Kapitel 42

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𝗠𝗼𝗿𝗴𝗮𝗻

Ich weiß gar nicht mehr, wer die Prügelei beendet und Cam von dem bewusstlosen Tristan gezogen hat. Höchstwahrscheinlich Deacon und Sawyer. Die beiden sind es auch, die ihn für mich gerade ins Badezimmer schleppen. Derweil lässt Cam kraftlos den Kopf hängen, lässt es sich aber nicht nehmen, weiter zu schimpfen.

In dem fremden Badezimmer lassen sie Cam auf dem Toilettensitz ab und verschwinden dann mit einem knappen Nicken in meine Richtung aus dem Raum. Bevor Sawyer die Tür hinter sich schließt, forme ich ein lautloses Danke. Er zwinkert mir zu, dann ist die Tür zu und ich und Cam sind alleine.

Ohne seine zusammengekauerte Gestalt in dem breiten Spiegel über dem Granitwaschbecken zu beachten, gehe ich die Schränke auf der Suche nach einem erste-Hilfe-Set durch. Als ich fündig werde, nehme ich mir einen Lappen, mache ihn unter dem Wasserhahn nass und drehe mich dann zu Cam um. Er sitzt mit hängendem Kopf vor mir und stützt sich mit den Ellenbogen auf seine Oberschenkel. Ich lege mir den Verband, das Desinfektionsspray und die Pflaster neben mich auf den Boden und knie mich dann vor ihn. Während ich mir zuerst seine Hände vornehme, herrscht Schweigen zwischen uns. Seine Hände haben vermutlich das meiste abbekommen, doch das überrascht wenig, da er mit diesen ordentlich viele Treffer in Tristans Gesicht gelandet hat. Ich will nicht gutheißen, was Cam Tristan angetan hat - so angeschwollen und blutig wie sein Gesicht am Ende aussah, habe ich ihn kaum noch erkennen können -, aber die grausamen Dinge, die Tristan mir davor an den Kopf geworfen hat, waren auch nicht ohne.

Wieso folgst du nicht endlich dem Beispiel deiner Mutter und fährst auch gegen einen Baum?

Diese Worte werde ich wohl eine Weile nicht mehr vergessen können.

»Es tut mir leid.«

Überrascht schaue ich von seiner zerschundenen Hand auf. Ich bin so konzentriert in der Stille gefangen gewesen, dass ich seine gemurmelten Worte ohrenbetäubend laut wahrnehme. Um meinen Augen zu begegnen, hebt er ein wenig den Kopf und blickt unter seinen Locken hervor, die ihm zerzaust in die Stirn fallen.

Seine rot geräderten Sturmaugen sprechen von ein Dutzend roten Plastikbechern, die er in sich hinein gekippt hat, um die Nachricht zu vergessen, mit der ihn sein Vater heute konfrontiert hat.

Ich schaue zu Boden und lege alle Utensilien, die ich für den Verband um seine Hand benutzt habe, ordentlich wieder zurück in das Erste-Hilfe-Set.

»Morgan.«

»Schon gut.«

»Nein. Ist es nicht.« Cams Locken fallen wieder vor seine Augen, als er seinen Kopf hängen lässt. Er fährt abwesend den Verband an seiner rechten Hand mit den Fingern der anderen nach. »Ich war ein Arschloch.«

In meiner Brust setzt sich ein tiefer Seufzer fest. »Ja, vielleicht. Aber verletzte Menschen verletzen Menschen.« Ich zucke etwas hilflos die Schultern. Natürlich ist Cams schroffe Art den restlichen Abend über nicht ganz an mir abgeprallt, aber ich verstehe, warum er so war. Sein Vater hat tiefe Wunden bei Cam hinterlassen, und sie reißen jedes Mal aufs Neue auf, wenn er mit ihm konfrontiert ist. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie er sich gefühlt haben muss, als das mit dem Baby verkündet wurde, nur um eine negative Emotion aus Cam heraus zu kitzeln.

»Das sollte aber nicht so selbstverständlich sein. Du hast das nicht verdient.« Mit jeder Silbe verliert seine Stimme an Stärke, und auch seine Schultern schrumpfen immer mehr ineinander. Ich lehne mich vor und umfasse sein Gesicht mit meinen Händen, damit er mich ansieht. »Hey.« Ich streiche ihm die wirren Strähnen aus der Stirn und schenke ihm ein kleines Lächeln. »Jeder macht mal Fehler. Du siehst deine ein. Das macht den Unterschied.« Ich drücke ihm einen Kuss auf den Mundwinkel.

Seine schwieligen Hände finden meine Wangen. Mir bleibt beinahe das Herz stehen, als ich sehe, wie seine Augen feucht werden. »Ich hasse ihn so sehr, Morgan.«

Ich kann nicht viel mehr machen, als ihm noch näher zu kommen und die Träne aufzufangen, die ihm über die Wange rollt.

»Ich weiß.«

Eine wütende Falte bildet sich zwischen seinen Augenbrauen. »Aber noch mehr hasse ich gerade Gallagher.«

Ein tiefer Seufzer schüttelt meinen Körper. Genau so wie die Welle aus Schmerz es tut. »Ja«, hauche ich kaum hörbar.

Wieso folgst du nicht endlich dem Beispiel deiner Mutter und fährst auch gegen einen Baum?

Ich hätte niemals gedacht, dass Tristan auf dieses Niveau fallen könnte. Er wusste, was der Tod meiner Mutter mir angetan hat. So mit den Gefühlen einer anderen Person zu spielen ist wirklich das aller Letzte.

Cams Hände heben mein Gesicht. »Es tut mir leid, dass er sowas gesagt hat. Am liebsten würde ich gleich wieder da raus gehen und ihm erneut meine Faust ins Gesicht rammen.« Der Zorn, der ihm aus allen Poren zu tropfen scheint, lässt daran keinen Zweifel. Und mein Herz wird weit bei dem Gedanken an seinen Beschützerinstinkt. Doch er ist betrunken, und seine Grenzen sind verschwommen; er kann nicht wirklich verstehen, warum dies eine ganz furchtbare Idee ist. Ich bin nur froh, dass er seiner Hand keine allzu großen Schäden zugefügt hat.

Meine Stirn trifft auf seine, und mit geschlossenen Augen sitzen wir einfach so da und atmen den Geruch des anderen ein. Nach einer Zeit habe ich damit weitergemacht, mit dem nassen Lappen das getrocknete Blut von seinen Fingern und Wangen zu waschen, während sein Kopf an meiner Schulter lehnt. Zuerst hat er nur irgendetwas Unverständliches an meiner Haut gemurmelt, aus dem wahrscheinlich der Alkohol und die Erschöpfung gesprochen hat. Doch eine Sache kann ich dann doch sehr deutlich verstehen, und meine Hand an seinen Fingerkuppen hält inne.

»Ich habe mich in dich verliebt, Morgan.«

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