Epilog

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𝟯 𝗝𝗮𝗵𝗿𝗲 𝘀𝗽𝗮̈𝘁𝗲𝗿

𝗠𝗼𝗿𝗴𝗮𝗻

Der Jubel in der Arena ist ohrenbetäubend und gleichzeitig unglaublich elektrisierend. College-Eishockey ist um das Vielfache größer als es in der Highschool war. Auf allen Monitoren wird gezeigt, was sich gerade live auf dem Eis abspielt. Die Zeitanzeige verspricht nur noch wenige Sekunden, bevor die Schlusssirenen die Arena füllen werden. Die Nummer 68 rast über das Eis, weicht mit einem gefährlich scharfen Manöver seinem Gegenspieler aus, ohne den Puck am Ende seines Schlägers zu verlieren. Zwei Verteidiger sind an ihm dran, aus dem Handgelenk passiert der Pass auf einen seiner Mitspieler. Und bevor die beiden Verteidiger überhaupt mitbekommen haben, dass Nummer 68 zur rechten Ecke des Torraumes verschwunden ist, passiert auch schon der Rückpass und die Sirenen dröhnen über die Rufe der Zuschauer. Aber nicht die Schlusssirene - es ist die, die verkündet, dass Nummer 68 ein Tor geschossen hat.

»Was ein Slapshot! Oh mein Gott!« Auden ist völlig von den Socken und schreit mit der Menge um die Wette.

Der Spieler mit der 68 fährt in einer Siegesrunde an unseren Stehplätzen vorbei und zwinkert durch das Plexiglas, wobei er unmissverständlich mich meint. Meine Wangen glühen, werden allerdings gleichzeitig von dem breitesten Lächeln aller Zeiten geteilt.

Das letzte Bully des Spiels wird ausgetragen und geht an die Michigan Wolverines. In der nächsten Sekunde ertönen endlich die Sirenen, die das Ende des Spiels signalisieren. Die Arena bricht in höllischen Jubel aus. Cam hat seine Mannschaft gerade in die Frozen Four verholfen.

Auden formt seine Hände zu einem Trichter. »Mendoza! Wuhuuuu!«

Auf meinen Schultern zappelt Cams kleinster Fan. Seine feiernde Mannschaft lässt er unberührt zurück, als die Nummer 68 zu uns gefahren kommt.

»Cam! Cam! Cam!« Ich hüpfe im Takt mit Averys Jubelrufen, worauf die Dreijährige wie wild kichert.

»Hey, ihr drei.« Ohne die jubelnde, kreischende Menge um ihn herum zu beachten, die wie wild nach ihm greift und ein Stück von ihm will, tritt Cam vom Eis. Seine dunklen Strähnen hängen ihm nass an der Stirn, als er seinen Helm loswird.

»Hey du.« Seine große Gestalt beugt sich so tief, dass er mit mir auf Augenhöhe ist, bevor sein Mund auf meinem liegt. Ein Feuerwerk geht in meiner Brust los, als seine Lippen meine berühren, und jeder Funken lässt meinen Körper in Flammen aufgehen.

»Nimmt euch ein Zimmer«, kommentiert Eve neben uns. Das laute Kichern der Dreijährigen auf meinen Schultern lässt uns schließlich beide grinsend einen Schritt zurücktreten.

»Du warst der Hammer!« Audens Bewunderung strahlt aus jeder seiner Pore. In den letzten drei Jahren ist aus dem schüchternen, in sich gekehrten Jungen ein aufgeweckter Teenager geworden.

»Arm! Arm!« Averys Hände lassen von meinem Kopf los und wackeln in Richtung ihres großen Bruders. Mit einem strahlenden Lächeln nimmt er das kleine blonde Mädchen in seine Arme und drückt ihr einen Kuss auf die Nasenspitze.

Während Cam und Auden ihre beider Schwester abwechselnd kitzeln, bis das kleine Mädchen nur aus einem quietschenden Gewirr aus Armen und Beinen besteht, kommen Gianna und Mike zu unserer kleinen Gruppe. Gianna will Cam gar nicht mehr loslassen, und Mike legt Cam in anerkennender Gestik seine Hand auf die Schulter. In den letzten Jahren hat sich deren Verhältnis ein wenig gelockert. Cam hat nach einem Gespräch mit seiner Mutter an seiner Abschlussfeier erkannt, dass die Beziehung von ihr und Mike einen anderen Schein hat, wenn er von außen drauf guckt, als wie es in Wirklichkeit zwischen den beiden steht. Solange seine Mutter glücklich ist, ist er es auch.

Als mein Handy in meiner Hosentasche vibriert, entferne ich mich mit einem schnellen Blick zu Cam von der Gruppe, zu der inzwischen auch Sawyer und Deacon gestoßen sind, die vorher noch mit ihrer Mannschaft auf dem Eis gefeiert haben.

»Hey Dad.«

Das Gesicht meines Vaters erscheint auf meinem Display. »Hey, Morrie. Gratulation an Cam! Was ein großartiges Spiel. Und dann noch dieses Tor am Ende.«

Ich grinse von einem Ohr zum anderen. Dads und Cams Beziehung hat einen wirklich tollen Sprung gemacht, inzwischen erkennt er ihn sogar insgeheim als eine Art Sohn an. Auch Onkel Hank kann ich im Hintergrund sehen, natürlich mit einem Bier in der Hand und einer grimmigen Miene. Doch als er mir sagt, dass ich Cam ebenfalls Glückwünsche ausrichten soll, habe ich ganz klar den stolzen Schimmer in seinen Augen gesehen.

Cam ist inzwischen festes Mitglied unserer Familie, weswegen er in den vergangenen Jahren auch bei allen Familienessen anwesend war. Es ist erschreckend, was für einen großen Einfluss Cam auf mein Leben gehabt hat. Ohne ihn hätte ich die Phase nach meiner Trennung wohl nie richtig überwunden. Mit ihm konnte ich von den emotionalen Wunden, die Tristan mir zugefügt hat, heilen. Mit seiner Unterstützung konnte ich zu der selbstbewussten Person zurückfinden, die ich war, bevor Tristan mich runtergezogen hat. Und durch Cam hat sich auch die Beziehung von mir und meinem Dad verbessert. Jedes Mal, wenn er mir erzählt hat, er habe mit meinem Dad über meine Mom geredet, konnte ich es einfach nicht fassen. Doch es musste wohl eine Außenperson in den Teufelskreis der Trauer treten und ihn erinnern, dass es gut sein kann, über sie zu reden. Seitdem kann ich mit Dad über Mom reden, ohne mit der Erwartung, dass er direkt zumacht.

Aber vor allem hat Cam mein Leben bereichert, indem er mir gezeigt hat, wie echte, bedingungslose, schöne Liebe aussehen kann. Denn mit ihm fühlt sich jeder Tag wunderschön an. Er ist mein Zuhause. Und in genau das stürze ich mich nach Beendigung des Telefonats mit meinem Dad.

»Hey du.« Seine Nase streicht an meiner vorbei und seine Lippen schweben hauchzart über meinen.

»Hey.« Ich schließe den Abstand zwischen uns und küsse ihn.

Das will ich niemals mehr missen.

The PactWo Geschichten leben. Entdecke jetzt