Die Wettbewerbe I

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Lucius stieg die Treppen hinauf zu den Tribünen des Pompeiustheaters. Er hatte zuvor mit den Dichtern gesprochen, die hinter der Bühne auf ihren Einsatz warteten und bisher sah es so aus, als würde alles glatt laufen. Von oben hörte er die ersten Stimmen, ihm kamen zwei Bürger entgegen, die wohl die Treppe nehmen mussten, an der er gerade vorbei gekommen war. Er nahm den nächsten Ausgang nach links und kam in den Tribünenbereich, genauer gesagt auf den ersten Rundgang. Er begab sich zu der großen langen Treppe, die an den Sitzplätzen nach unten führte. Es waren schon einige Leute da, überall saßen sie schon verstreut. Es gab durchaus noch genügend Lücken, aber Lucius würde dem höchstens zwei Unicae* geben, bis dann war es bestimmt voll.

Als er sich auf dem Weg nach unten zu seinem Rang umsah, entdeckte er bald einen Teil seiner Familie. Antonius und Tiberius saßen schon dort und hielten augenscheinlich Plätze frei. Siofra stand daneben.

„Da bist du ja, Vater. Hier, setz dich", forderte ihn Siofra auf, als er bei ihnen ankam. Lucius gab seinem Bruder kurz die Hand, dann ließ er sich auf dem ihm angebotenen Platz nieder. Seine Tochter war so zuvorkommend gewesen und hatte ihm sogar bereits ein Kissen hingelegt. „Danke, Siofra. Willst du dir nicht auch schon einen Platz suchen? Am Ende ist noch alles voll." Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Ich warte auf die anderen. Wir hatten uns dazu verabredet, uns zusammen bei euch allen zu treffen und dann gemeinsam nach welchen zu suchen. Und weil ich nicht weiß, ob sie mich sehen werden, wenn ich nicht hier stehe, bleibe ich doch lieber hier. Die Plätze kriegen wir schon." „Du meinst, dafür sorgt Frija schon, hm?", schmunzelte Lucius. Siofra lächelte verlegen, aus dem Augenwinkel sah er Tiberius grinsen. „So in etwa."

Antonius lehnte sich zurück, um hinter Tiberius vorbei mit Lucius zu sprechen. „Sieht es denn soweit gut aus? Kann ich damit rechnen, dich noch ein wenig länger zu behalten?", fragte er mit einem Zwinkern. Lucius grinste. „Ich denke schon. Bisher sieht es so aus, als würde alles planmäßig verlaufen. Dem Kaiser wird es schon gefallen, das hat die Eröffnungsfeier schließlich auch", mutmaßte Lucius. Antonius nickte. „Dann ist ja gut." „Seht mal, da vorne kommen gerade die anderen!", rief Siofra. Als Lucius sich in die Richtung umsah, in die sie zeigte, sah er ebenfalls gerade Frija und Spurius auf dem ersten Rundgang. Dahinter kamen Lucia und Quintus.

„Ah, ist das der Verlobte von Lucia?", erkundigte sich Antonius, der die Gruppe auch entdeckt hatte. „Ja", antwortete Siofra, „Quintus Cantus heißt er." „Dann lerne ich ihn endlich auch mal kennen." „Er ist ein wirklich Vernünftiger. Ich denke, ich kann Lucia bedenkenlos in seine Obhut geben", sagte Lucius. „Das ist wohl die Hauptsache", stimmte Antonius zu und Siofra und Tiberius nickten bestätigend.

