Apollo schreckte schwer atmend hoch. Für einen kurzen Moment war er verwirrt. Wo war er? Er erkannte eine hohe Decke, ein angenehmes Licht und eine sanfte Brise auf seiner Haut. Er spürte, dass er auf etwas weichem lag, sein Kopf war auf jeden Fall in ein Kissen gebettet.
Sein Blick wanderte langsam nach unten. Der Raum, in dem er sich befand, war sehr groß. Es standen einige Schränke und Kisten an den Wänden, in den offenen Teilen der Schränke konnte er Bücher und Schriften erkennen. Außerdem stand ein großer Spiegel in einer Ecke.
Apollo ließ seinen Blick weiter schweifen, bis er an einem der vier großen Fenster ankam. Weiße, leichte Vorhänge wehten ins Zimmer, helles und doch angenehmes Licht fiel herein. Vor einem der Fenster stand ein großer Schreibtisch, vollgepackt mit Papyrusrollen und allerlei Schreibmaterial. Vor einem anderen Fenster wiederum, waren eine große Staffelei, die allerdings leer war, und viele Farben auf dem Boden.
Als letztes sah Apollo an sich herunter. Er trug einen Verband um den nackten Oberkörper, eine weiche, weiße Decke bedeckte den Rest. Das Bett selbst, in dem er lag, war riesig. Eine Familie von sieben Leuten hätte hier locker Platz gefunden. Neben dem Bett stand ein kleiner Tisch, auf dem ein Krug mit Wasser, ein Becher und eine Schale mit allerlei Früchten platziert war.
Apollo krabbelte vorsichtig zum Rand des Bettes und setzte sich auf die Kante. Er griff nach einer Blutorange und fing an, sie zu schälen, während er überlegte, wo er denn hier war. Er kannte diesen Ort, da war er sicher, aber woher, hatte er keine Ahnung. Jedenfalls war das letzte, an das er sich erinnern konnte, dass er in Lucius Armen gewesen war und ihn die Müdigkeit übermannt hatte. Nachdem er aufgegessen hatte, ein recht klebriges Unterfangen, stand er auf und wollte zu einem der Fenster treten. Jedoch musste er sich an dem Bettpfosten abstützen, denn sonst wären seine Beine eingeknickt. Es fühlte sich beinahe so an, als hätte er sie ewig nicht benutzt. Schließlich gewöhnte er sich wieder an das Stehen und meisterte auch erfolgreich den Weg bis zum Fenster. Er stützte sich mit den Armen auf die breite Fensterbank und besah sich seine Umgebung.
Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Natürlich, er war auf dem Olymp. Und der Raum, in dem er sich befand, war sein Schlafzimmer in seinem Palast. Jetzt, wo er es wusste, war es ihm schleierhaft, wieso er nicht gleich darauf gekommen war.
Er trat vom Fenster weg, die Aussicht auf den Garten und die anderen Paläste würde er auch später noch genießen können. Stattdessen trat er nun vor den Spiegel in der Ecke, um sich zu betrachten. Um seinen Oberkörper schlangen sich nach wie vor einige Verbände und er trug seinen Lendenschurz. Seine Haare waren blond wie immer und reichten ihm bis zum Hintern. Er würde sie noch kürzen müssen. Insgesamt sah sein Körper etwas mitgenommen aus, ein wenig abgemagert und unnatürlich blass. Doch eines fühlte er wieder.
Magie pochte durch seinen Körper. Er spürte ganz deutlich, dass durch seine Adern wieder Ichor floss. Um seine Kraft gleich wieder auszuprobieren, versuchte er, seine Haare in Ordnung zu bringen. Er konzentrierte sich und schließlich wanderten sie in die richtige Länge, bis kurz unter die Rippen, etwa bei seiner Taille. Ein wenig enttäuscht war Apollo dann doch, früher wäre diese Aufgabe nicht mal mit Konzentration verbunden gewesen. Es wäre eher eine nebensächliche Sache gewesen, sie hätten sich einfach gekürzt, ohne viel Nachdenken.
Doch er ließ sich davon nicht entmutigen. Stattdessen beschwor er sich ein Haarband herauf und machte sich einen Knoten auf dem Kopf, damit er sich den Verband abnehmen konnte. Er wollte ja keine Haare im Weg haben und er konnte nicht wirklich nachvollziehen, warum er überhaupt einen Verband trug.
Er setzte sich als zurück auf das Bett, suchte den Anfang und wickelte dann ihn dann vorsichtig von seinem Körper. Darunter tauchte eine große Narbe auf. Apollo runzelte die Stirn, eigentlich war es eher eine Seltenheit, wenn nicht, unmöglich, dass ein Gott Narben trug. Nicht einmal Mars besaß welche. Seine zog sich nun sternenförmig über seinen Brustkorb. Apollo tastete vorsichtig danach, spürte aber keine Schmerzen. Er ließ den Verband achtlos auf dem liegen und trat wieder vor den Spiegel. Dort beschwor er sich eine Tunika herauf, auf mehr Kleidung hatte er gerade keine Lust. Schließlich begab er sich zur Tür.
