Lucius und Apollo waren auf dem Platz vor dem Badehaus verabredet, in dem der Kaiser üblicherweise, und auch diesmal, residierte. Lucius hatte sich getraut, eine der neuen Togen anzuziehen, die er vor nicht allzu langer Zeit mit Apollo gekauft hatte. Er entdeckte ihn relativ schnell auf dem Platz, statt einem Chiton hatte er diesmal ebenfalls zu einer römischen Toga gegriffen.
Sie begrüßten sich mit einer Umarmung, dann fragte Lucius: „Apollo, kann ich dich um einen Gefallen bitten?" „Selbstverständlich, was gibt es?" „Also, ich weiß ja, dass ich gesagt habe, dass ich uns nicht mehr verstecken möchte, nicht?" „Ja." „Könnten wir trotzdem heute nicht gleich aufs Ganze gehen? Versteh mich nicht falsch, ich möchte schon gerne signalisieren, dass du zu mir gehörst, falls... Du weißt schon. Aber vielleicht... nicht ganz so viel auf einmal?", versuchte Lucius seine Bitte auszudrücken. Und er dankte den Göttern dafür, dass er so einen verständnisvollen Geliebten hatte, der sagte: „Natürlich, wenn dir das lieber ist, gehen wir es langsam an. Nur keine Eile." Lucius lächelte erleichtert. „Danke." Denn einerseits wollte er Apollo wirklich nicht wieder vernachlässigen, andererseits war es natürlich nicht so, als ob seine ganze Angst einfach verflogen wäre.
Sie betraten gemeinsam das Badehaus, in dem sie direkt von einigen Sklaven in die Umkleiden geleitet wurden. Außerdem wurde ihnen gesagt, wo sie den Kaiser auffinden konnten, der einige Becken für sich reserviert hatte.
In der Umkleide fiel Lucius sein Fehler auf. Apollo war viel zu gutaussehend, wie kam er denn bitte auf die Idee, ihn in ein Badehaus mitzunehmen, und dabei zu erwarten, dass ihn niemand interessiert angucken würde? Am liebsten hätte er Apollo wieder seine Klamotten entgegen geschmissen, aber er riss sich zusammen. Apollo war sein Geliebter und er würde dazu stehen. Beide von ihnen.
Sie sprangen beide einmal in das Kaltbad, dann begaben sie sich schnell bibbernd in den Raum mit den Warmwasserbecken, in dem der Kaiser bereits mit seinem Gefolge und anderen Gästen lag und sich mit warmem Wasser überschütten ließ. Einer der Männer, der mit Blick zu ihnen lag, schien Nero Bescheid zu geben, dass Lucius angekommen war.
„Ah, mein lieber Lucius", Dieser erlaubte sich schon einen unauffälligen genervten Blick in Richtung Apollo, „Komm her, komm her. Ich habe hier für dich Platz gelassen." Der Kaiser wedelte mit geschlossenen Augen zu den beiden freien Holzliegen, die gegenüber von seiner standen, bevor ein Sklave ihm einen weiteren Schwall übergoss und eine anderer mit teuren Ölen ankam. Lucius spürte bereits die Blicke und er musste durchatmen um die Männer nicht anzuschreien und/oder Apollo wieder schnurstracks aus dem Bad zu ziehen. Nein, nein, nein. Würde behalten, Kopf hoch, Schultern zurück, Brust raus, Rücken gerade, ruhig bleiben und ignorieren. Apollo wusste, was er tat.
Sie ließen sich nebeneinander nieder, Nero erwies ihnen die Ehre und tat ein Auge auf.
Sein Gesicht fing an zu strahlen, er öffnete sein zweites Auge und hob sogar seinen Kopf. „Du hast ihn ja tatsächlich mitgebracht, Chrysallìon, mein Hübscher!" Er neigte den Kopf. „Eure Majestät." Nero lachte glücklich und wandte sich dann an den Mann an seiner Linken. „Das ist der, den ich dir vorstellen wollte, ist er nicht wundervoll?" „Das ist er allerdings", stimmte Angesprochener zu und grinste Apollo an. „Ich hätte nicht gedacht, dass der so legendär treue Gaius Lucius einmal so jemanden mitbringen würde, aber es scheint, als hätten die Götter doch noch Überraschungen für uns." Lucius bekam Gänsehaut bei dem Namen seines Vaters, den er verwendete. Sein Grinsen wandte sich Lucius zu, der zurück lächelte und dem Mann zunickte, als habe er einen guten Witz erzählt.
Endlich begab sich die Gesellschaft irgendwann in die anliegenden Gärten nach draußen. Lucius und Apollo hielten sich dabei zurück, sie beide behaupteten, dass sie noch gerne ein Weilchen das warme Wasser im Becken genießen wollten. Dort waren einige Menschen, allerdings war es bedeutend leerer, als inmitten der gesamten Gesellschaft, und Apollo wurden bedeutend weniger lüsterne Blicke zugeworfen. Im Becken erlaubte sich Lucius schließlich, einen Arm um Apollos Schultern zu legen, für den Fall, dass doch noch jemand von ihnen zurückkehrte. Auf den Liegen war es nur sehr unpraktisch. Apollo grinste währenddessen in sich hinein und Lucius stieß ihn in die Seite. „Was denn, ich bin nur stolz auf dich", flüsterte Apollo. Lucius schüttelte den Kopf, aber sie beide wussten, dass er es nicht ganz so ernst meinte.
Nach einer Weile der gemeinsamen Entspannung beschlossen sie, sich doch aus dem Becken zu entfernen. Langsam wurde es wirklich warm. Sie bekamen am Ausgang des Raumes große Leinentücher gereicht, die sie sich für draußen um den Körper wickeln konnten. Der Gang war verlassen, genauso der runde Raum, durch den sie mussten. In der Mitte war ein kleiner Springbrunnen, und nur das Plätschern des Wassers und ihre Schritte hallten an den Wänden wider. Durch die kleinen Fenster fiel die Nachmittagssonne und tauchte alles in ein warmes Licht. Lucius sah zu Apollo und er glaubte nicht, dass es einen glücklicheren Mann auf der Welt gäbe.
Er wollte schweren Herzens seinen Weg fortsetzen, als Apollo ihn anhielt. „Warte, warte, warte. Hör mal." Lucius stand still und horchte. Er hörte das zwitschern einiger Vögel draußen und den Springbrunnen. Sonst nichts. Es schien niemand in der Nähe zu sein. Er sah Apollo fragend an. Der warf ihm einen Blick zu, der eindeutig irgendetwas sagen wollte, aber was, das wusste Lucius diesmal nicht. Er schüttelte verständnislos den Kopf und Apollo wisperte in sein Ohr: „Die Akustik. Hörst du nicht, wie wundervoll sie ist?" „Ach, das meinst du", flüsterte Lucius zurück. „Doch, höre ich."
Freudestrahlend richtete sich Apollo wieder auf und ließ seinen Blick an der Decke und den Wänden mit den verzierenden Mosaiken entlang wandern. Und Lucius starrte wie verzaubert, als er eine Melodie anstimmte. Kein Text, einfach nur seine pure Stimme und er konnte nichts anderes denken als: ‚Das ist wahrhaftig Apollo.' Er sang hohe und tiefe Töne gleichermaßen und sie alle schienen direkt aus seinem tiefsten, göttlichen Inneren zu stammen und sie schienen das Gebäude, die Luft und sogar das Licht vollständig zu erfüllen und in Schwingungen zu bringen. Der Anblick von Apollo überwältigte Lucius, wie er mit dem Tuch um sich geschlungen da stand, seine Haare angestrahlt, Augen geschlossen und den Kopf in einem winzigen Winkel nach hinten gelehnt. Lucius hatte den Drang, jetzt gleich vor den Göttern auf die Knie zu fallen und ihnen für Apollos Geburt zu danken.
Als Apollo sein Lied beendete, sah er sich kurz schelmisch um, dann guckte er Lucius an und lachte. „Ach du je, war es denn wirklich schon zum Heulen?" Er kam zu ihm und wischte ihm die Träne von der Wange, von der Lucius nicht bemerkt hatte, sie vergossen zu haben. „Nein, es war so schön", klagte Lucius und ließ sich, nachdem er sich erfolglos nach Zeugen umgesehen hatte, in Apollos Arme fallen. „Ich liebe dich", nuschelte er in seine Schulter und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Oho, so was verdient man sich also, wenn man Melilla ein Ständchen hält? Das muss ich mir aber gut merken", lachte er. „Ach, Apollo." „Was?", fragte er unschuldig und stupste die Nase des Kleineren. Dann stimmte er ein zweites Lied an.
Dieses war Lucius wohl bekannt und nachdem er einige Augenblicke an Apollos Brust gelehnt gestarrt hatte, entschied er sich, einzustimmen. Sicher war er nicht so gut wie Apollo, wann hatte er wohl das letzte Mal gesungen, aber er glaubte, dass das bestimmt egal sei. Und das war es. Als er in die Hauptmelodie mit einstieg, traf er die Töne zumindest ganz gut und sein Geliebter tat mehr als Ausgleichendes damit, dass er mit einer zweiten Stimme mit Lucius harmonierte. Er fühlte sich fantastisch.
DU LIEST GERADE
Amor vincit omnia
Fiction Historique16 Jahre nach seinem vermeindlichen Tod wacht Apollo aus seinem Koma auf. Er befindet sich wieder auf dem Olymp und muss feststellen, dass seine große Liebe bereits verheiratet ist und ganze vier Kinder hat. Ob er es trotzdem schafft, Lucius wieder...
