Nachdem wir im Schnee zu mir gelaufen waren, hatte ich Shawn noch ins Haus gebeten. Ich wollte immerhin nicht, dass er zu sehr frieren musste. Ich machte uns einen Tee, den wir auf der Couch tranken, während der Schnee unermüdlich vom Himmel fiel.
"Du trägst die Kette", merkte Shawn lächelnd an und nahm einen Schluck von seinem Tee.
Lächelnd legte ich meine Hand auf die Kette, die ich um den Hals trug. "Das war das schönste Geschenk, dass du mir machen konntest."
"Ich bin froh, dass es dir gefällt", erwiderte er.
"Cami hätte dich wirklich gemocht, wenn sie dich besser gekannt hätte", sagte ich und blinzelte ein paar Tränen weg, die mir beim Gedanken an meine Schwester kamen.
Shawn legte seine Hand auf meine und blickte mich an. "Alles okay?"
"Ja, tut mir leid."
"Gehst du eigentlich immernoch zur Therapie?", hakte er nach, seine Hand verweilte noch auf meiner.
Ich nickte. "Ich mache Fortschritte. Vor ein paar Wochen wäre ich lieber gestorben, als aus dem Haus zu gehen."
"Deine Schwester wäre jetzt bestimmt stolz auf dich."
"Das hoffe ich", murmelte ich.
Draußen fing es langsam an zu dämmern, worauf Shawn beschloss, sich auf den Weg nach Hause zu machen. Er zog sich seine Winterkleidung wieder an und wollte gerade die Tür öffnen, als er anfing zu lachen.
"Du willst mich wohl einfach nicht gehen lassen", scherzte er.
"Wie meinst du das?"
Er drückte gegen die Tür, die sich nicht öffnen ließ. "Ehrlich, netter Trick."
Ich lachte auf. "Was redest du denn da?"
"Die Tür", sagte Shawn und deutete auf die Haustür. "Lässt sich nicht öffnen."
Ich griff nach meinem Handy und erblickte sofort die Wetter-Meldung. "Ein Blizzard."
"Was, ernsthaft?", fragte Shawn und sah auch auf sein Handy. "Tja, dann sitze ich wohl hier fest."
Ich lief in die Küche und sah aus dem Fenster. "Das hört ja gar nicht mehr auf!"
"Ist es okay, wenn ich hier bleibe?", fragte Shawn fast schüchtern nach.
"Mehr als okay", erwiderte ich und lächelte ihn an.
"Ich rufe kurz meine Mom an", sagte er und begann eine Nummer zu wählen.
Ich gab etwas Wasser in den Wasserkocher, um neuen Tee zu machen. Egal wie sehr ich es versuchte, ich konnte nicht aufhören zu lächeln. Irgendwie war ich froh, Shawn bei mir zu haben. Bis jetzt hatte ich einen Schneesturm miterlebt. Damals war ich noch klein gewesen und es hatte mir Angst gemacht. Deshalb war ich etwas erleichtert, dass ich nicht alleine festsaß. Da es schon später war, warf ich einen Blick in den Kühlschrank. Ich hatte noch Pizzateig, welchen ich rausholte, damit Shawn und ich uns zum Abendessen eine Pizza machen konnten.
Ich machte meine Playlist in der Küche an und rollte schon den Pizzateig aus.
"Ist nicht wahr", staunte Shawn, als er die Küche betrat.
"Was denn?", fragte ich verwirrt.
"Kendrick Lamar. Du hörst Kendrick Lamar?"
"Ist das so seltsam?", erwiderte ich lachend.
"Nein, du siehst nur so aus, als würdest du nicht auf die Art Musik stehen. Ich meine, du bist Ballerina."
"Na und?", erwiderte ich lachend. "Es gibt wohl noch einiges, was du nicht über mich weißt."
"Hoffentlich ändert sich das", sagte er.
"Mal sehen", erwiderte ich schulterzuckend.
Gemeinsam belegten wir die Pizza, während Shawn Rap-Versuche machte, für die ich ihn auslachte.
Wir beschlossen, Scrabble zu spielen, solange die Pizza im Ofen war.
"Wie kann es sein, dass dein Vokabular so groß ist?", beschwerte sich Shawn. "Niemand legt bei Scrabble das Wort Molybdän!"
"Niemand außer mir!", gab ich zurück. "Hast du etwa im Chemie-Unterricht nicht aufgepasst?"
"Doch, aber das kam niemals vor", erwiderte er und schüttelte den Kopf.
"Wie auch immer, ich gewinne!", jubelte ich und sprang auf. "Und meine Belohnung ist diese Pizza."
Ich holte die Pizza aus dem Ofen, während Shawn den Tisch deckte.