Er öffnete sie vorsichtig und lugte nach draußen. Dort war der vertraute Gang, von dem er wusste, dass er in einem der großen Aufenthaltsräume endete. Es war niemand dort und so trat er hinaus und lief in diese Richtung. Er mochte das Gefühl des weichen Teppichs unter seinen Füßen. Etwas, das er auf der Erde ein wenig vermisst hatte. Dort hatten sie keine Teppiche gehabt. Er kam an den Türen zu seinem Musikzimmer und dem Arbeitszimmer vorbei, dann trat er in den großen Aufenthaltsraum. Es standen wie immer die Sofas und Sessel in der Sitzecke, genauso, wie der Tisch. Dann gab es noch eine gemütliche Kissenansammlung auf dem Boden in einer anderen Ecke, seine gemütliche Leseecke. Andere hatten schon häufig gesagt, es sei kindisch, sich so auf den Boden zu setzen, aber Apollo sah es nicht ein, warum er es sich nicht gemütlich machen sollte.
Genau das tat er nun auch. Er legte sich zwischen den großen und kleinen Kissen zurecht und fing an, zu warten. Wenn man schon so lange lebte, hatte man kein Problem mehr damit. Irgendwann würde schon jemand hier vorbei kommen. Schließlich war es einer von nur zwei Aufenthaltsräumen im Palast und hier wohnten auch die neun Musen. Und diese mussten ja auch irgendwo sein. Während er wartete, ließ Apollo einige kleine leuchtende Teilchen durch die Luft schweben. Sie sahen ein bisschen aus, wie Glühwürmchen. Er liebte das, es gab ihm irgendwie ein beruhigendes Gefühl.
Seine Vermutung, dass irgendwer irgendwann vorbei kommen musste, wurde schließlich bestätigt, als er nach einer Weile Schritte und Stimmen im Gang hörte, die Näher kamen. Schließlich wurde die Türe geöffnet und Diana und Hymenaeus kamen herein. Hymen war definitiv gewachsen, er hatte nun die Gestalt eines Vierzehnjährigen, doch es war unverwechselbar Hymenaeus. Mit seinen Flügeln und dem Kranz aus Rosen auf dem Kopf war es ja auch schwer, ihn nicht zu erkennen. Als sie den Raum betraten, diskutierten er und Diana über irgendetwas und waren so vertieft darin, dass sie Apollo in der Ecke gar nicht bemerkten.
„Ich bin mir fast sicher, dass er wieder wach ist, warum glaubst du mir das nicht?" „Ich habe dir doch schon erklärt, dass es nicht so ist, dass ich dir gar nicht glaube. Aber du solltest uns allen keine so große Hoffnung machen, das wäre dann sonst nur enttäuschend." „Ich habe das im Gefühl. Ich sag's dir, der ist garantiert wach." „Will mir jemand erklären, über wen ihr redet?", fragte Apollo schließlich dazwischen. Er war ziemlich verwirrt, über was redeten die da bloß?
Dianas Kopf flog zur Seite und sie schlug sie die Hand vor den Mund. Eine Geste, die bei ihr nicht unüblich war. Auch Hymen riss seine Augen auf, als er in die Ecke sah, wo sein Vater saß. „Apollo...", schluchzte Diana. „Hymen hatte recht!" Dann stürzte sie plötzlich zu ihm und umarmte ihn so fest, dass er glaubte, seine Rippen würden gleich brechen. Auch Hymen eilte zu ihm, um ihm um den Hals zu fallen. Apollo war ziemlich perplex, aber entschied sich, einfach zurück zu umarmen. Diana schluchzte noch eine Weile an seiner Schulter, dann fragte er schließlich: „Also, was ist hier los?" Hymen wischte sich über die Augen, bevor er antwortete. „Es ging um dich. Du bist endlich aufgewacht." Apollo runzelte die Stirn. „Warum denn endlich?" Diesmal war es Diana, die sprach: „Dein Körper war eine lange Zeit schwach, nachdem du auf der Erde diese Wunde bekommen hast." Sie tippte dorthin, wo die große Narbe war. „Er brauchte eine ganze Weile, um sich davon wieder zu erholen, denn du warst zu dem Zeitpunkt noch sterblich und wurdest erst nachträglich wieder unsterblich gemacht. Dann sind die Umstände für deinen Körper sehr kompliziert. Jedenfalls..." Sie stockte. „Jedenfalls?", hakte Apollo nach. „Jedenfalls hast du sechszehn Jahre geschlafen."
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Amor vincit omnia
Historical Fiction16 Jahre nach seinem vermeindlichen Tod wacht Apollo aus seinem Koma auf. Er befindet sich wieder auf dem Olymp und muss feststellen, dass seine große Liebe bereits verheiratet ist und ganze vier Kinder hat. Ob er es trotzdem schafft, Lucius wieder...
