Korpiklaani - Running with the Wolves
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Castiel wurde von den ersten Strahlen der Sonne geweckt. Er fühlte sich wie gerädert. Die Nacht war kurz gewesen, die Nacht war anstrengend gewesen, die Nacht war aufregend gewesen. Trotzdem spürte er, dass er nicht wieder einschlafen würde, würde er sich jetzt in die Laken kuscheln, auch weil ihm die Begegnung der letzten Nacht wieder im Kopf herum zu spuken begann. Also setzte er sich stöhnend auf. Die Müdigkeit hing ihm noch in den Knochen und ließ ihn ein Mal herzhaft gähnen. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es zwar erst halb sieben war, dass er aber trotzdem gerade genau zur richtigen Zeit aufgewacht war, um nicht eilen zu müssen.
Er hatte Pflichten, denen er nachkommen musste, wenn er auch noch so wenig Lust dazu hatte. Sein Vater wartete wahrscheinlich schon auf ihn, um zusammen eine Runde durch das Dorf des Rudels zu ziehen und nach dem Rechten zu sehen. Das gehörte schließlich auch zu den Pflichten eines Alphas, auf sein Rudel, seine Familie, zu achten.
Schnell streifte sich Castiel arbeits- und alltagstaugliche Kleidung über und sprintete dann die Treppe hinunter, um in die Küche zu stolpern, in der sein Vater tatsächlich schon am Tisch saß und irgendeinen Papierkram wälzte.
Castiel grüßte höflich wie es von ihm erwartet wurde. Sein Vater nickte die Geste nur ab ohne von seinen Akten aufzublicken.
„Du warst gestern noch ziemlich lang laufen...", stellte er fest.
Castiel schluckte. Er wollte, durfte und konnte seinem Vater nicht von der Begegnung erzählen. Möglichst lässig zuckte er mit den Schultern. „Es ist Vollmond. Du weißt ja, dass ich dann ein bisschen unruhig werde." So unbeteiligt als möglich ging er zum Kühlschrank herüber und nahm sich die Flasche Orangensaft heraus. Er brauchte etwas, um seine Hände zu beschäftigen. Die Situation war ihm unangenehm. Er hatte seinem Vater noch nie etwas verschwiegen, geschweige denn ihn angelogen.
Castiels Vater schien die Lüge seines Sohnes jedoch nicht zu erkennen. Er nickte nur. „Du musst das in den Griff bekommen. Als Alpha darfst du dir keine Makel erlauben."
„Werde ich Vater, werde ich", versprach Castiel schnell und hoffte, das Thema wäre damit beendet. Er schüttete etwas von dem Saft in ein Glas und stellte die Flasche zurück. Als er von seiner Tätigkeit wieder aufblickte, sah er direkt in die kalten, berechnenden Augen seines Vaters.
„Ich denke, du solltest für heute den Bauern auf den Feldern helfen. Ich werde alles andere übernehmen. Dann wird etwas solches sicher nicht mehr vorkommen."
Sein Vater gab Castiel diese Aufgabe als Strafe und Ermahnung, sowas nicht noch einmal passieren zu lassen. Castiel selbst war nicht unbedingt unzufrieden. Er hoffte, die körperliche Arbeit würde ihn so weit wie möglich von seinem eigentlichen Problem ablenken.
Also bestätigte Castiel seinem Vater, dass er verstanden hatte, und war schon wenige Minuten später am Feldrand angekommen, von wo aus er einen Bauern zu sich winkte. Er kannte den Mann und mochte ihn. Er war Mitte dreißig und seiner Tochter ein wirklich aufopferungsvoller, wenn auch etwas überbehütender Vater.
Für die nächsten paar Stunden war Castiel vollauf beschäftigt. Die Bauern nahmen und behandelten ihn als Mädchen für alles. Seine Hauptaufgabe war, für sie ein Ding nach dem anderen hin und her zu schleppen. Unter der noch immer brennenden Sonne des Spätsommers war er bald durchgeschwitzt und fühlte sich klebrig. Zwischendurch gab es nur eine einzige Pause, die sie in einvernehmlichem Schweigen und mit allgemeinem Kauen verbrachten. Trotzdem verging die Zeit wie im Flug und bald schon würde sich die Sonne rotglühend dem Horizont entgegen neigen. Die Bauern entließen ihn aus seiner Pflicht.
Castiels Ablenkung war damit nicht mehr vorhanden und sein vermeintlicher Gefährte, den er über den Tag so erfolgreich verdrängt hatte, schob sich penetrant durch seine Gehirnwindungen und machte sich an der Oberfläche durch das verdrängen alles anderen Platz. Ob der Fremde sich wohl fragte, warum Castiel weggelaufen war? Ob er über ihn nachdachte? Ob er Castiel als Gefährten wollte? Oder war er wie Castiel selbst genauso unwillig. Ob er sich genauso dagegen wehrte, wehren musste?
Castiel für sich wusste, dass er ihn spürte. Der Fremde schien allzeit präsent. Ein stumpfes Drängen zog Castiel in seine Richtung. Woher er wusste, dass es gerade die Anwesenheit des Fremden war, auf die es ihn zu zog, wusste er selbst nicht. Das alles war viel zu kompliziert, als dass er es selbst überblicken könnte. Nur sicher war er sich, dass niemand jemals erfahren durfte, dass dieser Fremde sein Gefährte war. Also musste er dafür sorgen. Der erste Schritt in dieser Richtung war, dem Fremden zu sagen, dass es zwischen ihnen keinen Bund gab und dass er ihn möglichst nicht weiter belästigen sollte. Das würde zwar zwangsläufig bedeuten, dem Drang zu folgen und den Fremden noch einmal zu begegnen, aber das würde er dafür in Kauf nehmen.
Er machte sich auf in den Wald, folgte seinem Gefühl und strandete schließlich am Fuß eines Felsens. Ganz eindeutig war der Fremde in der Nähe. Castiel wusste nur nicht wo. Suchend schweifte sein Blick über das ihn umgehende Gestrüpp und den kleinen Tümpel, aber sehen konnte er den Fremden nicht.
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Wolfssorgen
WerewolfCastiel, zukünftiger Alpha seines Rudels, und Sasha, freier, unabhängig Omega. Zwei nicht-ganz-Menschen, die eigentlich nichts miteinander zu tun hätten. Wenn da nicht das Ding mit dem Gefährtensein wäre. Plötzlich kollidieren die beiden sich so st...
