2-17 Ahranan

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Ahranan

A'shei lehnt sich auf der Bank zurück, legt den Kopf gegen die Wand und streckt die Beine aus. Er verbrachte einen weiteren Tag in der Stadt, hoffte einen weiteren Tag erfolglos auf ein Zeichen von Silàn. Fjenis' Freund Raill will heute Abend seine Schwester mitbringen, die für zwei Tage nach Hause kommt. Nun sitzen sie hier bei Steim in der Küche und warten auf die Geschwister. Steim wohnt allein mit seinem Vater, den er erst spät in der Nacht von der Arbeit in den Wachstuben zurückerwartet. Außer Steim und Fjenis sind noch zwei ihrer Freunde da. Alle halfen in den letzten Tagen mit, A'shei durch die Stadt zu lotsen und sich nach Silàn umzuhören. Sie lernten den stillen Jungen mit dem dunklen Haar, dessen Mädchen von den Kriegern der dunklen Königin entführt wurde, in dieser Zeit schätzen. A'shei ist freundlich und aufmerksam, hilft jederzeit bei einer Arbeit mit und ist im Gegenzug dankbar, wenn sie ihm zeigen, wie das Leben in der Stadt funktioniert. Leider ist es bis jetzt niemandem gelungen, eine Spur seines verschwundenen Mädchens zu entdecken. Raills Schwester ist praktisch die letzte Hoffnung.
Steim reicht jedem der jungen Männer einen Becher mit vergorenem Fruchtsaft. A'shei mag dieses Getränk nicht besonders, er sehnt sich nach Antims Tee oder frischem Quellwasser. Er sehnt sich auch nach anderen Dingen, die Penira nicht bieten kann, nach dem Wald und seinen Tieren, nach dem Wind, der in den Bäumen rauscht, nach der Ruhe von Antims Tal und natürlich nach Silàns Lachen.
Auf Fjenis' Signal hin hebt er mit den anderen den Becher und nimmt einen Schluck. Es gelingt ihm, das Gesicht nicht zu sehr zu verziehen. Fjenis will gerade etwas sagen, als es an der Tür klopft. Steim öffnet rasch, um Raill und eine schlanke junge Frau einzulassen. Sie besitzt dieselben leicht schrägstehenden Augen, das gleiche Grübchen am Kinn und krause blonde Haar wie Raill, ist aber etwas älter.
«Guten Abend! A'shei, ich möchte dir meine Schwester Hamain vorstellen. Hamain, das ist A'shei aus Atara, von dem ich dir erzählte. Die anderen kennst du ja.»
Hamain begrüßt die jungen Männer freundlich und mit einigen Scherzen. Steim reicht ihr einen Becher, den sie dankbar annimmt. Aber dann richtet sie den Blick ernst auf A'shei.
«Bist du der Junge, der mit der Gefangenen von Femolai zusammen war? Weißt du, dass ihre Krieger dich suchen und sogar einen Preis auf deinen Kopf aussetzten? An deiner Stelle wäre ich sehr vorsichtig!»
Die Männer blicken sich ernst an. Das klingt schlimmer, als sie vermuteten. Fjenis ergreift als erster das Wort.
«Weißt du, warum sie A'shei so dringend suchen?»
Hamain schüttelt den Kopf und beginnt, die Geschichte von Anfang an zu erzählen.
«Vor einigen Tagen meldete einer von Femolais Spionen, zwei Magier aus Atara seien bei ihm vorbeigekommen.»
«Goremin, dieser Verräter von einem Schattenwandler!»
A'shei fährt wütend von der Bank hoch. Fjenis nimmt ihn beruhigend beim Arm und bedeutet ihm, sich wieder hinzusetzen und Hamain weitersprechen zu lassen. Diese wirft A'shei einen mitleidigen Blick zu.
«Den Namen kenne ich nicht. Auf jeden Fall schickte Femolai sofort ihre Krieger los. Der ganze Palast war in Aufregung, jeder bekam das mit. Etwas später sollen die Schwarzmäntel eine junge Frau mit schwarzem Haar angeschleppt haben. Sie wurde verhört und in den Kerker geworfen, obwohl das Gerücht geht, sie sei gar keine Magierin. Aber Femolai scheint nicht wählerisch zu sein. Auf jeden Fall war ich dabei als sich einige der Krieger gegenseitig hänselten, weil Femolai zwei von ihnen den Tod androhte, falls die Gefangene entkommen könne. Sie sagten auch, dass es sich in ihren Augen nur um ein dummes, verwirrtes Mädchen handle. Aber viel mehr weiß ich leider nicht.»
Bedauernd schaut Hamain A'shei an, der während ihrer Erzählung hoffnungslos den Kopf in die Hände stützte. Nun blickt er entschlossen auf.
«Silàn ist weder dumm noch verwirrt. Aber ich traue ihr zu, das von sich glauben zu machen. Weißt du, wo sie festgehalten wird? Und was Femolai mit ihr vorhat?»
«Sie wird in einem der tieferen Verliese des Palasts stecken, dort wo Femolai Zauberer festhält. Man sagt, dass die Wachen die Gefangenen weder sehen, noch mit ihnen sprechen dürfen, aus Angst vor ihrer Magie. Noch gelang von dort jemandem die Flucht. Was Femolai vorhat, weiß nur sie allein. Sie ist mit Pentim unterwegs und kommt frühestens im nächsten Mond zurück. Deshalb können wir Angestellten reihum einige freie Tage genießen. Im Moment ist deine Freundin wohl noch sicher.»
«Gut. Ich muss sie sobald als möglich befreien.»
Die anderen starren ihn erschrocken an. Fjenis ist der erste, der wagt, nachzufragen.
«Meinst du das ernst? Du willst sie aus dem Verlies holen? Wie willst du das anfangen?»
«Ist sie hübsch?»
Alle starren Raill an und Hamain knufft ihren Bruder in die Rippen.
«Was tut das zur Sache? Schau A'shei an, wer so verliebt ist wie er, achtet nicht darauf, ob das Mädchen hübsch ist!»
A'shei lächelt ihr dankbar zu. Aber er lässt sich vom Geplänkel seiner neuen Freunde nicht beirren.
«Ich finde Silàn hübsch, allerdings wohl mehr für Tannaríaugen als für Keleni! Aber das spielt keine Rolle, ich versprach, sie zu beschützen, und das werde ich tun. Wie komme ich in den Palast?»
Hamain legt ihm eine Hand auf den Arm.
«Ich weiß noch nicht. Aber wir werden dir dabei helfen. Sogar Raill, mein blöder Bruder!»

SilànWo Geschichten leben. Entdecke jetzt