Vincent
Mit dem Kopf gegen die Wand der Sauna gelehnt, lasse ich Roxys Strähnen durch meine Finger gleiten. Sein Kopf liegt auf meinem Schoß, während wir unsere Augen geschlossen haben. Es macht immerhin sowieso keinen Unterschied, da es stockdunkel hier ist. Das Einzige, was hin und wieder in der Dunkelheit aufblitzt, ist das Silber von Roxy's Maske.
„Weiß eigentlich überhaupt keiner außer dein Bodyguard, wer du wirklich bist?", selbst, wenn ich will, kann ich die Neugierde in meiner Stimme nicht zügeln. Das leise Summen des Schwarzhaarigen stockt und eine viel zu ruhige Stille breitet sich aus. Ich will schon meine Frage zurücknehmen, als er mir tatsächlich antwortet. „Doch, meine Geschwister", flüstert der DJ, bevor er das Summen wieder aufnimmt.
Seltsam, denke ich, obwohl ich in letzter Zeit viel über seine Identität nachgedacht habe, bin ich nie wirklich zu dem Schluss gekommen, dass Roxy Jems so gut wie jeder andere auch Familie haben könnte.
Irgendwie klingt das so gewöhnlich und Roxy ist für mich alles andere als gewöhnlich. Er ist ein berühmter DJ, der aus mir unbekannten Gründen an mir interessiert ist. Ausgerechnet an mir. Und ich würd echt gerne verstehen wieso. Klar, ich bin nicht unbekannt, so wirklich stört mich das auch nicht, ich hasse nur für was meine Familie und ich bekannt sind.
Eigentlich würde ich Roxy gerne darauf ansprechen, aber ich bezweifle, dass er versteht wie ich empfinde. Schließlich ist er für etwas, was er sich selbst erarbeitet hat berühmt und kennt vermutlich nicht allzu viele Schattenseiten davon. Also frage ich, anstatt meine Gedanken zu äußern. „Wieso hast du dich dazu entschieden ein DJ zu sein?"
Roxy's Gesumme verstummt abermals und er setzt sich, um sich neben mich an die Wand zu lehnen, auf. Es scheint, als würde er über die Frage nachdenken. „In erster Linie natürlich, weil ich es liebe, ich habe Musik schon immer geliebt. Aber immer, wenn ich Balladen gespielt habe, hat es sich irgendwie falsch angefühlt, als ob etwas fehlen würde. Mein zweiter Grund mit dem DJ-ing anzufangen war eigentlich, um endlich für die richtigen Gründe berühmt zu sein."
Was?
„Heißt das..", ich breche ab, bevor ich den Satz wieder aufnehme. „..du bist auch ohne deine Maske berühmt?" Meine Frage schwebt mit einem riesigen Fragezeichen in der Luft. Roxy zuckt bei ihr zusammen, als würde er jetzt erst merken, was er angedeutet hat. Sogar ich, der ein relativ schlechtes Gehör hat, hört das Schlucken, während der Musiker für die richtigen Worte sucht.
„Ich...", Roxy's Stimme klingt so, als wäre er kurz davor sich selbst zu schlagen. Ein Seufzen folgt. „Ja, bin ich." Am Ende klingt er nur noch resigniert, als würde eine Ausrede sowieso nichts mehr bringen. Ich aber schließe nur die Augen. Roxy hat das geschafft, wovor ich mich immer gefürchtet habe.
Denn sowie es sich anhört, hat er für sich ein Ausweg aus dem falschen Ruhm, entdeckt und seine Chance genutzt. Auch, wenn das keiner außer eine Handvoll Menschen weiß, ist das mehr als ich bisher geschafft habe. Und ich kann nicht anders, als ihn dafür zu bewundern.
„Scheiße", flucht Roxy auf einmal und springt auf. „Scheiße, scheiße, scheiße!" Mit großen Augen verfolge ich seinen plötzlichen Ausbruch. Im nächsten beugt er sich allerdings schon über mich und ich spüre seine schlanken Finger an meiner Hüfte. „Wie machst du das, Vincent?", haucht er gegen meine Wange. Wie mache ich was? „Wie schaffst du es all' meine Mühe, meine Identität geheimzuhalten mit deiner Anwesenheit zu Nichte zu machen?"
„Ich weiß es nicht", presse ich atemlos hervor, als Roxy mit seinen Lippen meine Wange streift. „Die letzten Jahre ist keiner mir so nah gekommen, dass mein Geheimnis in Gefahr sein könnte", sogar mit verstellter Stimme, klingt er lustgetränkt. „Aber du, Vincent, könntest mir einfach diese Maske vom Gesicht reißen und doch tust du es nicht."
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Sail Into My Arms
Roman pour Adolescents"Te quiero.." „Je t'aime.." Liebe ist eine Bitch. Davon ist Vincent Oceánt überzeugt. Denn er landet nicht nur gezwungenermaßen auf einem Schiff mitten in Spanien und lernt dort eine ebenso reiche Familie kennen wie seine eigene. Nein, er trifft au...
