Sklavenwanderung

710 60 8
                                        

Im Hof der lucianischen Villa hatten sich die hier lebenden Sklaven versammelt. Vor ihnen stand der Hausherr mit seinem jüngeren Sohn, die sie zu ihrem neuen Zuhause in der Villa am Meer führen würden. Es war aber abgesprochen, dass ein paar von ihnen dennoch hier bleiben würden. Darum hörte man nun das leise Schluchzen eines Jungen, der der Sohn eines Pferdepflegers war und der seinen Vater hier zurücklassen musste. Auch die älteste der Sklavinnen, Andriana, musste hier bleiben, denn man rechnete nicht damit, dass ihr ein Ortswechsel gut tun würde. Sie war ohnehin schon recht verwirrt und fand sich manchmal zuhause nicht zurecht, wie sollte sie sich dann in der neuen Villa eingewöhnen? Außerdem nahm der jüngere Sohn sie gerne auf. Jeder wusste, dass sie sich in seiner Kindheit und Jugend viel um ihn gekümmert hatte, und sie dadurch zu einer Ergänzung seiner Mutter wurde.

Der Tross fing an, sich zu bewegen, er folgte dem Wagen, der die Hausherrin transportierte. Die Kinder wechselten sich dabei ab, zu laufen und von den Maultieren oder ihren Vätern oder anderen Männern, die sie nehmen konnten und wollten, getragen zu werden.

Auf der Fahrt hielt sich Lucius eher bei den Sklaven, als vorne mit seinem Vater zu reiten. Er ließ sich häufiger zurückfallen und unterhielt sich mit den Sklaven oder nahm auch ein oder sogar zwei Kinder zu sich auf den Pferderücken. Die Eltern ließen das gerne zu, denn sie wussten genau, dass der junge Herr sehr gutherzig und sehr nett im Umgang mit Kindern war. Sie kannten ihn ja meistens auch selbst schon seit er jung war.

Auch jetzt, als sie gerade auf der Landstraße waren, die um Rom herum und in Richtung Meer führte, war er bei einer Familie der Küchensklaven, hatte die kleine Tochter, sieben Jahre alt, vor sich auf genommen und diskutierte gleichzeitig, mit welchen Kräutern man am besten bei Moretum* arbeitete.

„Ich verwende vor allem Sellerie und Koriander, das harmoniert schön zu dem Brot, was mein Mann immer macht, ein ganz klassisches Weißbrot. Und wahlweise gebe ich noch Knoblauch dazu, falls der Herr an dem Tag keinen Termin hat, wo er nicht aus dem Mund riechen darf", berichtete die Sklavin, Apulia hieß sie. Lucius erwiderte: „Das hört sich wirklich gut an. Was ich aber auch schon einmal gegessen habe, in einer Taverne in der Stadt, war ein Moretum mit Walnüssen anstatt Käse, dazu relativ viel Olivenöl, aber nicht zu viel, und dann Weinraute dazu. Köstlich." Die Sklavin schaute erstaunt zu ihm auf. „Von so einem Rezept habe ich ja noch nie gehört, aber ich muss das unbedingt mal ausprobieren", sie fing an, vor sich hin zu murmeln. „Theoretisch ist das sehr gut machbar, die Walnüsse würden das Aroma des Käses sehr gut ersetzen. Das Olivenöl schmeckt das ganze ab und wenn man dann nicht zu viel salzt, könnte man auch Weinraute und Koriander zusammen nehmen."

Ihr Mann daneben schmunzelte und sagte an Lucius gewandt, der gerade wieder die Händchen der kleinen davon abhielt, die Zügel zu greifen, indem er sie mit seine Hand sanft wegdrückte: „Lasst Euch nicht von ihr irritieren, sie macht das häufiger, wenn sie über neue Rezepte stolpert. Apulia was machst du denn da, du kannst doch gar nicht reiten. Lass den Herr Lucius in Frieden, benimm dich. Sonst kommst du wieder runter und läufst." Das Mädchen reckte die Nase in die Höhe. „Doch, ich kann wohl reiten, siehst du doch. Ich sitze auf einem gaaaanz großen Pferd und mach das alles schon ganz alleine. Guck, guck!"

Auch Lucius konnte sich ein Lachen nicht verkneifen und hätte auch gar nichts gesagt, denn eigentlich machte das Mädchen nichts. Doch dann klinkte sich ihre Mutter ein, sie war aus ihrem Monolog zurück gekehrt. „Nein, Apulia, das gehört sich nicht für ein Mädchen. Du wirst nicht reiten, heute ist das die einzige Ausnahme, für die du dem Herrn Lucius danken solltest. Jetzt komm auch wieder herunter, der junge Herr muss sicherlich auch noch weiter und wir wollen ihn nicht aufhalten."

Eigentlich war es Lucius ziemlich egal, er hätte sich auch noch weiter mit der Familie unterhalten und das Mädchen störte ihn nicht. Doch er sagte nichts, denn schließlich war es die Sache der Mutter, ihre Tochter zu erziehen und da wollte er sich nicht einmischen. Sie stellten sich also kurz an den Rand des Weges, sodass der Zug langsam an ihnen vorbei ziehen konnte. Lucius ließ sein Pferd still stehen und hob die kleine Sklavin vorsichtig herunter in die Arme ihres Vaters.

Dann verabschiedete er sich, weil es langsam wirklich wieder Zeit wurde, vorne bei seinen Eltern vorbei zu schauen. Die Familie winkte ihm nach und die kleine Apulia schien ihren neuen Platz auf den Schultern ihres Vater auch überhaupt nicht schlimm zu finden. Lucius winkte zurück und treib dann sein Pferd dazu, am Tross vorbei zu traben, bis er vorne beim Wagen angekommen war. Währenddessen kontrollierte er auch nochmal, ob trotz der vereinbaren Zeichenweitergabe irgendwo Schwierigkeiten aufgekommen waren, die er nicht mitbekommen hatte. Doch es schien alles in bester Ordnung und bisher hatte auch noch kein Ruf durch die Reihe weitergeleitet werden müssen.

Vorne im Wagen saßen seine Eltern und seine Mutter lächelte ihm durch das hintere Fenster schon zu. Sein Vater war anscheinend in irgendeine Schrift vertieft, die er auf dem kleinen Tisch im Reisewagen ausgebreitet hatte.

„Hallo. Ist bei euch auch alles soweit in Ordnung?", erkundigte er sich. Seine Mutter nickte. „Ja, danke Lucius. Ich finde es so schön, wieder mal außerhalb der Stadt zu sein. Das letzte Mal ist schon ewig her. Ich glaube, das war als ich meinem Vater mit zwölf Jahren einmal weggelaufen bin", kicherte sie. Lucius musste sowohl schmunzeln, war aber auch erstaunt.

Seine Mutter war immer sehr sittsam gewesen, ein Bild einer perfekten Ehefrau, daher bekam er auch häufig zu hören, warum denn seine ältesten Töchter nicht genauso waren. Dann musste er jedes Mal erklären, dass Frauen bei keltischen Völkern anders gehändelt wurden und sich das bei ihnen, obwohl sie schon lange in Rom waren, teilweise durchgesetzt hatte. Dann wurden wenigstens nicht mehr Siofra und Frija blöd angeguckt, sondern nur noch er als Vater, der die Erziehung nicht richtig hinbekommen hatte, und damit konnte er leben.

Jedenfalls hatte Lucius nicht erwartet, dass seine Mutter jemals weggelaufen wäre, oder sich in anderer Weise schlecht benommen hatte, sie hatte jedenfalls niemals etwas erzählt. Bis auf heute eben. Aber nun gut, selbst sie war einmal jung gewesen und wollte sich ausprobieren, vermutete Lucius jedenfalls.

Als der Tross eine Weile weiter gelaufen war, fing sie schon wieder an zu schwärmen. „Meine Götter, der Arzt hatte wirklich recht. Wie gut die Luft hier ist. Und ich glaube, ich kann das Meer schon ein wenig riechen. Weißt du, wie weit es noch ist, Lucius?" Ihr Sohn sah sich um, bis er einen Wegweiser entdeckte. „Ihr habt Recht, Mutter. Noch zwei Meilen und vier Stadien** ungefähr." Sie wollte gerade etwas erwidern, als sie von einem Donnerschlag unterbrochen wurde. Er war nur kurz, aber unglaublich laut, sodass der gesamte Tross zusammenschreckte und Lucius Pferd beinahe durchgegangen wäre, hätte er es nicht rechtzeitig zur Ordnung gerufen.

Lucius sah sich schnell um und weiter von ihnen entfernt, irgendwo über dem Meer, war tatsächlich zwischen den harmlosen Schäfchenwolken eine einzige dunkelgraue, die tobte und von der der Donner gekommen sein musste. Er starrte sie an und ihm fiel auf, dass sie relativ nahe an der Sonne war. In seinem Kopf sandte Lucius zwei schnelle Stoßgebete, erstens an Apollo, in der Hoffnung, dass es ihn unterstützen würde bei was immer er gerade tat, zweitens an Jupiter, dass er, falls er Apollo irgendwie für etwas bezüglich ihnen beiden bestrafen wollte, auf Lucius zurückgreifen sollte.

Nur entfernt hörte er die Stimme seiner Mutter. „Lucius? Lucius!" Er wurde aus seinen Gedanken gerissen und sah zu seiner Mutter. „Ja? Verzeiht Mutter, hattet ihr etwas gesagt?" Sie schüttelte den Kopf und sah ihn besorgt an, auch sein Vater hatte sich umgewandt und musterte ihn. „Lucius, geht es dir gut? Du bist bleicher als eine Wand", meinte sie. Lucius brauchte ein wenig, um seine Gedanken zu ordnen. „Ja. Ja, mir geht es gut. Ich habe mich nur ein wenig erschrocken, das ist alles." Seine Mutter sah ihn noch einmal skeptisch an, beließ es aber dabei. „Vielleicht solltest du nachsehen, wie es bei den Sklaven aussieht. Du weißt, wir haben nichts getan, was Jupiter verärgern könnte, ich habe ihm gestern noch geopfert. Mach dir keine Sorgen."

Lucius nickte tapfer und lenkte sein Pferd herum. Dabei merkte er, dass seine Hände zitterten.

* Moretum ist eine Art Pesto, das zu frischem Brot gegessen wurde (mehr dazu im Text selbst)

**römische Maßeinheiten: eine Meile=1,48km; ein Stadion=185m; also sind zwei Meilen und vier Stadien 3,7km

Amor vincit omniaGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt