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Der Schultag neigte sich dem Ende zu und nachdem endlich die befreiende Schulglocke zu hören war, eilte ich auch schon auf den Parkplatz.

Mir war eiskalt in den Sportshorts, die mir Logan geliehen hatte. Auch wenn sie mir bis über die Knie reichten, taten sie nicht viel daran den eisigen Wind davon abzuhalten durch die Hosenbeine zu rauschen.

Zumindest der dicke Pullover und meine Jacke hielten meinen Oberkörper warm, dass ich zumindest nicht zum Eisblock gefror. Der Winter kam schneller als mir lieb war.

Ungeduldig wartete ich vor Lias Auto, während die anderen langsam nachkamen. Mittlerweile waren zum Glück auch Ace und Lia eingetroffen und Letztere schloss glücklicherweise das Auto auf, sodass ich mich wenigstens etwas wärmen konnte. Jetzt fehlte nur noch Tyler.

„Damien hat nach dir gefragt."

Mein Kopf schnellte hoch und blieb an Lia hängen. „Was?"

„Vorhin in der Mittagspause, als du verschwunden bist. Er hat gefragt, ob wir wissen, was da zwischen dir und Logan läuft. Angeblich hat er euch zusammen in einem Café oder so getroffen."

Ich knirschte grantig mit den Zähnen.

„Das geht ihn doch überhaupt nichts an", erwiderte ich und verschränkte die Arme.

Jetzt drehte sich Lia im Fahrersitz zu mir um.

„Mich würde es auch interessieren. Ace hat mir erzählt, dass du dir vorhin Sachen von ihm geliehen hast." Vielsagend ließ sie ihren Blick über mein Outfit gleiten.

„He, halt mich daraus", nörgelte Ace, aber wir beide ignorierten ihn.

„Ich habe das Gefühl, du erzählst mir nicht mehr alles."

Ich stieß kraftlos die Luft aus. Okay, zugegeben, ich hatte ihr wirklich viel vorenthalten. Angefangen bei dem was zwischen mir und Damien vorging, der Wahrheit über ihn und unserer Trennung, aber ich musste erst mal selber damit zurecht kommen. Und Tyler konnte ich mich anvertrauen, weil er von Anfang an dabei war und das auch nur, weil ich Lia nicht erreichen konnte. Sonst wäre womöglich alles anders gekommen. Ich hätte mich Tyler niemals so geöffnet und mich ihm anvertraut und er hätte auch nicht dasselbe bei mir gemacht. Er war einsam, so wie ich es war. Und das war mitunter einer der Gründe, weshalb ich mich ihm anvertrauen konnte.

Aber über Logan habe ich auch nicht mit ihm geredet. Mit keinem von ihnen, weil ich genau wusste, was ihre Meinung zu ihm war. Aber sie kannten ihn nicht, so wie ich ihn kannte. Bevor wir überhaupt zusammen gewesen sind, waren wir Freunde. Kindheitsfreunde. Wir hatten so viele Momente miteinander geteilt und als Damien mit verlassen hatte, war er für mich da. Auch da hatte ich mich einsam gefühlt und ich hatte das Gefühl gehasst. Also habe ich mich in die erstbeste Beziehung gestürzt, nur um mich nicht mehr leer zu fühlen. Das war nicht fair gewesen. Mir gegenüber nicht und erst recht ihm gegenüber nicht. Denn er schien wirklich verliebt in mich zu sein, während ich mir bloß gewünscht hatte es zu sein. Denn das würde heißen, dass ich Damien vergessen und in meinem Leben weiter machen konnte. Aber es hatte nicht so funktioniert, wie ich gehofft hatte. Ich konnte mich Logan einfach nicht ganz hingeben. Und das hatte er gemerkt und es hatte ihn frustriert. Auch wenn ich es nicht sollte, gab ich mir deshalb eine Teilschuld an seinem Seitensprung.

Und das verstanden meine Freunde nicht. Sie sahen in Logan bloß das Arschloch, dass mich verletzt hatte. Aber ich sah das ganze Bild. Ich sah, dass ich ihn genauso verletzt hatte. Jedes Mal, wenn ich mich bei ihm über Damien ausgeweint hatte und jedes Mal, als ich ihm meinen Körper verweigert hatte. Er hatte gemerkt, dass ich mich ihm niemals vollständig hingeben konnte. Nicht, wie ich es bei Damien getan hatte.

„Logan und ich sind Freunde, Lia", sagte ich mit überraschend fester Stimme.

„Wir verbringen Zeit miteinander, wie wir es schon immer getan haben. Und wenn euch das nicht passt, dann ist das nicht mein Problem."

Für eine Weile herrschte Schweigen im Auto. Dann seufzte Lia leise und sah mich sanft an.

„Ich kann dir nicht vorschreiben, mit wem du dich triffst oder mit wem du deine Zeit verbringst. Das ist allein deine Entscheidung. Aber Tessa, du bist meine beste Freundin. Und wenn jemand dir wehtut, dann kann ich die Person nun mal nicht leiden."

Ich holte schon Luft, um zum Reden anzusetzen, als sie weitersprach.

„Aber als deine beste Freundin respektiere ich deine Entscheidungen. Auch wenn ich sie nicht immer gutheiße. Du bist ein guter Mensch und ich weiß, dass du nur das Beste tun willst. Du weißt, was du tust und ich vertraue auf deine Entscheidungen."

Mein Mund klappte wieder zu und ergriffen sah ich sie an.

Ich hatte nicht gewusst, wie sehr ich diese Worte gebraucht hatte. „Danke", hauchte ich leise und sie lächelte mir zaghaft zu.

All die Monate hatte ich an mir gezweifelt. So viele Entscheidungen, die ich treffen musste und ich wusste nie, ob ich das richtige tat. Ich wurde verletzt und ich hatte verletzt. Ich hatte geweint und gezweifelt, gelogen und betrogen. Ich bereute viel, aber am Ende, wollte ich doch bloß auf eines hinaus: Das alles wieder gut wird.

Ich konnte die Tränen nicht verhindern, die mir in die Augen stiegen und kurzerhand quetschte Lia sich durch die Vordersitze zu mir auf die Rückbank.

Mit einem leisen schluchzen fiel ich ihr in die Arme.

„Nicht weinen, Schätzchen", murmelte sie und drückte mich feste an sich, als ein weiterer Schluchzer mich schüttelte.

Ich war froh ihr endlich alles anvertraut zu haben und nicht mehr alles alleine durchstehen zu müssen. Das alles würde bald ein Ende finden und dann konnte ich endlich meinen Frieden finden. Aber bis dahin durfte ich noch eine Weile weinen, denn selbst wenn ich manchmal an mir zweifelte, hatte ich immer noch meine Freunde, die mir den Rücken stärkten.

DamienWo Geschichten leben. Entdecke jetzt