beine leicht und neigte sich vor. Er fing Kits Blick auf, wie dieser ihn verträumt ansah.

„Vergiss nicht, dich auch zu waschen. Ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Hände du heute an dir hattest. Pass dabei ein wenig auf Blutegel und Mücken auf. Wasch dich so, wie ich es gemacht hab'", rief Shell dem anderen zu. Kit folgte der Aufforderung und entledigte sich seiner Hosen. Diese legte er zu seinem Hemd.

„Ich werde meinen Rücken dabei aber nicht durchdrücken. Das würde lächerlich aussehen", merkte Kit an, als er sah, dass Shell genau beobachtete, wie er sich beim Waschen anfasste.

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