38. Lesung

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Als Harry am nächsten Morgen gelangweilt durch sein Telefon scrollte, las er begeistert, dass in der Bibliothek eine Lesung stattfand.

Aber nicht irgendeine Lesung.

Sondern eine Lesung zu Ephemeral - etwas, das er sich auf gar keinen Fall entgehen lassen durfte.

Voller Aufregung erzählte er seinen Freunden davon.

„Ich bin mir sicher, dort könnte ich einige wichtige Informationen für das Schulprojekt mit meiner Abschlussklasse gewinnen."

„Mit Sicherheit", antwortete Niall und musste darüber schmunzeln, wie sehr Harry sich über die einmalige Gelegenheit freute.

Louis hingegen schwieg und beobachtete stumm das Gespräch der anderen.

Ein mulmiges Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus.

Er wollte auf gar keinen Fall, dass Harry zu der Lesung ging. Gleichzeitig war er sich auch darüber im Klaren, dass nichts und niemand ihn von diesem Vorhaben abbringen konnte.

Andererseits schmeichelte ihm Harry's große Faszination für seinen Roman.

Seine Meinung war ihm die allerwichtigste.

Selbst wenn es auf der ganzen Welt keinen einzigen Menschen gäbe, dem sein Buch gefiel - solange Harry es liebte, war er mehr als zufrieden damit.

Schließlich war Harry der Mann, den er liebte - und er war völlig unvoreingenommen, da er gar nicht wusste, dass Louis der anonyme Autor des Buches war.

Und somit war er wieder am springenden Punkt angekommen: Er wollte, er musste Harry die Wahrheit sagen.

Es ging nicht anders, und das hatte er vom ersten Moment ihrer Beziehung an gewusst.

Doch seine Angst war zu groß.

Mittlerweile fürchtete er sich nicht mehr davor, sein Geheimnis mit jemandem zu teilen, den er noch nicht so gut kannte.

Schließlich hatte sich ihre Beziehung in den letzten Monaten so sehr vertieft, dass Louis das Gefühl hatte, Harry bereits sein ganzes Leben lang zu kennen.

Nein, mittlerweile hatte er vor einer ganz anderen Sache Angst: Harry's Reaktion.

Nicht nur, dass er den Moment versäumt hatte, ihm reinen Wein einzuschenken - er hatte ihn auch nicht unterstützt, was sein Projekt in der Abschlussklasse anging, das seinen Ruf in der Schule vielleicht hätte retten können.

Möglicherweise wäre sein Vater etwas milder gestimmt, wenn er dieses Projekt erfolgreich abschloss.

Auch wenn Louis nicht wirklich daran glaubte, dass Arthur seine Meinung tatsächlich ändern würde - eine erfolgreiche Projektarbeit konnte er schließlich nicht klein reden. Er hätte Harry ausnahmsweise ein Lob aussprechen müssen.

Es war gut möglich, dass Harry das auch ohne seine Hilfe schaffte.

Aber das würde länger dauern und vielleicht nicht ganz so aufschlussreich sein.

Was hätte also lauter für ihn sprechen können, als die wahre Identität des anonymen Autors herausgefunden zu haben?

Harry riss den Bibliothekar aus seinen Gedanken, indem er mit den Fingern vor seinem Gesicht schnipste. „Hast du mir überhaupt zugehört?"

Ein entschuldigendes Lächeln legte sich auf Louis' Lippen. „Nein, tut mir leid", antwortete er.

„Ich habe dich gefragt, ob du mit mir zu der Lesung gehen würdest", bat Harry. „Sie ist auf Französisch und ich brauche jemanden, der für mich Notizen dafür anfertigt."

Louis wurde nervös und wirkte plötzlich ungewohnt gereizt.

Harry konnte es bereits an seinem Blick erkennen.

„Muss das wirklich sein?", hakte er nach und wich dem Blick seines Freundes aus. „Ich meine, du hast das Buch doch ohnehin schon unzählige Male gelesen. Ich glaube kaum, dass du auf einer Lesung noch Informationen bekommen wirst, die du nicht ohnehin schon hast..."

Verwirrt legte Harry seinen Kopf schief. „Aber daran ist doch nichts falsch."

„Das habe ich auch nicht gesagt", gab Louis zurück. „Ich habe lediglich gesagt, dass ich mich nach dem Sinn einer zweistündigen Lesung frage, wenn du danach genauso schlau bist wie vorher."

Harry wusste nicht, wie er mit Louis' plötzlichem Stimmungswandel umgehen sollte und schon gar nicht, wo er herkam.

„Ich dachte, du würdest die Lesung vielleicht auch gerne hören...", sagte Harry und war sich nicht sicher, ob er die Antwort auf seine Frage überhaupt hören wollte.

„Nein, will ich nicht", sagte Louis mit entnervtem Unterton. „Wie gesagt, auch ich habe dieses Buch bereits mehrere Male gelesen und habe kein Bedürfnis danach, mir den Inhalt noch einmal in zwei Stunden herunterlesen zu lassen."

Der junge Lehrer schluckte.

Er konnte Louis' Reaktion nicht verstehen.

Wie auch?

Und das schlimmste daran war, wie unvorbereitet er in diese verletzende Situation geraten war.

Wer rechnete schließlich mit einer solchen Reaktion?

„Naja, aber du könntest doch mir zuliebe mitkommen...", startete er einen letzten Versuch, bevor er barsch unterbrochen wurde.

„Meine Güte, Harry", fauchte Louis. „Ich kann es nicht mehr hören. Ist dieses verdammte Buch eigentlich alles, woran du noch denkst?"

Er sah den verletzten Ausdruck auf Harry's Gesicht und bereute seine Aussage augenblicklich. Beinahe noch im selben Moment, in dem er sie ausgesprochen hatte.

Auch Niall und Mary beobachteten das Gespräch und warfen sich einen irritierten Blick zu.

So kannten sie Louis nicht.

Ein Blick in Harry's Gesicht reichte um sagen zu können, dass es ihm genauso erging.

Louis wollte Harry nicht verletzen, doch er hatte solche Angst, dass er auf der Lesung eine Spur finden würde, die ihn zu sich führte, bevor er es ihm persönlich sagen konnte.

Der Lehrer allerdings konnte seine Reaktion überhaupt nicht nachvollziehen und verstand die Welt nicht mehr.

Mary beobachtete die beiden Männer und fragte sich, wie die Stimmung so schnell hatte kippen können.

Schließlich fasste sie einen Entschluss.

„Ich kann mit dir kommen", bot sie an, um die Situation zu entschärfen.

Louis hätte am liebsten laut protestiert, doch er musste sich zusammenreißen.

Zum einen, weil er sich nicht verdächtig machen wollte, und zum anderen, weil er Harry nicht noch mehr durcheinanderbringen wollte, als er es ohnehin schon war.

Harry's Lippen formten ein schwaches Lächeln. „Danke, Mary."

„Gar kein Problem", erwiderte Niall's Frau und schenkte ihm einen aufbauenden Blick. „Wann müssen wir dort sein?"

Niall suchte auf seinem Handy nach dem Artikel, den er gelesen hatte und zeigte ihn ihr.

Obwohl er jetzt eine Möglichkeit gefunden hatte, zu der Lesung zu gehen, war er tief traurig, weil er nicht wusste, wie er Louis' Worte interpretieren sollte.

Wieder kamen die alten Zweifel zurück, die er seit der Sache mit Jack hatte.

Er versuchte, sie in die hintersten Winkel seines Bewusstseins zu drängen.

Immerhin hatte er weder die Zeit, noch die Nerven dazu, sich jetzt mit der Vergangenheit zu befassen.

Vielleicht war es also gar keine so schlechte Idee, zusammen mit Mary zu der Lesung zu fahren.
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Einen wunderschönen Freitagabend wünsche ich euch! Ich hoffe, ihr hattet einen guten Start ins Wochenende.🤍
Was sagt ihr zu dem Kapitel?🤍

All the love,
Helena xx

The WriterWo Geschichten leben. Entdecke jetzt