Die vier hatten sie schließlich auch gesehen und machten sich auf den Weg nach unten zu ihnen. Lucius umarmte seine drei Kinder zur Begrüßung. Bei Quintus beließ er es doch lieber noch dabei ihm die Hand zu geben, denn er wusste nicht, wie wohl er sich damit gefühlt hätte. Das hob er lieber für später auf. Quintus und Antonius begrüßten sich ebenfalls freundlich. „Hallo, Quintus. Ich bin Lucius' älterer Bruder, Antonius. Ich hatte schon von dir gehört und freu mich, dich jetzt persönlich kennen zu lernen." „Es freut mich ebenfalls sehr, Euer Ehren", antwortete Quintus. „Ach, lass doch gerne das ‚Euer Ehren'. Antonius reicht völlig aus, du gehörst doch schließlich bald zur Familie." Quintus nickte brav und schien erleichtert, dass er gut aufgenommen wurde. Wobei ihm Lucia an seiner Seite eine Stütze zu sein schien, sie strich sanft und unauffällig über seine Schulter und lächelte ihm zu, als er sich in ihre Richtung drehte.

Frija blickte auf die Sonnenuhr an der Spitze der Ehrenloge, die ein Stück rechts von ihnen lag. „Wir sollten uns langsam Plätze suchen. Es fängt gleich an." „Stimmt, macht das lieber. Wir sehen uns später am Südausgang?", fragte Lucius. Die Mädchen nickten. „Sicher. Bis später." Die anderen winkten und die Mädchen begaben sich zu ihren Rängen, die zweithöchsten im Theater. Dort saßen auch alle anderen Frauen, bis auf die Kaiserin natürlich. Wobei Lucius keine Kenntnis darüber hatte, ob sie heute anwesend sein sollte. Auch Quintus verabschiedete sich und ging die Treppen nach oben, dorthin, wo das Bürgertum Roms platziert war. Antonius sah ihm kurz irritiert nach.

Spurius ließ sich rechts von Lucius auf den leeren Sitzplatz fallen und Lucius schlug vor: „Tiberius, wollen wir nicht unsere Plätze tauschen. Dann sitzt ihr zwei zusammen und nicht aufgeteilt zwischen den Erwachsenen." „Ah, gerne. Danke, Onkel Lucius." „Ist gar kein Problem." Lucius ließ sich gerade neben seinem Bruder nieder, da kündigten Fanfaren die Ankunft des Kaisers an. Alle standen auf und grüßten der Etikette nach den Kaiser, dann konnte sich wieder gesetzt werden. Es war Ruhe in das Theater eingekehrt.

„Liebe Bewohner von Rom! Es ist mir eine große Freude, heute hier zu sein, auf meinen selbst gestifteten Neronia, die dieses Jahr endlich zum ersten Mal stattfinden. Ich heiße euch alle herzlich Willkommen zu den ersten Wettkämpfen in der Sparte der Dichtkunst. Die Spiele seien eröffnet!" Es folgte großer Applaus, der abebbte, als sich der Kaiser setzte und der erste Künstler die Bühne betrat. Während er sein Liebesgedicht begann, das einer Frau galt, die ihm entflohen war, beugte sich Antonius zu Lucius herüber. Er flüsterte: „Und du bist dir sicher, dass du dir mit dieser Heirat keine Schwierigkeiten einbringst? Du kennst Vater und du kennst die Leute. Was meinst du was sie sagen werden?" Lucius raunte genauso leise zurück: „Du weißt doch, es kümmert mich nicht, was die Leute sagen oder sonst irgendwer." „Das glaube ich dir schon, das muss aber nicht heißen, dass du keine Probleme bekommst. Außerdem, bist du dir sicher, dass er auch gut für Lucia sorgen kann?", fragte Antonius weiter. „Darauf vertraue ich schon. Er ist Goldschmied und soweit ich weiß, macht er keine schlechten Geschäfte bisher. Und für Lucia wird er sich sicherlich bemühen. Es würde mich wundern, wenn er das nicht täte." „Na, ich weiß ja nicht, ob das eine gute Idee ist. Aber das werde ich wohl dir überlassen müssen." Lucius drehte seinen Kopf und sah Antonius nun an. „Sag mir, Antonius, wenn ich dir sagen würde, ich wäre entschlossen, meine große Liebe heiraten zu wollen, glaubst du, du oder sonst irgendwer könnte mich aufhalten?" Antonius seufzte und sah wieder nach vorne. „Vermutlich nicht. Sicher nicht", gab er leise zu. „Siehst du."

