Lucius saß über Briefen, als Apollo hineingeschneit kam. Er hatte sich nicht angekündigt, aber das war ja so oder so selten der Fall. Ein Gott tat, was er wollte, wer sollte es ihm verbieten. Lucius sah auf und wunderte sich, warum Apollo einen Reisemantel trug. Das hatte er noch nie an ihm gesehen, genauso wenig, wie Haare, die ordentlich nach hinten in einen Knoten frisiert waren, der widerstandsfähig aussah. „Was hast du denn vor?" Apollo schlüpfte durch die Türe, nachdem er sich nach anderen Anwesenden umgesehen hatte. Es war keiner da, Lucius bevorzugte es, alleine zu arbeiten, dabei aber immer jemanden in Rufweite zu haben, falls es doch etwas gab.
„Ich wollte mich verabschieden", sagte Apollo. „Verabschieden? Warum das?", fragte Lucius. Apollo trat näher zu Schreibtisch. „Es wird doch schließlich langsam Winter. Ich gehe ins Land der Hyperboreer, wie jedes Jahr. Ich habe gedacht, du wüsstest das." „Ich weiß es schon, nur... Ich habe ehrlich gesagt nicht daran gedacht. Und eigentlich auch nicht erwartet, dass du gehen würdest", gab Lucius zu. Apollo sah geknickt aus. „Tut mir auch wirklich leid. Ich habe eigentlich keine Lust, zu gehen. Aber leider ist es Tradition, außerdem brauchen die da drüben immer mal jemanden, der vorbeischaut und für ein wenig Ordnung sorgt. Und das bin nun mal ich." Lucius nickte verständnisvoll. Er wusste nur zu gut, dass Apollo auch Pflichten hatte. Andernfalls würde er bestimmt vierundzwanzig Stunden am Tag in unsichtbarer Form bei Lucius seine Zeit vertreiben. So weit Lucius wusste, war das, woran Apollo am meisten arbeitete, Gebete der Menschen. Sie mussten verwaltet und beurteilt werden, je nach dem, welche man berücksichtigen und erfüllen konnte und welche man ignorieren musste.
Lucius stand auf und umrundete den Tisch. Er umarmte Apollo. „Ich nehme an, dann geht es jetzt los?" Er spürte, wie Apollo über ihm nickte. Er drückte ihn fester an sich. Dann sah er ihm in die Augen. „Ich wünsche dir eine schöne Zeit. Pass auf dich auf, hörst du? Und komm im Frühling wohlbehalten wieder zurück." Er wollte sich nicht anmerken lassen, dass sich in ihm alles zusammen zog. Apollo merkte es nicht. Oder er sagte nichts. „Das werde ich." Er drückte Lucius wieder an sich und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. „Ich schreib dir ganz viel. Meine Schwäne werden dir die Briefe bringen und deine wieder zu mir nehmen. Sie sind schnell und sie kennen den Weg. Niemand anders wird sie sehen", sagte Apollo. „Ich freue mich drauf", antwortete Lucius. Er ließ Apollo los und sie küssten sich, diesmal richtig. Lucius versuchte, ihm irgendwie mitzuteilen, wie er ihn vermissen würde. Dann ließ er Apollo gehen, auf diese Reise, die er nicht erwartet hatte. Wie lange auch immer sie dauern würde.
Sein Bett fühlte sich wieder groß und kalt an. Er hatte das Gefühl, viel zu klein für es zu sein. Wann war noch gleich das letzte Mal gewesen, als er alleine geschlafen hatte? Er erinnerte sich nicht. Es dauerte länger, bis er einschlief.
Die nächste Woche kam noch kein Brief von Apollo. Er wusste nicht, war er erwartet hatte, daher ging Lucius einfach seinen ganz normalen Tätigkeiten im Senat nach. Diesbezüglich gab es aber genug zu tun, man hatte sich weiter Britannia zugewandt und wollte die Befestigungen sowie die Legionen auf der Insel weiter ausbauen.
Als Sohn eines Feldherrn und Bruder eines Feldherrn und selbst ehemaliger Feldherr kam es so, wie es kommen musste. Lucius wurde in die Beratungen einbezogen. Es schien auch keine kleine Rolle gespielt zu haben, dass er Neros Zuneigung gewonnen hatte, seit ihm die Festspiele zu seinem Geschmack gelungen waren. Jetzt war er einer derjenigen, die man anschleimte, wenn man an den Kaiser gelangen wollte. Lucius winkte sie alle gerne weiter zu seiner Majestät durch. Es hatte noch keine Beschwerden gegeben.
Als die zweite Woche anbrach und Lucius bei den Pferden war, sah er endlich einen Vogel in der Ferne. Er flog so direkt auf ihn zu, dass er gleich dachte, es musste etwas mit ihm auf sich haben und als er dann erkannte, dass es tatsächlich ein Schwan war, machte sein Herz einen Hüpfer. Die Pferde in seiner Nähe reagierten nervös, als der Schwan elegant auf einem der Holzbalken landete und sich sein strahlend weißes Gefieder putzte. An seinem linken Bein war ein Brief befestigt. Lucius näherte sich und das hübsche Tier sah auf. „Du hast etwas für mich?", fragte Lucius. Der Schwan ließ ihn unbehelligt näher kommen und ihm die Nachricht vom Bein binden. „Danke. Möchtest du irgendetwas? Wasser, etwas zu essen? Wobei ich nicht weiß, was Schwäne so essen. Oder heilige Schwäne. Weißt du was, ich nehme dich einfach mit in die Küche und du suchst dir etwas aus." Lucius trug den Vogel in die Küche, wo er sich an Wasser und Brot zur genüge tat. Währenddessen las er den Brief:
„Liebe Melilla,
ich hoffe, es geht dir gut und es ist nicht zu kalt bei euch in Rom. Hier in Hyperboreer ist es warm wie immer, denn es wird niemals kalt. Ich mag daran am liebsten, dass die Blüten niemals verwelken. Am liebsten würde ich es dir zeigen. Ich glaube, du würdest es mögen. Es gibt praktisch alles, was das Herz begehrt und vor allem ist es friedlich hier. Manchmal vermisse ich den Olymp überhaupt nicht, manchmal wünschte ich, ich würde einmal eine laute Streiterei in dieser ganzen Ruhe erleben. Vor allem liebe ich es, wenn Juno anfängt, ihre Schuhe zu werfen. Nur nicht nach mir. Lieber Bacchus. Oder Merkur. Um ganz ehrlich zu sein, wir sind von allem am häufigsten betroffen.
Ich vermisse auch Hymen. Es tut gut, einmal das Vater-Sein ruhen zu lassen, aber vermissen tut man seine Kinder dann schon. Vor allem, weil ich ihn schon so lange habe. Es wirkt nicht immer so, manchmal bekomme ich noch immer das Gefühl, ich müsse mich um ihn sorgen. Und dann merke ich, dass er mittlerweile schon ganz alleine stehen kann.
Es ist bestimmt dasselbe mit Lucia oder nicht? Ich kann mir zumindest gut vorstellen, dass es merkwürdig ist, wenn sie auf einmal ihre meiste Zeit mit ihrem Mann verbringt. Haben die beiden jetzt eigentlich schon Pläne, wann sie ausziehen wollen? Hatte Quintus etwas gefunden?
Jetzt stelle ich hier so viele Fragen und komme überhaupt nicht zum Punkt. Manchmal will mir das nicht gelingen, zumindest nicht so, wie ich es will. Siehst du?
Eigentlich wollte ich sagen, dass ich dich am meisten vermisse. Ich hätte es nicht gedacht, aber es ist schrecklich. Ich bin es schon gar nicht mehr gewöhnt, dass ich mir überlegen muss, was ich mit meiner freien Zeit mache, das muss ich ganz offen zugeben. Früher war es ja immer klar, dich besuchen. Heute, was weiß ich? Spazieren gehen? Zum tausendsten Mal um denselben See herum? Das, was einem am meisten beim Zeitvertreib helfen würde, wäre wahrscheinlich, Blumen zu pflücken. Davon gibt es hier mehr als genug. Ich glaube, ich werde dir auch welche mitbringen, aber die pflücke ich erst, wenn der Winter langsam vorbei ist.
Ich würde dich gerne einmal mitnehmen, hier hin. Ich würde dir alles zeigen, all die schönen Dinge, die es hier gibt, all die schönen Orte und wir könnten ganz für uns Zeit miteinander verbringen. Lass uns das einmal machen, wenn wir irgendwann Zeit dafür finden und ich dich dann mitnehmen kann. Ich freue mich schon sehr darauf. Aber jetzt freue ich mich erst einmal darauf, wenn der Winter endlich zu Ende geht und wenn ich eine Antwort von dir bekomme.
Tausend Küsse, um die Woche wieder aufzuholen und ganz liebe Grüße
Apollo"
Lucius musste lächeln, als er Apollos Brief las. Irgendwie war er so typisch Apollo. Er streichelte dem Schwan über das Gefieder und als er sicher war, dass dieser fertig mit seinem kleinen Mahl war, nahm er ihn mit nach oben, um Apollo eine Antwort zu schreiben.
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Amor vincit omnia
Historical Fiction16 Jahre nach seinem vermeindlichen Tod wacht Apollo aus seinem Koma auf. Er befindet sich wieder auf dem Olymp und muss feststellen, dass seine große Liebe bereits verheiratet ist und ganze vier Kinder hat. Ob er es trotzdem schafft, Lucius wieder...
