„Es tut mir leid."

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Donnerstag: 03. Januar 2019

Drei Tage später mache ich mich fertig, um zu meinen Eltern zu gehen. Ich weiß, dass sie zu Hause sind, weil sie jedes Jahr erst eine Woche nach Silvester wieder arbeiten gehen. Da Samet arbeiten ist, gehe ich alleine, da Eymen und Beyza in der Uni sind. Meine Schwiegermutter hat sich heute mit ihren Freundinnen verabredet, weshalb ich nicht einfach alleine zu Hause sitzen wollte. Fertig angezogen und geschminkt steige ich in das Taxi, welches ich gerufen habe und gebe ihm die Adresse unseres Grundstücks. Während der Fahrt schreibe ich Samet, dass ich zu meinen Eltern fahre und er auch, nach der Arbeit, gerne kommen kann. Er schrieb nur ein „okay", aber das reicht mir. Zufrieden steckte ich mein Handy wieder in meine Tasche und schaute aus dem Fenster.

Nach einer Weile parkt der Taxifahrer vor dem Haus, ich überreiche ihm das Geld und steige aus. Dann gehe ich ins Haus rein. Aus dem Wohnzimmer ertönen Stimmen, weswegen ich meine Schuhe ausziehe und dorthin gehe. Auf dem Sofa sitzen meine Eltern und meine Großeltern. Schnell wollte ich mich umdrehen und wieder gehen – ich habe keine Lust auf das Gerede meiner Oma -, doch sie erwischt mich. „Willst du uns nicht begrüßen, Songül?" Lächelnd drehe ich mich um und gehe auf sie zu, um ihre Hände zu küssen. Mein Opa streicht mir durch die Haare, ehe ich meine Eltern begrüße und mich zwischen sie setze. „Erzähl doch mal, Kind. Wo ist dein Mann?", fängt meine Oma sofort mit den Fragen an. „Er muss arbeiten, Babaanne."

„Ah ja. Ich habe gehört, dass er dich von deiner Arbeitsstelle genommen hat." Augenverdrehen frage ich mich, woher sie das jetzt schon wieder hat. Ich weiß, dass meine Eltern ihr nichts davon sagen würden. Sie ist so eine Lästertante. „Er hat bemerkt, dass ich öfters Herzschmerzen bekomme und hat sich Sorge gemacht. Deswegen hat er mich gekündigt.", erkläre ich ihr ruhig und betone dabei, dass er mich einfach gekündigt hat. Interessierte das meine Oma? Nein natürlich nicht. „Das hat er gut gemacht. Du sollst nicht arbeiten. Schließlich ist dein Mann reich und bringt genug Geld nach Hause. Jetzt kannst du dich um eure Kinder kümmern.", plappert meine Oma drauf los. Am liebsten hätte ich gesagt, dass sie leise sein soll? Warum sagt das nur jeder? Ich möchte noch nicht schwanger werden!

„Babaanne, das hat noch Zeit. Ich bin erst 21 Jahre alt und wir sind neu verheiratet.", versuche ich ruhig zu sagen, doch innerlich bin ich schon am explodieren. Ich hasse es. Bevor es zwischen uns beiden ausarten kann – und das wäre es – mischt sich meine Opa ein. „Lass sie das selber entscheiden, Hatunum. Songül weiß schon was sie tut."

Meine Oma verstummt und schaut beleidigt weg, während ich meinen Opa dankbar anlächele. Er weiß immer, wann er mir helfen kann. Seufzend lege ich meinen Kopf auf die Schulter meines Vaters, der seinen Arm um mich legt und mir über die Haare streicht. „Geht es dir gut, mein Schatz?"

„Ja, Baba. Mir geht es gut."

******

Lachend sitze ich mit meinem Vater auf dem Sofa und versuchte mich zu beruhigen. Wir beide schauen gerade „Recep Ivedik 5" und der Film ist echt lustig. Meine Großeltern sind vor ein paar Stunden gegangen und meine Mutter kocht gerade etwas zu Essen. Mein Vater und ich genießen unsere gemeinsame Zeit, so wie früher. Mittlerweile ist es auch schon 18 Uhr.

„Songül?"

Überrascht schaue ich auf und sehe Samet am Türrahmen stehen. Mein Vater und ich sind so in den Film vertieft gewesen, dass wir die Tür wohl nicht gehört haben. Ich stehe auf und gehe auf ihn zu, um ihn zu umarmen. Mein Vater folgt mir und begrüßt ihn ebenfalls mit einem Händedruck. Meine Mutter kommt aus der Küche und schaut uns lächelnd an. „Schön, dass du da bist, Samet. Das Essen ist gleich fertig. Dann können wir essen."

„Ein anderes Mal. Wir sollten nach Hause gehen.", meint er höflich zu meiner Mutter, die schon widersprechen möchte, doch ich unterbreche sie. Ich sehe, wie kaputt Samet ist. „Wir sollten wirklich gehen, Mama." Seufzend nickt sie. Ich umarme die beiden schnell und folge Samet zu seinem Auto. Die Autofahrt verläuft still. Samet scheint wirklich kaputt zu sein. Selbst Schuld, wenn er immer so lange arbeitet. Zu Hause angekommen steigen wir aus und betreten das Haus. Im Wohnzimmer begrüßt uns Eymen und Beyza, die zusammen einen Film schauen. Dann gehen wir die Treppen hoch zu unserer Etage. Dort wollen wir gerade das Schlafzimmer betreten, als meine Schwiegermutter aus dem Bad tritt. Verwundert schauen wir sie an. Was macht sie hier oben? „Ich habe nur nach dreckiger Kleidung geschaut.", meint sie.

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