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Wir stiegen von Tylers Motorrad ab und ich fand mich einem riesigem weitläufigen Gebäude gegenüber.

Die Entzugsklinik erstreckte sich vor mir wie ein tröstliches Refugium und ließ sich nichts anmerken von dem Leid, dass die Patienten innerhalb dieser undurchdringlichen Wände tagtäglich quälte. Das massive Backsteingebäude war umgeben von einer üppigen grünen Landschaft, schön gepflegten Gärten und selbst einen kleinen Teich konnte ich in der Ferne ausmachen.

Eine Welle des Schmerzes traf mich mit so einer Wucht, dass ich wankte. Ich wusste nicht, ob es von mir, Tyler oder den Menschen hinter diesen Türen ausging, ich wusste nur, dass keiner so viel Leid erfahren sollte.

Einem Instinkt folgend, umgriff ich Tylers Hand. Auch wenn ich nicht viel für ihn tun konnte, wollte ich ihm doch etwas Halt geben. Nachdem er etwas so persönliches mit mir geteilt hatte, wollte ich ihm helfen das zu überstehen.

Er riss sich vom Anblick der Klinik los und senkte seinen Blick auf mich. Ein gequältes Lächeln huschte über sein Gesicht, ehe er dankend meine Hand drückte.

Und dann ging er los und ich folgte ihm.

Verschiedene Flure zweigten vor der Rezeption ab. Untersuchungsräume, Beratungsräume, Gemeinschaftsräume, Schlafunterkünfte, Außenbereich; an der Beschilderung konnte ich erkennen, dass es hier alles mögliche gab.

„Ich will zu Andrea Harrington, bitte", bat Tyler die Rezeptionistin, die kurz aufschaute und dann sofort auf dem Computer vor ihrer Nase rum tippte.

„Tyler Kent, nehme ich", sagte sie und ihre Finger hielten kurz inne, um Informationen auf dem Bildschirm zu lesen. Tyler bestätigte mit einem knappen „Genau" und ihre Finger flogen wieder rasch über die Tastatur.

Sobald sie gefunden hatte, was sie suchte, schaute sie wieder auf und ihr Blick blieb nun an mir hängen.

„Besuch darf nur von der Familie empfangen werden."

„Sie ist meine Verlobte", antwortete Tyler rasch, bevor ich auch nur den Mund öffnen konnte. Verblüfft sah ich ihn an, überspielte meine Überraschung aber sofort, als ich den Blick der Rezeptionistin wieder auf mir spürte.

Hastig nickte ich und lächelte sie knapp an, als sie von ihrem Drehstuhl aufstand und mit einem „Bin sofort wieder da" hinter einer Tür neben der Rezeption verschwand.

Augenblicklich drehte ich mich zu Tyler um.

„Deine Verlobte?", fragte ich perplex.

Trotz seiner Aufgelöstheit, schaffte er es verlegen zu wirken.

„Sonst hätte sie dich nicht durch gelassen."

Er drückte meine Hand, die wie ich jetzt bemerkte, nach wie vor in seiner lag und näherte sich mir ein wenig an.

„Und ich will dich dabei haben", murmelte er so sanft und verletzlich, dass ich schlucken musste.

Also nickte ich schließlich und lächelte ihn zaghaft an.

„Okay", hauchte ich, gerade als die Rezeptionistin und eine andere Person den Empfangsbereich wieder betraten.

Wir waren zwar noch jung, sie stellte unsere vermeintliche Verlobung aber nicht in Frage.

„Die hier bitte einmal überziehen", wies sie uns an und reichte uns zwei grüne Besucherkarten, die wir uns um den Hals hingen.

„Folgen sie mir, bitte", sprach nun die zweite Person, die einen hellblauen Kasack trug und uns vorausging. Ihr blonder Zopf wippte hin und her, als sie zügig durch die hellen Flure eilte und wir ihr dicht auf den Fersen blieben.

DamienWo Geschichten leben. Entdecke jetzt