12. Ich bitte darum

622 105 31
                                        

Als Louis am nächsten Morgen seine Augen öffnete, tauchte die Sonne den Klostergarten bereits in ein Licht, das ihm viel zu hell vorkam für die Tatsache, dass es gerade fünf Uhr geworden war – oder?

Mit einem Satz war er hellwach.

Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr, die ihm deutlich zeigte, dass er um mehr als zwei Stunden verschlafen hatte.

Das war ihm in seinem ganzen Leben noch nicht passiert.

Er schreckte hoch und weckte mit seiner ruckartigen Bewegung Harry, der ebenfalls noch tief und fest geschlafen hatte.

Fluchend sprang Louis auf und zog sich zügig seine Sachen an.

„Was ist denn jetzt los?", erkundigte Harry sich, als er die Augen zusammenkniff, um nicht von der Sonne geblendet zu werden.

„Es ist schon fast halb Acht", antwortete Louis, als er seinen Gürtel festzog. „Wir sollten in fünfzehn Minuten unten am Empfang sein."

Harry spähte in böser Vorahnung auf sein Telefon.

Tatsächlich.

Sie hatten verschlafen – und zwar ordentlich.

Er suchte den Boden nach seinen Sachen ab und zog sich den Pullover über den Kopf.

Niall hatte mehrmals versucht, ihn zu erreichen, vermutlich bereits ahnend, wo er sich herumtrieb.

Louis fuhr sich durch das Haar, das Harry nun zum ersten Mal in nicht perfekt zurückgekämmtem Zustand sah.

Stattdessen umrandeten die mittelbraunen Strähnen sein Gesicht.

Harry lächelte und dachte bei sich, dass er richtig gut aussah.

Während Louis sich das Hemd zuknöpfte, prüfte Harry sein Erscheinungsbild in der Spiegelung des großen Fensters.

Er sah aus, als hätte ihn ein Bus überfahren.

Aber für eine ausführliche Morgenroutine fehlte ihm die Zeit.

Immerhin war heute der Tag der Abreise, und er hatte noch nicht einmal gepackt.

Die beiden Männer eilten also schnell aus der Bibliothek.

Doch ehe Louis den Raum abschloss, hielt er Harry noch einen Moment lang am Arm zurück. „Harry..."

Dieser drehte sich langsam zu ihm um, während sich bei der Erinnerung an den gestrigen Abend sämtliche Schmetterlinge zurückmeldeten. „Das war wirklich schön gestern."

Harry konnte es deutlich spüren.

Das unübersehbare Rot, das seine Wangen sofort einfärbte.

Er lächelte und drückte Louis einen vorsichtigen Kuss auf die Lippen, ehe sie sich schnellstmöglich auf den Weg in die Eingangshalle machten.

Zehn vor Acht.

Fünf Minuten zu spät.

Harry mied Niall's Blick und das wissende Grinsen auf seinem Gesicht.

Natürlich war es nicht schwer für ihn zu erraten, wo er in der vergangenen Nacht gesteckt hatte.

Schon gar nicht jetzt, als sie beide zu spät und völlig ungekämmt zu der Verabschiedung erschienen.

Während Louis vor die Gruppe trat, sah Harry prüfend an sich herunter.

Wenigstens war er sauber gekleidet.

„Danke, dass Sie in der vergangenen Woche hier waren", begann Louis also. „Ich hoffe, Sie konnten die ein oder andere Sache für Ihren Unterricht mitnehmen. Ich bedanke mich ganz herzlich für Ihre Aufmerksamkeit..."

The WriterWo Geschichten leben. Entdecke jetzt