Lichter im Dunkeln

812 69 3
                                        

Lucius streckte sich ausgiebig. Der Tag war anstrengend und stressig gewesen, genauso wie die gesamte Woche zuvor. Er musste immer in regelmäßigen Abständen bei den Sklaven auf den Baustellen vorbei schauen und darauf achten, dass sie ihre Aufgaben fehlerfrei ausführten. Natürlich gab es auch Aufseher, aber der Kaiser wünschte die Kontrolle seinerseits, zur Sicherheit. Nun stand Lucius im Theater des Pompeius, wo er bis eben noch die Sitze durchgezählt hatte, um zu berechnen, wo und wie viele noch ergänzt werden mussten. Die Sonne war schon lange untergegangen und er fürchtete, dass er auch diesmal nicht an viel Schlaf kommen würde. Die Sklaven der Baustelle waren ebenfalls schon lange weg, sie lagen jetzt vermutlich ganz in Ruhe in ihren Zelten.

Zum ersten Mal war Lucius neidisch auf irgendwelche Sklaven, denn er hatte draußen nur noch ein Pferd stehen, mit dem er dann alleine den ganzen Weg nach Hause zurücklegen müssen würde. Das dauerte nicht nur seine Zeit, es war auch gefährlich, denn Räuber hielten sich gerne nachts auch an den größeren Straßen auf. Doch Lucius hatte schon vorgesorgt, sein Schwert, das er damals von Quintus bekommen hatte, trug er unter seiner Toga auf dem Rücken, mit Ledergürten, die er sich extra hatte anfertigen lassen, als er noch im Krieg war. Normalerweise hatte er es über der Rüstung getragen, es war immer ein schöner Überraschungseffekt für die Gegner, wenn sie ihm das übliche Kurzschwert entwendet hatten und er dann sein zweites zog. Dieses Mal dankte er seiner Toga sehr für den ganzen Stoff, sonst wäre es bestimmt aufgefallen, dass er schon den ganzen Tag eine tödliche Waffe mit sich herum schleppte. Bei der Oberschicht, die nicht körperlich arbeitete, waren Waffen gar nicht gerne gesehen und allgemein in Rom auch nicht.

Schließlich war Lucius mit allem fertig, er hatte sich die Zahlen notiert und würde sie morgen dem Bauunternehmen zukommen lassen. Er trat aus dem Theater heraus, wo sein Pferd ein wenig einsam, aber immerhin mit einer Portion Heu stand. Normalerweise ritt Lucius noch ganz gerne auf Coenomi, doch er war schon älter und er hatte ihm die Strecke von Rom bis zur Küste nicht antun wollen. Vor allem, weil es so schnell wie möglich gehen sollte.

Der Senator schwang sich auf den Pferderücken und ritt nicht allzu schnell, dennoch zügig die Straßen hinunter in Richtung Stadttor.

Da er sich auf den großen Straßen aufhielt, sah er auch wieder mehr Menschen. Nachts warn die Stadttore für die Wagen der Bauern geöffnet, die ihre Waren zum Markt brachten. Lucius hielt sich eher am Rand der Straße, sodass er noch gut an dem Verkehr vorbei kam. Schließlich passierte er das Stadttor und kam auf die Landstraße. Hier erhöhte er das Tempo zu einem lockeren Galopp, den sein Pferd wohl eine Weile durchhalten würde. Denn außerhalb der Stadt war keinerlei Sicherheit garantiert, es gab hier keine Soldaten oder Patrouillen, die man im Notfall rufen konnte. Und in einem höheren Tempo hatte man eine größere Chance wegzukommen, falls sich doch jemand von der Seite anschlich.

Lucius musste nach einiger Zeit die Hauptstraße verlassen und schlug die Landstraße in Richtung seiner Villa ein. Hier begegneten ihm nur noch wenige oder gar keine Wagen. Unglücklicherweise kam auch noch hinzu, dass es teilweise bewölkt war und der Mond dadurch verdeckt. Bei der nächsten Kreuzung musste Lucius anhalten, um den Wegweiser zu suchen, denn er war sich nicht ganz sicher, wo er lang musste. Tagsüber wäre das bestimmt kein Problem gewesen, außerdem kannten seine Sklaven, die die Sänfte trugen oder den Wagen fuhren, den Weg nach Rom bereits in- und auswendig.

Endlich hatte er einen Wegweiser gefunden und versuchte gerade, die Schrift zu entziffern, als er ein Rascheln im Gebüsch hinter sich hörte. Er erstarrte in seiner Bewegung, es war definitiv jemand hinter ihm. Auch, wenn es vermutlich ziemlich dumme Räuber waren, keiner hätte es geschafft, so laut zu sein, hatte Lucius dennoch eine Lust, sich diesen Leuten zu stellen. Er hätte es gekonnt und es entsprach auch nicht gerade dem Bild des idealen Römers, aber er wollte heute einfach nur nach Hause in sein Bett und nicht wieder zurück nach Rom, um ein paar Leute wegen versuchten Überfalls vors Gericht zu bringen.

Kaum hatte er diesen Wunsch gedacht, blitzte plötzlich etwas vor ihm auf. Ein mehrfaches Aufkeuchen hinter ihm bestätigte die Annahme, dass dort Diebe waren. Vielleicht in zehn Fuß Abstand. Dennoch interessierte das Lucius in dem Moment reichlich wenig, denn vor ihm, auf einem der Wege hinter der Kreuzung, schwebte eine kleine Lichtkugel. Sie flackerte ein wenig, sah aber trotzdem nicht aus, wie Feuer. Wenn Lucius es definieren müsste, dann hätte er gesagt, es wäre pures Licht.

Irgendetwas in Lucius sagte ihm, er solle dort hin gehen. Er wusste nicht wie oder warum, aber irgendwie war da eine Verbindung, etwas Vertrautes an diesem Licht. Er lenkte sein Pferd darauf zu, doch ehe er ihr viel näher kommen konnte, verschwand sie. Es machte sich schon ein Gefühl der Enttäuschung in ihm breit, als in ein paar Fuß Entfernung die nächste Kugel auftauchte. Er hielt wieder darauf zu, sie verschwand, eine Neue tauchte in einiger Entfernung auf. Lucius trieb sein Pferd wieder an, sodass es in einen zügigen Trab fiel. Nach etwa vier weiteren Lichtkugeln drehte er sich kurz nach hinten, doch die Räuber hatten sich wohl nicht getraut, ihm zu folgen. Lucius atmete erstmals tief durch, das war wirklich knapp gewesen. Doch sein Verstand sagte, dass er eigentlich auch Angst haben sollte. Es tauchte schließlich nicht alle Tage eine Lichtkugel vor ihm auf. Doch irgendwie hatte er keine Angst. Er empfand einfach keine. In seinem Kopf schwirrten tausende Gedanken, bestimmt die Hälfte davon war die Frage: ‚Warum fürchtest du dich nicht?'

Doch seine Emotionen wollten dieses Gefühl nicht hergeben, jedes Mal, wenn er dem Licht näher kam, fühlte es sich ein wenig nach Zuhause an.

Apollo atmete tief durch. Das hätte wirklich schief gehen können. Lucius hatte die Banditen einige Zeit nicht gemerkt und schließlich hatte er ihn einfach nur noch aus der Situation holen wollen. Da war es ihm egal, dass Lucius etwas ahnen könnte. Eigentlich war es sogar gut, vielleicht kam er ja selbst darauf, dass er zumindest eine göttliche Verbindung hatte. Apollo fürchtete sich immer noch davor, Lucius sagen zu müssen, dass er einer der zwölf großen Götter war, und dann auch noch Apollo. Er hatte in seiner Vergangenheit nicht gerade viel für den Ruf getan, besonders treu zu sein. Er wollte nicht, dass Lucius ihn von sich stieß. Tatsächlich hatte Apollo schon mit dem Gedanken gespielt, sich einfach eine Ausrede einfallen zu lassen und dann als Stirrius zu Lucius zurück zu kehren und dann ein sterbliches Leben mit ihm zu führen. Doch er war auch schnell zur Vernunft gekommen und hatte eingesehen, dass es nicht ging, eben weil er einer der ganz Großen war und sich so leicht kein Ersatz finden ließ. Sein Sohn hatte sich schon längst dazu entschieden, der Gott der Hochzeit zu werden, was ihm auch bald bewilligt werden würde. Außerdem hatte er so oder so keinen richtigen Sinn für Kunst. Stattdessen trieb er sich gerne und häufig mit Amor herum und machte sich einen Spaß daraus, mit ihm irgendwelche Leute abzuschießen, von denen er meinte, dass sie gut zusammen passten. Die beiden waren sehr gut befreundet, wobei vielleicht ein kleiner Aspekt in diese Freundschaft hinein spielte, nämlich dass sie beide nur miteinander auf die Weise fliegen konnten, wie man es mit Flügeln nun mal tat. Alle anderen Götter flogen, wenn sie es denn konnten, auf eine andere Art und Weise. Mit Flügeln war das Gefühl, laut Hymenaeus, sehr viel befreiter.

Apollo schüttelte leicht den Kopf, als er merkte, dass seine Gedanken abdrifteten. Er würde später noch mit Merkur reden müssen, vielleicht konnte dieser einen Zauber über Lucius legen, dass solche Situationen in Zukunft nicht mehr vor kamen. Vorerst würde er sich allerdings noch eine Weile hinlegen. Eigentlich brauchten Götter keinen Schlaf, sie taten es nur aus Genuss oder Langeweile. Doch Apollo fühlte sich nach wie vor von Zeit zu Zeit schlapp oder müde, die Arbeit, die er noch aufholen musste, half ihm nicht gerade dabei, sich wieder vollständig zu erholen. Er löschte das Bild auf dem Spiegel, das gerade zeigte, wie Lucius auf dem Hof seiner Villa ankam, dann begab er sich zu seinem Schlafgemach. Auf dem Weg wünschte er noch einigen der Musen, die gerade aus einem der Musikzimmer kamen, eine gute Nacht, dann ließ er sich erschöpft auf sein Bett fallen, konnte gerade noch seine Kleidung verschwinden lassen, bevor er einschlief. Er hatte es bitter nötig.

Amor vincit omniaGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt