Kapitel 41

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𝗖𝗮𝗺𝗲𝗿𝗼𝗻

Es fühlt sich an, als würden meine Arterien sich verschließen und meine Blutzirkulation abschnüren, nur um mit einem Mal wieder aufzureißen und einen Schwall durch meine Adern pumpen lassen, sodass es mir laut durch die Ohren rauscht und alle anderen Geräusche verstummen lässt. Gleichzeitig fühlt es sich so an, als legen sich schwere Hände um meinen Hals und würden Sekunde um Sekunde fester zudrücken. Seine Hände.

Ich spüre kaum Morgans Hand, die meine Halt gebend umschlossen hat. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie meinen Namen sagt, doch das einzige Geräusch ist das Rauschen in meinen Ohren. Noch nicht einmal das laute Klatschen oder die aufgeregten Glückwünsche, die durch den Raum gehen, schaffen es durch die Watte hindurch, doch ich sehe die Überraschung in den Gesichtern der fremden Leute, die eigentlich gar nicht so fremd sind, denn sie sehen aus und artikulieren sich wie er, und als sich ihre Münder öffnen, weiß ich, was sie sagen.

Sie ist wieder schwanger.

Szenen des Moments, als Mom meinen Vater mit Melanie und dem kleinen Auden im Kinderwagen entdeckt hat, rasen durch meine Gedanken. Das Bild von der allumfassenden Zerstörung ihres Herzens, als sie erkannte, was sich da vor ihr abspielte. Die, die sie aber um meinetwillen versuchte, aus ihrem Gesicht zu verbergen. Wie sie zusammenbrach, als er ihr absolut nüchtern von seinem Doppelleben erzählte. Ohne Reue das Herz aus der Brust riss.

Melanie kriegt noch ein Kind von meinem Vater.

Ich habe einmal mitgehört, wie Mom zu einer ihrer Freundinnen gesagt hat, dass sie in den Kinderwagen gesehen hat, und die Ähnlichkeit zu mir erkannt hat. »Sie haben beide seine Lippen. Seine Augen. Wie aus dem Gesicht geschnitten.«

Sie hat es versucht, zu verbergen. Doch ich sehe noch heute, wie ihr Körper sich verspannt, wenn ich Audens Namen erwähne. Wie ihr noch Jahre nach der Trennung Tränen in den Augen schwimmen, wenn sie ihn ansieht. Und nun ist Melanie wieder schwanger.

Oh Gott, Mom.

Melanies Hand liegt auf ihrem Bauch, als sie lächelnd die Glückwünsche der Gäste entgegen nimmt und sich umarmen lässt. Währenddessen sitzt mein Vater weiter auf seinem Sessel, der Scotch in seiner Hand, die andere, um Macht und Besitz zu demonstrieren, weiter um die Taille seiner Frau geschlungen, währen sein Blick den meinen unberührt erwidert. Es interessiert ihn nicht, was er Mom damit antut. Schon wieder. Wahrscheinlich ergötzt er sich innerlich an den Gedanken daran.

Ich schnappe aus meiner Erstarrung als Auden sich in mein Blickfeld schiebt. Oder wohl er sein halb gegessener Kuchen, den er von sich wegschiebt, während sich auf seinem Gesicht ein Ausdruck von Übelkeit spiegelt. Mit Niedergeschlagenheit in den Augen blickt er zaghaft zu mir auf, und plötzlich verstehe ich. Mir dämmert es schlagartig, warum Auden nie darüber reden wollte, warum sich seine Eltern so sehr gestritten haben, dass ich ihn da rausholen musste. Er wusste es.

Und das hier, dieser ganze Moment, war nur eine Show. Mein Vater wollte, dass ich es mitbekomme.

Auden kaut unsicher auf seiner Unterlippe herum und zieht schniefend die Nase hoch. »Tut mir leid, Cam.«

Verdammt.

Mein Kopf explodiert jeden Moment. Plötzlich ist alles viel zu laut in diesem Raum. In diesem Haus. Dieses verdammte Haus, in dem der Arsch von einem Erzeuger seine zweite Familie versteckt hat. Den Sohn großgezogen hat, der kultiviert und still ist. So wie er es wollte. Ganz anders als sein anderes Kind. Die Frau, die er vorführt, wie eine Trophäe; ihm keine Widerworte gibt, wenn er sagt, sie solle ihren Job hinschmeißen, weil er nicht gut aussieht.

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