Niall stand am nächsten Morgen noch verschlafen an seiner Kaffeemaschine, als es an seiner Tür klingelte.
Irritiert warf er einen Blick auf sein Telefon. Es war erst sieben Uhr.
Als er die Tür öffnete, blickte er in das blasse Gesicht seines besten Freundes.
Harry's Stimme zitterte. „Wie konntest du das tun?"
Niall zog die Augenbrauen nach oben und deutete mit dem Daumen über seine Schulter. „Willst du nicht erstmal reinkommen?"
Wortlos und ohne sich die Schuhe auszuziehen, drängte Harry sich an ihm vorbei und ging in die Küche.
Dort setzte er sich an die Theke und fuhr sich über das erschöpfte Gesicht.
Niall reichte ihm seine Kaffeetasse, bevor er sich eine zweite unter die Maschine stellte.
„Was ist los?", wollte er schließlich wissen, bis es ihn traf wie ein Schlag. Harry hatte eine Fahne, die er zehn Meter gegen den Wind riechen konnte. „Warte. Hast du getrunken?"
Harry ignorierte seine Frage. „Du hast es gewusst und mir nichts gesagt", zischte er mit schwerer Zunge. „Stattdessen warst du bei ihm und hast ihm ins Gewissen geredet. Auch, ohne mir etwas davon zu erzählen."
Niall seufzte. „Ja, weil er es dir selbst sagen sollte. Ich wusste keine 24 Stunden vor dir Bescheid."
„Warum hast du mich das nicht selbst regeln lassen?", fragte Harry und verbrannte sich im nächsten Moment die Lippe an der heißen Kaffeetasse. „Verdammte Scheiße."
Niall sah seinen Freund entschuldigend an. „Ich wollte dir nur helfen, Harry."
Der Lehrer zog seine Augen zu zwei dünnen Schlitzen zusammen. „Ich bin kein kleines Kind mehr."
„Das habe ich doch auch nie behauptet. Ich dachte nur-"
„Ich brauche keinen Ersatz für meine Mutter", unterbrach Harry ihn fauchend, „Sie ist seit über zwanzig Jahren tot und ich bin prima ohne klargekommen."
Niall verdrehte die Augen. „Bist du nicht."
Er wusste, dass sein bester Freund sich insgeheim noch immer die Schuld an ihrem Tod gab, ungeachtet der Tatsache, dass er damals erst fünf Jahre alt gewesen war.
Niall erinnerte sich noch gut an die Zeit nach der Beerdigung. Harry hatte kaum gesprochen, mit niemandem. Wochen später waren ihm immer wieder die blauen Flecken an seinen Armen aufgefallen.
Irgendwann hatte er ihm gebeichtet, dass sein Vater ihn für den Unfall verantwortlich machte und praktisch ständig betrunken war.
Er hatte den Tod seiner Frau auch nicht verkraftet - aber das war keine Entschuldigung.
Niall's Eltern hatten ihn schließlich immer wieder zeitweise bei sich aufgenommen. Dort war Harry aufgeblüht und hatte sich endlich wieder wohlgefühlt.
Trotz allem hatte der Verlust Spuren hinterlassen. Harry konnte bis heute keine Schokolade essen, und das Geräusch eines vorbeifahrenden Krankenwagens ließ ihn panisch werden.
Zwar hatte er alles in allem einen guten Umgang damit gefunden, sein Studium abgeschlossen und war Lehrer geworden. Aber es gab Tage, da holte ihn seine Vergangenheit ein. Und irgendetwas sagte Niall, dass heute so ein Tag war.
„Das ist nicht der Punkt", riss Harry ihn schließlich aus seinen Gedanken.
Niall bemerkte, wie durcheinander er war. „Harry, ich verstehe dich", versuchte er es in möglichst ruhigem Ton. „Jetzt erzähl mir doch erst einmal in Ruhe, was passiert ist."
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The Writer
FanfictionIn seinem Beruf als Lehrer hat Harry bereits einige Bücher gelesen, die ihn berührt haben. Trotz allem hat ihn nie ein Werk auf die gleiche Art und Weise gefesselt, wie ein Roman mit dem Titel 'Ephemeral' - doch der Autor des Buches bleibt ein Rätse...
