Wiederfinden

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Ein Brief lag auf dem Schreibtisch, der alles andere als aufgeräumt war. Er lag auf einem Haufen von anderen Briefen, Dokumenten, Verzeichnissen, Verträgen, einer Rede. Zum Fenster schien die Sonne herein und schickte ihre ersten warmen Strahlen in das Zimmer. Ein wenig Staub flog durch die Gegend, der sonst unsichtbar für das Auge war.

Lucius streckte sein Gesicht genüsslich der Wärme entgegen und er konnte sich denken, dass gerade mehrere Tausend andere in Rom dasselbe taten, denn es war die erste nach einem harten, langen Winter. Es hatte geschneit und Lucius wusste nicht, wann es das letzte Mal zuvor in Rom geschneit hatte. Vielleicht nie. Es war nicht zu seinen Lebzeiten gewesen.

In den vergangenen Monaten war alles nur in Tönen von Weiß und Grau und Blau gekleidet gewesen. Die Luft war kalt gewesen, wie als würde sofort alles frieren, was nicht unter Kleidung versteckt war. Je länger sie angehalten hatte, desto länger hatte Lucius mit der Zeit auf Schwäne warten müssen. Apollo meinte, es sei für sie schwerer geworden, herzukommen, aber sie empfanden auch keine Begeisterung für die Kälte. Lucius hatte sich immer Mühe gegeben, sie nach der Zustellung eines Briefes wieder aufzuwärmen.

In den letzten beiden Wochen war der Schnee geschmolzen. Es hatte noch geregnet und zu der Kälte hatte sich dann Nässe gesellt, doch an diesem Morgen war Lucius schon mit einem ganz anderen Gefühl aufgewacht. Es war noch dunkel gewesen, aber wie er seine Fenster geöffnet hatte, um zumindest ein bisschen frische Luft hinein zu lassen und einen prüfenden Blick über den Hof gleiten zu lassen, hatte er bereits bemerkt, dass etwas an der Brise anders war, die ihm entgegen wehte. Normalerweise hatte sich eine Gänsehaut über ihn gezogen und er hatte das warme Tuch enger um sich geschlungen. Jetzt hatte er einen angenehm warmen Schauer bekommen.

An diesem Tag hatte er das Gefühl, die Welt würde ein stückweit aufblühen. Der Himmel war blau, aber nicht das blau, dass ihnen sonst die Kälte versprochen hatte, diesmal war es ein blau, das ihn an das Meer erinnerte, das in der Villa am Meer durch das Fester glitzerte. Die Welt war nicht mehr grau, stattdessen waren die Wiesen jetzt grün, die Ziegel auf den Dächern rot, und als Lucius hinaus auf die Weiden ging, um sich von den Sklaven sagen zu lassen, ob die Zäune alle noch in Ordnung waren, glaubte er, einige erste Blüten am Wegesrand gesehen zu haben.

In seinem Arbeitszimmer las er den Brief, den er von seinem Liebsten bekommen hatte, ein drittes Mal, wobei er nicht wusste, zum wievielten Mal seine Augen über die letzte Zeile huschten.

„Ich komme nach Hause."

Ein Lächeln huschte über seine Lippen. Er erwischte sich, wie er verstohlen in den Himmel schaute, wie als würde er erwarten, dass Apollo gleich irgendwo hinter einer Wolke auftauchen würde und er mit seinem Wagen wieder aus dem Land der Hyperboreer direkt zu ihm geflogen kam. Der rationale Teil seines Kopfes schrie ihn an, dass er in die falsche Richtung dafür schaute.

Er versuchte sich noch eine Weile lang auf seine Arbeit zu konzentrieren, doch ziemlich bald gab er es auf. Das wurde heute nichts mehr. Da konnte er auch gleich lieber etwas anderes machen, um seinen Kopf frei zu kriegen. Er packte seine Schreibsachen an die Seite und begab sich auf den Flur, in der Hoffnung, dass ihm vielleicht irgendeine Beschäftigung entgegen flattern würde. Es war keine Seltenheit, dass ein Sklave sofort mit einer dringenden Nachricht auf ihn zu gelaufen kam, sobald er auch nur die Türe öffnete.

Dieses Mal war das nicht der Fall. Stattdessen entschied er sich, einfach ein wenig herum zu gehen. Er würde schon etwas finden.

Seine Schritte führten ihn in den Teil des Hauses, den er normalerweise nicht nutzte. Nicht, dass er vollständig überflüssig wäre, aber in Lucius' Alltag war er irgendwie nicht so ganz miteinbezogen. Hier befand sich das Warmbad, das Lucius seit Ewigkeiten nicht betreten hatte. Normalerweise beschränkte er sich auf eine kurze Wäsche an jedem Morgen, aber er hatte keine Zeit, sich seine Stunden am Nachmittag in einem Bad zu vergeuden. Er musste an die Zeit denken, in der er gerade erst Stirrius kennen gelernt hatte, seinen prinzipiell ersten Befehl. Heutzutage verspürte er den Wunsch, seinem jugendlichen Ich einmal kräftig eine zu langen.

Eine Etage weiter oben war das Zimmer, in dem seine Kinder in der Regel gelehrt wurden. Momentan war es nur Spurius, denn Lucia verbrachte ihre Zeit bei Quintus' Familie. Aber auch Spurius war heute in die Stadt gegangen, denn auch er wollte die erste Wärme ausnutzen. Zudem meinte er, er habe einige Freunde gefunden, mit denen er sich über Dichtungen unterhalten könne. Lucius meinte, solange er nicht in Schwierigkeiten geriet, sollte er das tun.

Das nächste Zimmer war das Musikzimmer. Die Instrumente standen schon lange unberührt hier, sein Vater hatte keinen Wunsch besessen, sie mitzunehmen. In einer Ecke stand die alte Hydraulis, eine Kithara auf einer Kommode und zwei Lyras hingen an der Wand. In dem Regal auf der anderen Seite waren Schriften, die Lucius in seiner Kindheit und Jugend gepaukt hatte, voll mit Techniken und Liedern.

Lucius wandte sich einer Truhe zu, die neben der Kommode stand. Er öffnete den schweren Holzdeckel und in Tüchern gebettet lag dort seine alte Kithara. Er hatte sie immer sehr gemocht, nicht nur das spielen, auch ihr Aussehen alleine. Er wusste nicht mehr, woher er so ein schönes Instrument bekommen hatte. Er glaubte nicht, dass es sein Vater gewesen war.

Er zog sich den nächstbesten Hocker heran und ließ sich darauf nieder, die Kithara platzierte er in seinem Schoß, sodass er den Tragegurt um sein Handgelenk schlingen konnte und das Instrument gegen sein Brust stützen konnte. Als er aber über die ersten Saiten strich merkte er schon, wie sollte es auch anders sein, sie waren eindeutig verstimmt. Er hoffte nur, dass sie nicht so alt waren, dass sie reißen würden.

Nach einiger Zeit des Ausprobierens und Stimmens, jedenfalls soweit es Lucius möglich war, er war sich nicht sicher, ob das alles so tatsächlich richtig war, konnte Lucius einige Töne anschlagen, ohne dass es falsch klang. Immerhin etwas.

Es dauerte ein wenig, sich wieder in das Spielen einzugewöhnen. Er wusste noch, wie es ging, das konnte er so leicht nicht vergessen, doch manchmal kam es vor, dass seine Finger doch irgendwie zu falschen Saiten gelangten. Er beschlosss, sich doch auf nur ein Lied zu konzentrieren. Zuerst hatte er überlegt, einfach ein wenig kreuz und quer durch die ihm bekannten Lieder zu spielen, aber da er sich so oder so immer wieder verspielte, klang es so oder so wie keine richtigen Lieder, eher wie eine ausgedachte Melodie.

Lucius versuchte sich an dem Stück, das er glaubte, am besten im Kopf zu haben. Es war eines, das Apollo ihm beigebracht hatte, als sie vor langer Zeit noch zusammen geübt hatten. Besser gesagt, als Apollo ihm die Ratschläge gegeben hatte, die sein Lehrer ihm nicht hatte geben können oder wollen. Jedenfalls hatten die Tipps es einfacher gemacht und als er versuchte, diese wieder anzuwenden, ging es auch bald schon besser. Zum späten Nachmittag hin war Lucius stolz, dass er ein Lied wieder perfekt konnte. Seine Arbeit hatte er für heute vergessen. Er hatte das Spielen vermisst.

Amor vincit omniaGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt