Sie sah mich verblüfft an. »Deine Freundin?«, fragte sie und drehte sich dann wieder zu Mara um. Diese nickte bestätigend. »Ja«, gab sie als Antwort. »Ich wusste nicht, dass du...«, begann sie den Satz, aber brach ab. Plötzlich blickte sie mich an und mein Herz fing an zu rasen. »Es tut mir leid. Wie unhöflich von mir. Ich bin Karen«, stellte sie sich vor und lächelte mich an. Sie streckte mir ihre Hand entgegen und ich griff nach ihr. Ich spürte, wie ich leicht zitterte. »Ich bin Ella«, erwiderte ich schüchtern. Dann meldete Mara sich wieder zu Wort. »Ich weiß es schon eine Weile, Mama. Aber es gab bisher keinen Grund, es öffentlich zu machen.« Noch immer völlig überfordert sah sie uns abwechselnd an. »Verstehe mich nicht falsch, Mara. Ich akzeptiere das natürlich, du bist alt genug. Du bist erwachsen und hast dein eigenes Leben. Aber was ist mit Max? Also es kommt alles so plötzlich, oder?« Mara seufzte. »Ich habe mich von ihm getrennt, weil ich Ella liebe. Und es schon immer getan habe«, erklärte sie und ihre Mama runzelte die Stirn. »Ihr kennt euch also schon länger?« Scheiße, dachte ich. Ich schloss für einen Moment die Augen, weil ich wusste, was Mara nun sagen würde. »Ja, sie war vor einigen Jahren meine Schülerin und dann haben wir uns aus den Augen verloren und diesen Sommer haben wir dann wieder zueinander gefunden. Möchtest du etwas trinken?«
Sie lenkte vom Thema ab. Ihre Mama nickte. »Ja, bitte. Wasser.« Ich fühlte mich unbehaglich und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ja, sie war meine Lehrerin gewesen und ich ihre Schülerin. Man konnte uns nichts vorwerfen, denn in der Schulzeit waren wir kein Paar oder hatten auch niemals den Eindruck hinterlassen, dass zwischen uns mehr war. Doch trotzdem hatte ich das Gefühl, dass es einen faden Beigeschmack hatte. Dass es sich für andere Menschen nicht richtig anhörte und vielleicht moralisch nicht vertretbar war. Aber im Endeffekt durfte man nicht vergessen, dass wir alle Menschen waren. Jeder war ein Individuum und der Beruf sagte zwar eine Menge über einen Menschen aus, doch trotzdem musste man stark differenzieren. Mara war eine tolle Lehrerin. Unabhängig von meinen Gefühlen. Das sah fast meine gesamte Klasse so. Und sie hatte sich nie etwas zu Schulden kommen lassen. Dafür war ihr der Job auch viel zu wichtig. Völlig in meinen Gedanken verstrickt, bemerkte ich nicht, dass zwei Augenpaare auf mich gerichtet waren.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte Mara besorgt und ich konzentrierte mich wieder auf sie. »Ja«, sagte ich mit erstickter Stimme. Was war denn plötzlich nur los mit mir? Warum machte ich mir wieder so viele Gedanken? Ihre Mama hatte doch gar nichts gesagt und ich benahm mich wie eine Idiotin. Und wahrscheinlich dachte sie jetzt auch noch, ich sei unhöflich. Ich musste mich echt zusammenreißen. Sie runzelte die Stirn und sah mich eindringlich an. Sie glaubte mir kein Wort. Dabei war eigentlich alles gut. Oder? »Wollen wir uns setzen?«, durchbrach Karen die Stille und setzte sich. Mara und ich setzten uns ebenfalls. »Es tut mir leid, dass ich einfach aufgetaucht bin. Ich wusste nicht, dass du Besuch hast. Ich hätte vielleicht anrufen sollen, aber wann hättest du mir denn von deiner Freundin erzählt?« Unschlüssig zuckte Mara mit den Schultern. »Ich weiß nicht. Bald. Ich musste das für mich erst einmal sortieren«, gab sie zu. »Ok, das ist völlig in Ordnung. Wie gesagt, du bist alt genug.«
Dann herrschte Stille am Tisch. Ich empfand sie als sehr unangenehm, brachte aber kein Wort hervor. Was sollte ich auch sagen? Doch Karen ergriff erneut das Wort. »Und was machst du so beruflich, Ella?« In ihrem Gesicht konnte ich echtes Interesse entdecken und ich ließ mich auf sie ein. »Ich habe bis vor einigen Wochen noch studiert, doch fange demnächst einen Job in der Schulsozialarbeit an.« Sie nickte lächelnd und betrachtete mich eingehend. Dann wurde ihre Miene ernster. »Ich kann mir gerade nur vorstellen, was in deinem Kopf abläuft. Du musst dir um mich keine Sorgen machen. Wenn Mara glücklich ist, dann bin ich es auch. Ich werde euch ganz sicher nicht im Weg stehen. Warum sollte ich auch? Das war jetzt wahrscheinlich nicht die perfekte erste Begegnung mit der Schwiegermama, aber das bekommen wir doch wohl hin, oder?« Ich musste lächeln. Sie war so sympathisch und ich verbannte all meine vorherigen Gedanken und wurde lockerer. »Danke, dass du das sagst«, erwiderte ich und räusperte mich. »Ich habe gemerkt, dass dich das beschäftigt. Und das muss es nicht.« Das war dieser Moment, in dem das Eis sprichwörtlich gebrochen war. Und ich war sehr dankbar dafür.

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Remember me || gxg
RomanceAls Ella ihren Eltern ihre Freundin Emilia vorstellen möchte, ist ihre Welt noch völlig in Ordnung. Doch kaum ist sie zurück in der Heimatstadt, holen sie die Erinnerungen an ihre erste große Liebe wieder ein. Über drei Jahre lang hatte sie diesen O...