o6. Exquisiter Wein

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Der nächste Morgen kam früher, als Harry lieb war.

Niall versuchte bereits zum dritten Mal, ihn zu wecken, als ihm die Sache schließlich zu bunt wurde und er seinen Zahnputzbecher mit Wasser füllte, ehe er an Harry's Bett zurückkehrte.

Als das kalte Wasser zuerst auf seine Nase und dann auf seine Wangen tropfte, zuckte er erschrocken zusammen.

Dann verzog er angeekelt das Gesicht. „Was..."

Schließlich erblickte er Niall, der mit einem breiten Grinsen vor ihm stand. „Los, aufstehen", sagte dieser schadenfroh, ehe er den Becher zurück ins Badezimmer brachte. „Es ist schon fast halb acht."

Harry richtete sich auf und hielt sich den schmerzenden Kopf.

Verdammte Scheiße.

Er war einfach nicht dafür gemacht, jeden Abend Wein zu trinken.

Erst dann fiel es ihm wieder ein: Hatte Niall ihm gerade Wasser ins Gesicht geschüttet?

„Sag mal, hast du sie noch alle?", zischte er mit den verzögerten Reflexen einer toten Katze und wischte sich mit dem Arm über das Gesicht und den klatschnassen Haaransatz.

Niall zuckte gelassen die Schulter. „Du hattest drei Mal die Möglichkeit, freiwillig aufzustehen."

Harry verdrehte entnervt die Augen. „Du kannst mich mal."

„Jaja, jetzt steh auf", kam es von Niall, der im Badezimmer gerade das Fenster öffnete. Anscheinend war er bereits Duschen gewesen. Etwas, das auch Harry mit Sicherheit nicht schaden würde.

Als Harry schließlich neben Niall zum Stehen kam, warf er einen Blick in den Spiegel.

So konnte er unmöglich nach draußen gehen.

Er streifte sich also das Shirt über den Kopf und öffnete den Gürtel seiner Jeans, die er am Vorabend gar nicht mehr ausgezogen hatte.

„Du bist gestern ganz schön lange weggeblieben", erinnerte Niall seinen besten Freund.

Dessen Wangen liefen augenblicklich leicht rötlich an.

Er wich seinem Blick aus und spürte, wie sein Herz begann, schneller zu schlagen.

„Jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen", bohrte Niall und lehnte sich mit verschränkten Armen in den Türrahmen.

Harry verdrehte die Augen. „Wir haben uns geküsst."

Niall kicherte wie ein kleiner Schuljunge, während er sich gedanklich selbst auf die Schulter klopfte. „Ich hab's dir doch gesagt."

Harry seufzte auf. „Ist ja schon gut", gab er zurück und spürte, wie ihm ohne Hemd und Hose langsam kalt wurde.

„Na, dann geh endlich duschen", flötete Niall, „Du stinkst."

„Dir auch einen guten Morgen", murmelte Harry und machte das Fenster zu, ehe er sich unentschlossen durch die Haare fuhr.

War das gestern wirklich passiert?

Kurz nach dem Frühstück hielt Louis Ausschau nach Harry.

Er musste doch irgendwo sein, schließlich konnte er sich kaum in Luft aufgelöst haben.

Er fand ihn schließlich mit seiner dritten Tasse Kaffee in der Hand, während er fröstelnd neben der Heizung stand.

Harry wollte sich gerade auf den Weg in den Seminarraum machen, als Louis ihn behutsam am Arm zurückhielt. „Warte, Harry...", sagte er leise und lächelte ihn schüchtern an. „Kann ich dich eben sprechen?"

Ein Blitz schien Harry's Körper zu durchfahren und erst kurz vor seinem Herzen Halt zu machen.

Sofort waren die Bilder der letzten Nacht wieder da.

Er lächelte zurück, während er wahrscheinlich wie ein Idiot aussah.

Louis hingegen sah frisch aus in seinem schwarzen Hemd und der schwarzen Jeans.