Sie lauschten weiter dem Gedicht. Es war technisch gesehen nicht schlecht gestaltet. Der Künstler hatte sich wirklich Mühe gegeben. Doch für Lucius' Geschmack war es viel zu kitschig und das lyrische Ich viel zu dramatisch. Natürlich applaudierte er trotzdem, seinen Respekt wollte er ihm natürlich schon zollen. Er konnte sich vorstellen, dass es viel harte Arbeit war, die hinter einem Werk wie diesem steckte, und diese wollte er nicht unbeachtet lassen.

Während der Nächste die Bühne betrat und sich bereit machte, kam ein Sklave mit frisch gebratenen Hähnchen vorbei, an denen sich besonders die Jungs, aber auch Antonius und Lucius bedienten.

Das nächste Gedicht begann, diesmal eines über eine Episode des Trojanischen Krieges. Lucius lehnte sich entspannt zurück, lauschte und ließ seinen Blick etwas wandern. Es waren die unterschiedlichsten Leute im Theater, manche Gesichter kamen ihm bekannt vor, vor allem vorne in der Partei der Adeligen. Dahinter eher weniger. Er schaute weiter durch die Runde, bis er zur Ehrenloge kam. Der Kaiser hatte seine Frau nicht mitgebracht, nur einige Begleiter, die Lucius sehr wohl bekannt waren. Berühmtheiten, Inhaber wichtiger Machtpositionen in einer kleineren Auswahl. Dahinter waren selbstverständlich ein paar Wachen aufgestellt. Gerade wollte Lucius seine Aufmerksamkeit wieder dem jungen Mann auf der Bühne zuwenden, als er doch noch einmal genauer hinsah. Vielleicht hatte er sich ja verguckt.

Seine Hoffnung wurde zerstört von Tatsachen, die auf sie einkrachten. Links, etwas uneinsichtig, hinter dem Kaiser entdeckte er doch tatsächlich ein Gesicht, das er wohl besser als jeder andere kannte. Apollo trank, wieder als Chysalliòn, aus einem Krug Wein und schien sich ganz wohl an seinem Platz zu fühlen.

Lucius war sich nicht sicher, was er davon halten sollte. Es zog und zerrte in seiner Brust, aber was sollte er schon tun. Dem Kaiser ansagen, das Apollo, ein Gott mit durchaus freiem Willen, zu ihm gehörte. Er konnte ihm schließlich auch nicht seine Freiheit nehmen und wenn er lieber mit dem Kaiser seine Freizeit verbrachte, dann sei es so. Was sollte Lucius schon tun, er war niemand, in dessen Macht so etwas stand.

Er war noch in Gedanken versunken und merkte nicht, dass er nun schon ziemlich lange starrte, als ihn jemand von der Seite her ansprach. „Vater? Vater! Vater!" Er blinzelte überrascht. „Oh, tut mir leid. Was gibt es, Spurius?" „Eigentlich nichts Wichtiges, du sahst nur so weit weg aus. Der letzte war wirklich gut, oder was denkst du so?" Lucius bemerkte jetzt erst, dass wieder ein Wechsel auf der Bühne stattfand. „Ja, ja. Sicher war er das." Er begann, wieder auf die Hühnerknochen in seiner Hand zu starren, während er sie hin und her drehte. Er bemerkte nicht, wie Spurius und Tiberius fragende Blicke zu seinem Bruder warfen, der allerdings nur mit den Schultern zuckte.





*Unica: kleinste mögliche Zeiteinheit der Römer,entspricht ca. 5 Minuten. Sie wurde mit Wasseruhren gemessen

Amor vincit omniaGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt