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Ich ziehe meine Kapuze tiefer ins Gesicht und straffe den Trageriemen meiner Tasche, als wäre es sein Seil, an dem ich mich festhalten muss, um nicht in die Tiefe zu stürzen

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Ich ziehe meine Kapuze tiefer ins Gesicht und straffe den Trageriemen meiner Tasche, als wäre es sein Seil, an dem ich mich festhalten muss, um nicht in die Tiefe zu stürzen.

"Natürlich kann ich dich hinbringen." Thor sieht mich mit seinen blauen Augen. Er ist so ganz anders, als sein Bruder. "Und du willst jetzt gleich aufbrechen?"

"Ja.", sage ich mit ungewöhnlich fester Stimme. Loki hat nicht nach mir gesehen und war auch nicht in seinem Zimmer, als ich losgegangen bin. Ich weiß nicht, ob ich meinen Plan in die Tat umsetzen würde, wenn er mir über den Weg laufen würde. "Jetzt sofort."

Es ist bereits dunkel, aber die Stadt ist hell erleuchtet, als Thor und ich durch die Straßen gehen. Verkaufstände sind noch geöffnet und aus der Schänke dringt Musik und angenehmer Lärm. Ich werde das hier vermissen. Alles. Wir schweigen den langen Weg, bis wir die bunte Brücke erreichen, die meine Fußabdrücke in schillernden Farben leuchten lässt.

"Ich weiß nicht, was zwischen euch vorgefallen ist," sagt Thor, "aber wenn 'Flucht' deine einzige Möglichkeit ist, so helfe ich dir gern. Du musst aber wissen, dass mein Bruder so ganz anders ist, seitdem du bei uns ist. Ich will gar nicht erst daran denken, was mit ihm passieren wird, wenn er deine Abwesenheit bemerkt wird. Oder mit uns."

Ich schweige. Nicht, weil ich nichts zu sagen habe, sondern weil ich weiß, dass ich in Tränen ausbrechen werden, sobald ich den Mund öffne. Er fehlt mir und das ist grotesk, dass ich mich so lange ohrfeigen will, bis ich wieder klar denken kann.

"Noa." Thor hält mich am Arm und wir bleiben mitten auf der Brücke stehen. Der Wind weht mir die Kapuze vom Kopf und Thor starrt zu mir herab. Ich kenne ich ihn  nicht wirklich, die paar Sätze, die wir miteinander gesprochen haben, kann ich wirklich an zwei Händen abzählen, aber dieser Blick... Dieser Blick ähnlich so sehr dem seines Bruders und ich schlucke trocken alles herunter, was sich in meiner Kehle angesammelt hat.

Ich denke, dass er jeden Moment etwas sagen will, aber nichts passiert. Langsam lässt er meinen Arm los und blickt zu der goldenen Kuppel, das Tor zu den anderen Welten und der Schlüssel zu meinem Zuhause. Vorsichtig gehe ich weiter und Thor läuft neben mir her. Doch je näher wir der goldenen Kuppel kommen, desto näher kommen wir zu dem Soldaten, den ich bereits bei meiner Ankunft gesehen. Groß, breite Schultern, eiskalter Blick und mit dem riesigen Schwert, das mir Unbehagen bereitet.

"Heimdall." Thor nickt ihm zu.

"Mein Prinz." Heimdall verbeugt sich kurz.

"Noa möchte nach Midgard."

Bei diesen Worten dreht Heimdall sich um und schiebt das Schwert in einer Verankerung im Boden und dreht es. Das Portal öffnet sich und meine Haut kribbelt. Gleich! Gleich bin ich zu Hause!

Thor schaut mich an. "Bist du sicher?"

Ich nicke stumm, spüre darauf seinen Hand in meinem Rücken und wir gehen hinein.

Das glänzend bunte Licht brennt ein Ornament in den Boden, als wir am Ziel ankommen. Obwohl wir im Cebtral Park sind, ist der Lärm bereits hier schon ohrenbetäubend. Es riecht nach Abgasen und irgendetwas anderem, was ich nicht definieren kann.

"Du kannst Heimdall immer rufen und wir werden es hören." Thor steht mir gegenüber und legt seine Hand auf meine Schulter. "Immer."

Dann öffnet sich das Portal erneut und er ist weg.

Ich schlage mir die Kapuze über den Kopf und gehe einmal quer durch die Parkanlage, um mich orientieren zu können. Meine Güte, ich war so lange weg, habe nie daran geglaubt, je wieder nach Hause zu kommen und stehe doch hier. Tränen schießen mir in die Augen und lasse sie laufen.

Frei. Frei und Zuhause.

Von hier dauert es nicht lange, bis ich zu Hause bin. Zu Fuß ungefähr 30 Minuten, aber mit der U-Bahn sind es nur ein paar Minuten. Ich haste über die Straße zur nächsten Station und betrete voller Euphorie die U-Bahn Station. Es ist stickig und laut und - mein Gott! - so viele Menschen sind hier. Die Euphorie schwindet mit jedem Schritt und ein beklemmendes Gefühl steigt in mir auf.

Es sind zu viele Menschen! Viel zu viele! Meine Beine gehorchen mir nicht mehr und obwohl ich nach vorne gehen will, gehe ich rückwärts, raus aus der U-Bahn Station, zurück ins Freie. Die Sonne geht gerade auf und Menschen eilen zur Arbeit oder Schule. Keiner nimmt Notiz von mir, einige rempeln mich sogar an. Ich flüchte aus der Menschenmasse. Mit jedem Schritt weicht meine Panik und ich kann besser atmen. Dann werde ich eben zu Fuß gehen.

Je weiter ich mich vom Kern New Yorks entferne, desto besser wird es. Mein Atem wird ruhiger und ich entspanne mich. Ein kleiner Kiosk öffnet gerade, schiebt Ständer mit Zeitungen und Zeitschriften heraus und eilt wieder in die kleine Bude, die mittig auf dem Gehweg steht. Es bedarf nur einer Handbewegung und schon habe ich mich mir eine Tageszeitung geschnappt, bevor er überhaupt etwas mitbekommen hat. Mit klopfenen Herzen schlage ich sie auf.

13. März 2024.

Mein Mund wird ganz trocken. Ich war zwölf Jahre weg. Zwölf. Folglich bin ich jetzt 23 Jahre alt. Es hat sich viel länger angefühlt.

An einem Schaufenster angekommen, betrachte ich mich im müden Morgenlicht und schiebe mir eine verwirrte Strähne hinter das Ohr. 23 Jahre alt. So in etwa habe ich mich eingeschätzt, es aber jetzt sicher zu wissen, verändert alles. Ich habe mich schon unzählige Male betrachtet. Aber jetzt fallen mir erst meine hohen Wangenknochen auf, das spitze Kinn und die geschwungenen Augenbrauen.

13. März 2024. In drei Tagen hätte Sarah Geburtstag gehabt. Ob wir noch befreundet wären? Wären wir zum gleichen College gegangen? Mein Herz wird schwer und meine Schritte schneller. Ich muss zu Mom und Dad!

Unser Apartmentkomplex sieht noch genau so aus, wie an dem Morgen, als ich es verlassen habe und zur Schule ging. Zögernd greife ich nach dem Türgriff. Er ist kalt und schwer und ich muss ein paar Mal durchatmen, bevor ich in die Eingangshalle komme, in der die Briefkästen, das Treppenhaus und der Aufzug ist.

Mein Blick fliegt über die Namensschilder. Sie wohnen noch immer hier! Vermutlich sind sie hier, jetzt gerade, nur wenige Stockwerke über mir und ich werde sie gleich in meine Arme schließen.

Aber warum bewege ich mich nicht vom Fleck? Warum renne ich nicht die Treppen hinauf, und hämmere an ihre Tür und falle meinen Eltern in die Arme? Die nächste Panikattacke rollt über mich hinweg und ich stürze nach draußen, laufe einige Meter weg, bis ich mach an einen Baum lehne und das bisschen Essen, was in meinem Magen ist, erbreche.

Noa, reiß dich zusammen! Du hast so viel erlebt, musstest durch mehrere Höllen gehen und kaum bist du Zuhause, wirst du klein und weich. Ich schüttel die Panik ab, aber sie vererbt nur langsam.

Zeit. Ich brauche mehr Zeit.

Meine Eltern wohnen noch hier. Das ist gut. Sie werden später auch noch da sein. Und dann laufe ich los.

Loki | NoaWo Geschichten leben. Entdecke jetzt