Harry spürte, wie der Geruch nach Sandelholz und Vanille seine Kopfschmerzen zu lindern schien.

„Gestern...", stammelte der Seminarleiter und er wirkte seltsam nervös, reagierte er ansonsten doch immer ungewöhnlich gefasst.

Harry lächelte und berührte sanft seinen Arm. „Das war wirklich schön."

Ein erleichterter Ausdruck legte sich auf Louis' Gesicht, auch wenn dieser sich wie immer nicht wirklich in die Karten schauen lassen wollte. „Willst du heute Abend ein Stück Spazieren gehen? Zur Abwechslung ohne Wein? Ich habe den Eindruck, den verträgst du nicht besonders gut."

Neckend zwinkerte Louis ihm zu.

Harry's Wangen verfärbten sich tiefrot und in seinem Oberkörper kitzelten die Flügel der vielen Schmetterlinge seine Bauchdecke.

„Natürlich", antwortete er also und konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen.

Louis nickte ihm lächelnd zu und machte sich dann eilig auf den Weg in den Seminarraum. Er hatte gestern ganz vergessen, seine Unterlagen zusammenzusammeln.

„Kurz gesagt ist die Poesie der Worte das rhytmische Erschaffen von Schönheit."
- Edgar Allan Poe

Harry blinzelte.

Er starrte auf die erste Folie von Louis' Präsentation, mit see er in den heutigen Tag des Seminars einsteigen wollte.

Louis bedachte den Lehrer mit einem wissenden, wärmenden Blick.

Das war kein Zufall.

Niall entging natürlich nicht, dass die Wangen seines besten Freundes sich mit einem Mal genauso rötlich verfärbten wie die von Pennywise dem tanzenden Clown - es hatte ihn voll erwischt.

Ein weiteres Mal verlor Harry sich in Louis' Worten und seiner Art, zu sprechen.

Er redete über die Bedeutung von Metaphern, und Harry bemerkte, dass er eine ganz eigene Art und Weise hatte, sie zu verwenden.

„Im Endeffekt", erklärte Louis, „Ist das Schreiben wie die Herstellung von gutem Wein. Es geht nicht von heute auf Morgen - Druck ändert daran nichts. Es erfordert viel Geduld, Hingabe und Verständnis für die Kunst, um viele Aromen und Noten zu mischen."

Louis machte eine Pause und verschränkte die Arme, ehe er sich an den Tisch lehnte. „Ein gutes Buch ist wie ein exquisiter Wein, bei dem jede Seite ein Schluck ist, der die Sinne berauscht und den Leser in eine Welt entführt, in der er die Emotionen des Protagonisten selbst spüren kann."

Harry biss sich nachdenklich auf die Unterlippe.

Irgendetwas an Louis' Art zu Sprechen schien ihm seltsam vertraut.

Natürlich war ihm klar, dass das nicht sein konnte. Er kannte Louis nicht und er war ihm auch noch nie vorher begegnet. Aber es gab etwas an ihm, das ein Gefühl in ihm auslöste, das ihm bekannt war.

Faszination.

Auf eine Art und Weise, wie er sie selten erlebt hatte. Genau genommen nur wenige Male.

Zum letzten Mal beim Lesen von Ephemeral.

Er würde wohl nie wieder ein Glas Wein trinken können, ohne dabei an Louis zu denken.

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Einen schönen Donnerstagabend wünsche ich euch.🤍
Freunde, ich sags euch ganz ehrlich, diese Woche war scheiße.😂 Diejenigen, die mir auf Instagram (@helenaviktorialarsson) folgen, wissen wahrscheinlich, dass ich mit einer fetzen Bronchitis im Bett liege und mein Testament aufsetze.😎👌🏻🤧
Und damit: Ich hoffe, das Kapitel hat euch gefallen und ich freue mich auf eure Reaktionen!🤍

All the love,
Helena xx

The WriterWo Geschichten leben. Entdecke jetzt