Das leichte Schaukel weckte Kit sanft. Seine Augen waren schwer und er brauchte einen Moment, um diese öffnen zu können. Seine Sicht war zunächst verschwommen und ein unangenehmes Gefühl von Orientierungslosigkeit überkam ihn. Auch als die Sicht klarer wurde und er ein genaueres Bild von seiner Umgebung wahrnehmen konnte, war er immer noch unsicher, wo er sich befand. Er lag in einem richtigen Bett mit dicken Laken, der Raum, in dem er aufgewacht war, erinnerte ihn an sein Zuhause, der englische Charme war kaum zu übersehen. Kit wollte sich schon aufrichten, doch ein stechender Schmerz in seiner Brust belehrte ihn eines Besseren und ließ ihn zurück auf seine aufgetürmten Kissen fallen. Ein Blick aus dem Augenwinkel zur Seite ließ ihn einen vertrauten Schopf roter Haare entdecken, der auf der Kante seines Bettes lag. Shell schlief unbequem, mit Schulter und Kopf am Rand, in sich zusammengesunken. Seine linke Hand hielt die Rechte von Kit fest umschlossen.
„Oh, du bist wach? Wer hätte damit gerechnet", spottete es aus der Ecke des Zimmers. Kit blinzelte ein paar Mal und konnte dann die groben Umrisse von Charlotte erkennen, welche auf einem Stuhl saß und lustlos in einer Zeitung blätterte.
„Wo bin ich?", fragte Kit sie verwirrt und versuchte sich erneut so gut es ging umzusehen, ehe seine Schmerzen ihn stoppten und innehalten ließen.
„Du befindest dich auf einem Schiff. Um genau zu sein auf dem gleichen Schiff, welches du als blinder Passagier heimgesucht hattest, vor circa fünf Wochen", erklärte Charlotte ihm, als würde sie mit einem Kind sprechen.
„Was mach' ich hier?", stellte Kit seine nächste Frage.
„Ich wünschte, du würdest kreativere Fragen stellen. Du wurdest verletzt, dann wurdest du vom Schiffsarzt wieder geflickt und jetzt befinden wir uns auf der Heimfahrt nach London. Bevor du fragst: Das Team hat sich ein wenig verändert. Heth, Gott hab ihn selig, ist leider nicht mehr bei uns. Dafür zwei ex-blinde Passagiere. Außerdem geh' ich stark davon aus, dass wir ein paar Söldner vergessen haben. Zu tragisch", Charlotte gab sich tiefenentspannt und schnippte einen Fussel von ihrer Bluse. Kit derweil hatte Schwierigkeiten ihr zu folgen.
„Kannst du bitter genauer berichten, ich kann dir absolut gar nicht folgen?", mit einer kraus gezogenen Stirn und einem wehleidigen Blick versuchte er seine Ex-Freundin zu überzeugen genauer zu schildern, was vorgefallen war.
„Ich habe Heth drei Zehen abgeschossen. Das ist eigentlich der beste Teil der Geschichte. Aber dazu komme ich später. Nachdem du sehr stark auf den Boden geblutet hattest und die Schamanin in den Bauch geschossen wurde und ebenfalls stark auf den Boden geblutet hatte, bin ich losgezogen, nachdem ich euch gut versorgt wusste, um Sir Heth ans Bein zu pissen. Dummerweise hatte dein Kind genau die gleiche Idee und befand sich in einer unangenehmen Lage, in der es wie wild mit einer geladenen Pistole vor Heth Nase herumgewedelt hatte und die Chancen relativ gut aussahen, dass es den fetten Sack erschießen würde. Schwierig für die Richter, schwierig mir einen Scheck so von ihm ausstellen zu lassen, also übernahm ich Verantwortung und bedrohte den Jungen mit meiner eigenen Waffe. Mein Plan begann Gestalt anzunehmen, während ich schon dabei war, ihn auszuführen. Ich ließ mich zum Schatz führen." Kit unterbrach sie mit einem lauten Räuspern und sah sie fragend an.
„Was für ein Schatz?"
„Die goldene Opferkrone."
„Die was? Davon höre ich zum ersten Mal."
„Das ist mir gleich, denn darum geht es jetzt."
„Seit wann geht es hier um einen Schatz?"
„Schon die ganze Zeit, für mich zumindest! Es kann nicht immer um dich gehen, Kit!"
„Ich bin verwirrt, ich dachte, es geht um Bäume und so etwas."
„Nimm eine deiner Pillen und unterbrich mich nicht, es ist mir egal, was du weißt. Strawberry Shortcake hier also, führte den Alten und mich zu einer Grube mit Leichen und ziemlich wertvollem Schmuck. Heth beförderte zunächst das Kind hinunter und als er glaubte, es aus Versehen umgebracht zu haben, dann auch mich. Ich fand den Schatz, doch Heth entschied sich dafür ein Arschloch zu sein und wollte, dass ich Leichenschändung betreibe. Wozu ich auch durchaus bereit gewesen wäre, aber der Junge tat mir leid und dann war ich nicht mehr in der Stimmung, sterbliche Überreste zu zertrümmern. Er ließ nicht locker und gestresst, wie ich war, schoss ich ihm aus Versehen ein paar Zehen ab und er stürzte ebenfalls in die Grube. In stillem Einvernehmen nahmen wir also mit, was uns heilig war und wir ließen den armen Alten einfach dort zurück. Es war nicht einfach, aus der Grube zu klettern, doch ich sag' es mal so: für Kinder und gelenkige Damen kein Problem. Für alte Männer ohne Zehen... Vielleicht."
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Dschungelfieber
AdventureCute as (S)hell - In einem fiktiven 1920 bewirbt sich der Musikstudent Kit Webster auf einen Job als Hauslehrer bei der wohlhabenden Familie Montgomery. Seine Aufgaben scheinen überschaubar: die Erziehung und Unterrichtung eines einzigen Kindes. Die...