Wir aßen und ich genoss einfach Shawns Anwesenheit. In den letzten Wochen war er mir immer mehr ans Herz gewachsen. Er hatte mir zurück auf die Beine geholfen und egal wie sehr ich ihn weggestoßen hatte, er war geblieben. Ich hatte auch immer öfter an ihn gedacht. Seine traumhaften, braunen Augen und sein Lächeln. Wenn ich an ihn dachte, konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. Er hatte mein Leben verändert und ich konnte ihn nicht mehr wegdenken. Vielleicht hatte ich sogar Gefühle für ihn, ich wusste es nicht. Im Moment wollte ich darüber auch nicht nachdenken. Das Leben war zu kurz, um sich den Kopf zu zerbrechen. Ich würde es einfach auf mich zukommen lassen.
"Ich räume kurz die Teller auf", sagte ich.
"Ist gut", erwiderte Shawn, der im Wohnzimmer war.
Ich räumte die Teller in die Spülmaschine und ging dann zu Shawn. Er stand mit dem Rücken zu mir und hatte die Gitarre meines Vaters in der Hand.
"Die hat meinem Dad gehört", sagte ich, worauf er zusammenschreckte und sich umdrehte.
"Tut mir leid, Lyra. Ich wollte sie mir nur mal anschauen. Ich wusste nicht, dass-"
"Hey, ist schon gut. Du musst dich nicht entschuldigen", sagte ich lächelnd. "Kannst du spielen?"
Shawn nickte. "Soll ich?"
Dieses Mal nickte ich.
Er setzte sich auf die Couch und ich mich neben ihn. Er überlegte kurz und fing dann an zu spielen.
Seine Finger spielten die Seiten so geschickt, dass er ihnen wundervolle Melodien entlocken konnte. Er summte die Melodie leise mit und lächelte mich immer wieder an.
"Du kannst ruhig singen", sagte ich. "Ich werde nicht lachen."
Er lächelte. "Na schön."
Er fing wieder an zu spielen und räusperte sich, bevor er zu singen anfing. "You've got a hold on me, don't even know your power. I stand a hundred feet, but I fall when I'm around you. Show me an open door and you go and slam it on me. I can't take anymore."
In meinem Kopf versuchte ich, mich an dieses Lied zu erinnern, doch ich hatte es noch nie gehört. An meinem ganzen Körper bildete sich eine Gänsehaut. Ich hatte ja keine Ahnung gehabt, dass er so gut singen konnte.
"I'm saying; Baby, please have mercy on me. Take it easy on my heart. Even though you don't mean to hurt me, you keep tearing me apart. Would you please have mercy, mercy on my heart?"
Seine Finger lösten sich von den Seiten und er blickte mich an. "Weiter bin ich noch nicht."
"Der Song ist von dir?", staunte ich.
"Ja", erwiderte er. "Ich weiß, er ist nicht so gut."
"Ist das dein Ernst?", gab ich empört zurück. "Deine Stimme ist der Wahnsinn! Und dieser Song erst... Ich wusste nicht, dass du so gut bist."
"Tja, es gibt eben einiges, das du nicht über mich weißt."
"Ist das der einzige Song, den du geschrieben hast?", hakte ich neugierig nach.
"Nein, ich habe ziemlich viele geschrieben", sagte er.
"Ich hoffe, dass ich die auch mal zu hören bekomme", antwortete ich.
"Nichts lieber als das."
Shawn schlief auf der Couch in meinem Zimmer. Wir redeten noch ein wenig, bevor ich abdriftete.
Und plötzlich war ich wieder im Auto. Ich konnte mich nicht bewegen. Der Schrei meiner Mutter brachte mein Herz fast zum Stillstand und wir stürtzten von der Brücke. Wasser strömte in unser Auto. Ich konnte nicht schreien, ich konnte nicht atmen. Meine Lungen füllten sich mit Wasser, bis sie zu kollabieren drohten. Als ich nach meinen Eltern suchte, waren sie weg. Sie saßen nicht mehr vor mir. Cami fehlte auch. Da war nur Shawn. Ich versuchte mich zu bewegen, um ihn zu wecken.
Ich wollte seinen Namen schreien, aber es kam nichts heraus.
Schweißüberströmt schreckte ich hoch.
"Lyra?", hörte ich Shawn neben mir. Ich machte meine Nachttischlampe an und erblickte Shawns besorgtes Gesicht vor meinem Bett. "Hey, ist alles okay? Du hast meinen Namen geschrien. Und du weinst."
Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und schüttelte den Kopf. "Ich hab schlecht geträumt. Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe. Der Unfall... ist immernoch in meinem Kopf."
"Ist schon okay", versicherte er mir und machte sich wieder auf den Weg zum Sofa.
"Shawn?"
Er drehte sich um, sein muskulöser Körper wurde nur vom schwachen Licht meiner Lampe beleuchtet. "Ja?"
"Bleibst du bei mir?", fragte ich und wischte mir erneut Tränen weg.
Er kam wieder auf mein Bett zu und legte sich zu mir. Er legte den Arm vorsichtig um mich und ich kuschelte mich an seine Brust. "Immer."
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Deep Waters [german]
FanfictionLyras Leben ist beinahe perfekt. Sie muss sich wegen nichts sorgen und kann jeden Tag genießen. Doch von einem Tag auf den Anderen verändert sich alles. Ihre Familie ist in einen tragischen Autounfall verwickelt und sie ist die einzige Überlende, zu...
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