Kapitel 37

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Starset - Let it die

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Das Eichhörnchen starrte Sasha mit seinen Knopfaugen grimmig an. Sasha konnte nicht verhindern, dass ihm eine Gänsehaut den Rücken hinauf kroch. Er hatte noch nie in seinem Leben ein so grimmiges Eichhörnchen gesehen. Insbesondere nicht in anbetracht der Tatsache, dass dieses hier aus Wolle und noch dazu ausgestopft war. Warum musste es ihn auch gerade auf dem Klo beobachten? Wie kam man als einigermaßen gesunder Mensch auf den Gedanken, dass es eine gute Idee sein könnte, das Ding genau da hinzusetzen? Wie schaffte es der Frischling überhaupt, so viele grimmige Viecher zu fabrizieren. 

Erst gestern war er auf einen blauen Flamingo getreten und Castiel hatte ihn fast geköpft deswegen. Noch nicht einmal beim Kochen konnte er sich entspannen, weil er von überall aus von schwarzen, leblosen Augen angestarrt wurde. Sie saßen auf der Arbeitsplatte, in den Schränken, selbst in der Messerschublade hatte er ein schlangenähnliches Exemplar entdeckt und war versucht gewesen, es gleich mit dem Fleisch fürs Abendessen zu zerkleinern. Aber das Schlimmste waren nicht die Kleinen von ihnen, auch nicht die, die mittlerweile einen Großteil des Doppelbettes einnahmen. Nein, das Schlimmste waren diejenigen von ihnen, die auf den Küchenstühlen thronten. Genug war genug...

Wutentbrannt sprang Sasha auf, zog sich die Hose hoch und stürmte aus dem winzigen Bad, im Vorbeilaufen schnappte er sich noch das Eichhörnchen. „Castiel?!", seine Stimme hallte durch die Wohnung.

„Bitte?", kam postwendend die Antwort aus dem gemeinsamen Schlafzimmer. Sasha stieß die Tür auf. Castiel saß in einem Gewirr aus Wollfäden, Knäulen und einigen dazwischen steckenden Häkelnadeln auf dem Bett und blickte ihm ungerührt entgegen. „Was gibt's?", er widmete sich wieder seiner Arbeit. 

„Was ist das?", Sasha warf ihm das schon recht mitgenommene Eichhörnchen in den Schoß, „und warum zur Hölle, guckt es einem beim Pinkeln zu?! Ich und das stille Örtchen erwarten eine Erklärung!" Vorsichtig nahm Castiel das Tierchen in die Hände: „Das ist ein Eichhörnchen. Ich dachte, es passt da gut hin, aber ich kann es auch woanders hinsetzten. Wie wäre es mit dem Sofa?" „Das Sofa?", sein Gefährte gestikulierte unwirsch Richtung Wohnzimmer, „auf dem Sofa kann man schon seit Tagen nicht mehr sitzen ohne eines deiner Viecher zu plätten, ich brauche schon fast eine Schaufel, um überhaupt bis zur Couch durch zu dringen und du willst da noch mehr drauf packen?!"

„Also so schlimm ist es nun auch wieder nicht, da übertreibst du", blieb er hart. „Es ist doch nur ein Hobby. Bisher hat es dich doch auch nicht gestört." 

„Bisher haben mich die Dinger ja auch nicht bis aufs Klo verfolgt. Mir reicht es! Hobby oder nicht, wenn die Viecher nicht verschwinden, gehe ich!", Sasha hatte so langsam genug. 

„Bitte?", erbost erhob Castiel sich. „Ist das dein Ernst? Sie sind mir wichtig." Sashas Gesichtsausdruck verfinsterte sich. „Scheinbar ja wichtiger als ich, wenn du dich nur erhebst, weil du dein achso lebensnotwendiges Hobby verteidigen musst", seine Stimme triefte vor Sarkasmus, „ich warte jetzt schon seit Monaten darauf, dass du endlich mal deinen Hintern bewegst und irgendetwas von dir gibst anstelle von dauerhafter Häkeltierproduktion. Mir reichts! Ruf mich an, wenn du es eventuell mal geschafft hast dich zu entscheiden." Sasha stapfte zur Tür und machte sich daran seine Schuhe zu schnüren.

Castiel ging ihm schnellen Schrittes hinterher. Irgendwas kochte in ihm hoch. Das Ultimatum, das ihm sein Vater gestellt hatte, rückte immer näher, Sasha war nicht hilfreich und das Einzige, das ihm half, waren seine Häkeltiere. Sie lenkten ihn ab. Und das half ihm. Denn er hatte immer noch kein Entscheidung getroffen und keinen Ausweg gefunden und das stresste ihn. Es war ihm zu viel. „Was soll ich denn machen? Was erwartest du denn von mir?" 

Sasha schaute von seinen Schuhen auf, griff an Castiel vorbei nach seiner Jacke und schaute seinen Gefährten nur düster an.„Wenn du dich das noch fragst, dann solltest du dir eventuell mal Gedanken darüber machen, was wir zwei hier eigentlich machen." Er öffnete die Tür. „Ich kann nicht mit dir zusammen sein", warf Castiel Sasha hinterher und dann nach einer Pause noch: „Ich kann aber auch nicht nicht mit dir zusammen sein. Du weißt doch... mein Vater..." Sasha warf ihm einen verletzten Blick zu und trat in den Flur. Bevor sich die Tür hinter ihm schloss murmelte er noch: „Da hast du dann wohl deine Antwort..."

Castiel war fertig. Er war verzweifelt. Er war müde. Er war niedergeschlagen. Einfach fertig. Er wusste nicht, was er tun sollte. Er wusste nur, dass er wütend war. So, so wütend. Das war alles ungerecht. Was konnte er für seinen Gefährten? Was konnte er für seinen Vater? Was konnte er für sich überhaupt? In seiner Wut warf er das Eichhörnchen, das er noch immer in der Hand hielt, aus dem Fenster. So ein Rotz. Was konnte er für seine Häkeltiere? Es war seine Art, mit der Situation umzugehen. Er nahm das erste Häkeltier, was ihm in die Hände fiel, einen blauen Flamingo, und riss es auseinander. Achtlos ließ er das deformierte Gebilde aus Wolle und Füllwatte auf den Boden fallen und griff sich das Nächste. 

Alles war so unglaublich kaputt. Er fühlte seine tierische Seite nach vorne drängen. Er wollte Blut. Ungeachtet seiner Kleidung wandelte er sich zum Wolf, preschte zum Sofa und grub seine Reißzähne in seine Werke. Eins nach dem anderen zerfetzte er bis zur Unkenntlichkeit. Schwer atmend und mit Schaum vor dem Mund hielt er später inne. Er war umringt von Zerstörung. Speichel tropfte von seinen Lefzen auf das Sofa. Er fühle sich wie ein wildes Tier. Es fühlte sich gut an. Castiel schnaubte die Wollfusseln aus seiner Nase, die sich dort angesammelt hatten, ehe er diese in die Luft hielt und nach weiteren Opfern schnüffelte. Mit einem Satz hechtete er vom Sofa und in die Küche, dort wischte er zuerst alle Tiere von Thresen auf den Boden, um dann jede einzelne Schublade aus den Schränken zu zerren. Er grub sich durch Tier um Tier, Wolle um Wolle. Bestialisches Verlangen nach Destruktion. Der Küche folgte das Schlafzimmer. Ohne Rücksicht auf auch nur irgendwas, grub er seine Krallen in die Laken, zerriss zwei kleine Geschöpfe auf einmal. Dann noch eines. Als er sich und seine Kraft übernah, stieß er einen Nachttisch um und schlug die Lampe von der Wand. Aber es interessierte ihn nicht. Es interessierte ihn gar nichts.

Erst als jeder noch so kleine Fetzen nicht mehr als Häkeltier erkennbar war, kam er zur Ruhe. Und mit der Ruhe kam die Scham. Was hatte er nur getan? Winselnd und mit dem Schwanz zwischen den Beinen kroch Castiel rückwärts. Irgendwann stieß er an eine Wand ließ sich zu Boden fallen und vergrub den Kopf in seinem eigenen Fell. Sein Herz wummerte.

Erst Stunden später hatte Castiel sich wieder entspannt. Er ignorierte die Zerstörung einfach als er sich auf das Sofa fallen ließ. Er fühlte sich absolut nicht dazu imstande, sich der Welt auf irgendeine Art und Weise zu stellen. Er wollte lieber hier sitzen und gar nichts tun. Nicht mal denken. Leider war das Schicksal nicht auf seiner Seite. Das Klingeln seines Handys bohrte sich durch Stille und damit auch die Außenwelt in seine kleine abgeschlossene Welt. Erst wollte Castiel es ignorieren, aber dann kam ihm der Gedanke, dass es Sasha sein könnte. So schnell wie möglich hechtete er zu den Überresten seiner Hose in der Küche und zerrte das Telefon aus der Tasche. Ohne überhaupt einen Blick darauf zu werfen, nahm er ab: „Hallo." 

WolfssorgenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt