Ein sanfter Geruch von Blumen umhüllte ihn. Er wusste nicht genau, welche es waren, aber das kümmerte ihn auch nicht. Der Boden war bedeckt von ihnen, sie leuchteten sanft und golden. Wenn er nach oben sehen würde, würde er einen dunklen Himmel und die Sterne sehen, jedoch keinen Mond, das wusste er. Er hatte den Traum schon häufig gehabt und wusste genau, was passieren würde. Darum zuckte er auch nicht zusammen, als er plötzlich de Stimme hinter sich hörte. Er drehte sich um und dort stand er. Wunderschön, wie immer, obwohl man teilweise die Narbe auf seinem Brustkorb sehen konnte. Warum der andere ausgerechnet ein griechisches Gewand trug, wusste er nicht. Aber es stand ihm außerordentlich gut. Auf der Brust glitzerte seine Kette, mit dem Stein, der genau dieselbe Farbe hatte, wie seine Augen. Auf seinen Lippen lag ein sanftes Lächeln, doch in seinen Augen konnte man den Schmerz erkennen, der tiefe Narben hinterlassen hatte. Und genauso klang seine Stimme, als er sprach.
„Lucius. Komm zu mir."
Angesprochener seufzte leise. „Du weißt, warum ich nicht zu dir komme." Eine leichte Überraschung machte sich auf Stirrius' Gesicht breit. Merkwürdig, dachte Lucius, das passt nicht ins übliche Schema. „Nein. Ich weiß es nicht. Warum willst du nicht zu mir kommen, Liebster?", fragte der Blonde. Lucius wusste, eigentlich sollte er die Nerven behalten, doch er konnte nicht. Auf einmal brach alles aus ihm heraus. Der ganze Frust, der in den Träumen entstanden war, die ganze Trauer, die sich in den letzten Jahren angesammelt hatte, der ganze Schmerz, der ihn seit dem Tod seines liebsten Menschen begleitete. Es brach heraus, in der Form von salzigen Tränen, die sich den Weg auf seinen Wangen hinunter bahnten.
„Ich komme nicht zu dir, weil ich nicht kann! Das musst du doch wissen! Ich habe es probiert, immer und immer wieder! Aber mit jedem Schritt versinke ich tiefer in diesen vermaledeiten Blumen! Sie verschlucken mich, je näher ich dir komme! Und wenn ich dich fast erreicht habe, ist da nur noch Dunkelheit! Warum weißt du das denn nicht?" Lucius schrie ihn an, obwohl er wusste, dass er dafür nichts konnte. Er hatte es nur so satt, jedes Mal, wenn seine Wunden fast verheilt waren, hatte er diesen Traum und sie wurden wieder aufgerissen. Es ließ ihn bluten, es ließ sein Herz bluten und es tat so unglaublich weh.
Stirrius sah ihn mitleidig an und es durchfuhr ihn wie ein Schwerthieb. Er wollte das Mitleid nicht. Um ehrlich zu sein, wollte er gar nichts mehr. Er wollte nicht bemitleidet werden, noch bewundert werden, noch irgendetwas. Er wollte einfach nur noch sterben.
Aber aus irgendeinem Grund war dort immer etwas gewesen, wie ein dünner, aber unnachgiebiger Faden, der ihn aufhielt, das Messer weiter zu bewegen oder die Giftflasche an die Lippen zu heben. Eigentlich hatte Lucius gedacht, es würde aufhören, sobald seine Kinder erst einmal alt genug waren. Er hatte es wieder versucht, an Spurius' sechzehnten Geburtstag. Aber es war wieder dasselbe gewesen, wieder war dort etwas gewesen, dass ihn in der Welt der lebenden hielt.
„Es tut mir leid, Liebster. Aber vielleicht ist es diesmal anders." „Nein! Nein ist es nicht. Das sagst du auch jedes Mal." Erst war Lucius noch laut, dann senkte er den Kopf und flüsterte am Ende nur noch. Sein schlechtes Gewissen machte Meldung in seinem Kopf. Er hob den Blick langsam zu Stirrius, um ihn sofort wieder zu senken. „Tut mir leid", flüsterte er, „Ich wollte dich nicht so anschreien." Er war sich nicht sicher, ob sein Gegenüber ihn verstanden hatte, aber immerhin war das hier ein Traum. Er würde es schon gehört haben. Seine Gedanken bestätigten sich, als Stirrius versöhnlich meinte: „Ach, schon gut. Ich verstehe dich ja." Lucius atmete erleichtert die Luft aus, die er offenbar angehalten hatte. Er sah den Blonden wieder an und erschrak. „Was machst du den da?", frage er leicht panisch. „Ich gehe doch nur zu dir. Wenn du nicht zu mir kommen kannst, komme ich eben zu dir", sprach Stirrius. Lucius riss die Augen auf und rief: „Nein! Bleib da stehen! Am Ende versinkst du noch. Und ich könnte es nicht ertragen, dich erneut sterben zu sehen." „Lucius, sieh mich an. Schau mir in die Augen." Lucius kam dem sanften Befehl nach. „Dieses Mal ist es anders. Ich kann zu dir gehen. Vertrau mir."
In der Sekunde, in der Stirrius diese Worte gesprochen hatte, begriff Lucius es. Er hatte Recht. Er würde nicht untergehen. Lucius wusste nicht, woher auf einmal diese Gewissheit kam, es war einfach in seinem Kopf. Dieser Gedanke war auf einmal so klar, so selbstverständlich.
„In Ordnung." Lucius würde Stirrius immer vertrauen. Gebannt sah er zu, wie der Blonde einen Schritt nach dem anderen tat und mit jedem wuchs seine Hoffnung. Doch am Ende hielt er es doch nicht mehr aus und kniff seine Augen zusammen.
Plötzlich spürte er etwas Warmes, das ganz federleicht und weich über seine Wange strich. Er schlug seine Augen auf und sah Stirrius' Gesicht nicht weit von seinem entfernt vor sich. Lucius griff nach der Hand an seiner Wange, strich leicht über die Knöchel, die feingliedrigen Finger, bevor er sie vor sich hielt und einen sanften Kuss darauf hauchte. Stirrius lächelte ihn an, mit seinem wunderschönen Lächeln, das in Lucius immer das Gefühl auslöste, als würde die Sonne aufgehen.
Stirrius legte wieder seine Hand an seine Wange, nahm diesmal noch die zweite dazu, beugte sich vor und küsste sanft Lucius' Stirn. Als er sich wieder löste, war Lucius fast ein wenig enttäuscht, wollte nun seinerseits Stirrius küssen. Doch dieser wich vor ihm zurück und legte ihm sanft die Hand auf den Mund.
„Nicht jetzt, Liebster." Offenbar sah er die Enttäuschung in Lucius' Augen, denn er fuhr fort: „Wir werden uns aber wieder sehen. Das schwöre ich. Beim heiligen Styx." Und damit fing er an, sich aufzulösen. Alles von ihm verwandelte sich einfach in die kleinen goldenen Blüten, die auch sonst überall waren, und wehten davon, bevor Lucius nach ihnen greifen konnte. Eine Leere entstand in ihm, die, die schon immer seit Stirrius Tod da gewesen war.
Doch nun war dort noch etwas anderes. Irgendwo, in dieser dunklen Leere, konnte Lucius es deutlich spüren. Ein kleiner Funke, der langsam, beinahe nicht zu bemerken, aber sicher, größer und wärmer wurde.
Lucius schlug seine Augen auf. Er musste mehrmals gegen das Licht anblinzeln, das durch seine Fenster fiel. Langsam wurden die Konturen klarer, bis er den vertrauten Baldachin über seinem Bett, die Decke und die Verhänge erkennen konnte, die durch eine Meeresbrise ins Zimmer wehten. Er rieb sich über die Augen und atmete tief durch. Das war wieder ein merkwürdiger Traum gewesen. Niemals zuvor hatte er Stirrius erreichen können, aber jetzt hatte er ihn berühren können. Das war niemals so gewesen und es verwirrte ihn. Und da war dann auch noch der heilige Schwur gewesen. Warum hatte Stirrius auf einmal beim Styx geschworen, dass sie sich wieder sehen würden? Das machte doch alles keinen Sinn.
Langsam kletterte er aus dem Bett und trat ans Fenster. Als auf das glitzernde Meer sah, musste er lächeln. Lucius liebte die Aussicht von hier. Kurz vor ihm lag der weiße Sandstrand und die letzten Ausläufer seines Gartens, dahinter die blauen Weiten. Ab und an sichtete er ein Segelschiff, das langsam hinter dem Horizont verschwand und fragte sich dann immer, wohin es wohl fuhr. Vielleicht in ferne Länder, nach Ägypten, Griechenland.
Lucius riss sich wieder von dem Anblick los, dann rief er nach den Sklaven, die ihn ankleiden würden. Heute müsste er in die Stadt fahren und sich um die Plätze für die Neronia kümmern. Er würde kontrollieren müssen, ob sie intakt und geeignet für die Vorstellungen des Kaisers waren. Außerdem würde er mit den Zuständigen reden müssen, damit er die Orte zur freien Verfügung gestellt bekam. Froh darüber, dass er die Gedanken an den Traum schnell hatte beiseite schieben können, machte er sich in einem Wagen auf nach Rom, nachdem er ein leichtes Frühstück eingenommen hatte. Bei den Kindern ließ er sich entschuldigen, sie würden wohl verstehen, dass er in der nächsten Zeit häufiger außer Haus sein würde.
Als erstes ließ er sich zu den Gärten am Mons Vaticanus bringen, dort würde er auf einen Gärtner treffen und mit ihm besprechen, ob etwas neu bepflanzt oder anders wie dekoriert werden müsste. Dann ging es weiter zur Saepta Iulia und als letztes zum Theater des Pompeius. Lucius genoss die letzten Augenblicke der Ruhe, bevor langsam der immer währende Großstadtlärm Roms in seine Ohren drang. Dennoch war er sehr gespannt, was der Tag noch bringen würde.
DU LIEST GERADE
Amor vincit omnia
Ficción histórica16 Jahre nach seinem vermeindlichen Tod wacht Apollo aus seinem Koma auf. Er befindet sich wieder auf dem Olymp und muss feststellen, dass seine große Liebe bereits verheiratet ist und ganze vier Kinder hat. Ob er es trotzdem schafft, Lucius wieder...
