- 22 -

968 47 3
                                        

"Lyra!",noch halb schlafend hörte ich die Stimme nur gedämpft und beschloss sie einfach zu ignorieren. Zwei Hände nahmen mich an den Schultern und rüttelten mich mehr oder weniger sanft, bis ich die Augen öffnete. "Ist was passiert?",nuschelte ich verwirrt und rieb mir den Schlaf aus den Augen. Mein Wecker, den ich als Shawn identifiziert hatte, stand mit den Händen in den Hüften vor dem Bett und grinste so breit, dass es eigentlich wehtun müsste. "Guten Morgen Schlafmütze",begrüßte er mich gut gelaunt. "Wie viel Uhr haben wir?",fragte ich ihn, da er wohl schon länger wach war. Seine Haare waren wie immer gestylt und er trug nicht mehr seinen Schlafanzug. "Kurz nach 9." Leise fluchend erhob ich mich, da es für mich nicht auch nur ansatzweise spät fürs Aufstehen war. "Na los! Santa war schon da!" Ich lachte und verdrehte die Augen über seine kindliche Vorfreude, ehe er mich allein im Zimmer ließ und die Treppe runterstürzte. Da ich keine frische Kleidung dabei hatte, zog ich dasselbe wie am vorherigen Tag an und spritzte mir etwas Wasser in das verschlafene Gesicht um meinen Kreislauf auf Trab zu bringen.
Als ich in die Küche stand war der Tisch schon gedeckt und Karen richtete eine Käseplatte her. "Guten Morgen",begrüßte ich sie höflich. "Den wünsche ich dir auch, und fröhliche Weihnachten!" Sie ließ ihre Arbeit kurz ruhen und umarmte mich,  was ich nicht erwartet hatte. "Danke! Dir auch." Sie lächelte mich dankbar an. "Manny und die Anderen sind schon im Wohnzimmer, wir sollten sie nicht noch länger warten lassen." Sie zwinkerte mir fröhlich zu und ich folgte ihr. Unter dem schön geschmückten Baum lagen nur einige Geschenke. Manche davon waren groß und andere dagegen relativ klein. Sie alle waren in die verschiedensten, bunten Geschenkpapiere eingepackt und mit einem Geschenkband verziert.
"Frohe Weihnachten Lyra!" Manny lachte mich an und erwiderte den Wunsch. Nachdem ich auch Aaliyah und Shawn ein fröhliches Fest gewunschen  hatte, begannen Karen und Manny die Geschenke an ihre Kinder zu verteilen. Als alle Geschenke entweder Shawn oder Aaliyah "zugeteilt" worden waren, und keins mehr übrig war,  war ich froh, dass Karen für mich nichts hatte. Ich hatte es nicht erwartet, doch wenn es so gewesen wäre, wäre es mir ziemlich peinlich gewesen, da ich außer für Shawn für niemanden der Familie etwas hatte. Ich sah Shawn, der übrigens einen unfassbar lächerlichen Pulli mit der Aufschrift "Santas little helper" trug, beim Auspacken seiner Geschenke zu. Er freute sich am meisten über eine Ukulele, die er bekommen hatte. Bis jetzt hatte ich es nicht gewusst, aber ich schätzte, dass er ein musikalischer Mensch war, denn in seinem Gitarre standen 3 Gitarren herum und dazu kam jetzt noch die Ukulele. Bei Gelegenheit, würde er mir etwas vorspielen müssen. Auch Aaliyah freute sich natürlich über ihre Geschenke. Es war einfach ein typisches Weihnachtsfest in einer Vorstadtfamilie. Alle waren fröhlich und zufrieden. Ich saß während der Bescherung zwar mehr oder weniger nur dabei, aber ich dachte nur einen kurzen Moment an meine Familie. Es war ein komisches Gefühl Weihnachten mit verhältnismäßig fremden Leuten zu verbringen, aber sie taten alles dafür, dass ich mich hier genauso willkommen und wohl fühlte wie ich mich in meiner Familie gefühlt hatte. Und das klappte allmählich tatsächlich.
Nachdem Shawn sich bei seinen Eltern für die Geschenke bedankt hatte, ließ er sich neben mich auf das Sofa fallen. "Dein Geschenk bekommst du später...Ich wollte es dir geben wenn wir allein sind",erklärte er leise. "Klar, dann kann ich dir auch meins geben." Ich lächelte ihn kurz an und mein Blick fiel wieder auf seinen Weihnachtspullover. "Schöner Pulli übrigens",neckte ich ihn. Er lachte fast schon beschämt.  "Danke, ein wunderbares Teil, nicht wahr?" Ich kicherte über seine sarkastische Bemerkung. Karen war in der Zwischenzeit wieder in die Küche verschwunden und rief uns jetzt zum Essen. Nachdem sich alle gesetzt hatten stellte sie einen großen Teller voller Pancakes auf den Tisch und setzte sich dann selbst. "Guten Appetit!" Aaliyah und Shawn griffen sofort beide nach den Pancakes, dich bevor sie sich zanken konnten, griff Karen ein, nahm den Teller und wandte sich mir zu:"Willst du einen Pancake Schätzchen?" "Ja sehr gerne!" Ich nahm mir welche und sah dann belustigt zu, wie Shawn und Aaliyah haufenweise Pancakes auf ihren Tellern stapelten. "Der Teig war heute etwas dünnflüssig, ich hoffe sie sind trotzdem gut",entschuldigte sie sich, ehe ich mir den ersten Bissen in den Mund steckte. "Also wenn sie nur halb so gut sind wie Shawns,  dann sind sie schon 10 mal besser als alles was ich jemals zustande gebracht hab",scherzte ich und begann zu essen. Die Pancakes waren übrigens köstlich. "Familienrezept",fügte Manny stolz hinzu und strich sich Butter auf sein Brot.  Das Frühstück verlief relativ ereignislos und danach ging ich wieder hoch in Shawns Zimmer, um meine Tasche zu holen. Ich wollte der Familie ein bisschen Privatsphäre lassen und wollte deshalb so schnell wie möglich wieder gehen.
"Willst du schon gehen?" Shawn stand in der Tür und ich wusste nicht ob es daran lag, dass er seinen dummen Pulli durch etwas normales ersetzt hatte oder dass seine Haare etwas verwuschelt waren, aber er sah in diesem Moment extrem gut aus. "Ich will euch nicht länger zur Last fallen." "Tust du nicht",versicherte er und setzte sich neben mich auf das Bett.
"Du darfst gehen wann immer du willst, aber ich will dir vorher noch mein Geschenk geben." Er griff in seine Hosentasche und holte eine kleine Schmuckschatulle heraus. "Ich dachte, vielleicht hilft es dir, dich ihr nahe zu fühlen",erklärte er. Bevor er mir die Schatulle in die Hände legte, sah er mir tief in die Augen und lächelte mit einer Sänfte, die besser war als jedes tröstende Wort, dass er hätte sagen können.
Ich löste meine Blick von seinen brauen Augen und öffnete vorsichtig das kleine Kästchen. Ein feines Goldkettchen mit einem kleine Papierflieger als Anhänger kam zum Vorschein. Es war dieselbe Kette die einst mir gehört hatte. Dieselbe die Cami am Abend des Unfalls getragen hatte.  Dieselbe die sie immer noch trug. Mir fehlten die Worte. Meine Augen wurden feucht und ich wischte einen Träne von meiner Wange. "Danke!" Ich umarmte ihn fest und lächelte über die Tränen weg. "Das war die Reaktion die ich mir erhofft hatte." Shawn grinste glücklich und strich mit seinem Daumen eine weitere Träne von meinem Gesicht. Wir verweilten kurz nebeneinander bevor ich das Bild, welches ich für Shawn gezeichnet hatte, aus meiner Tasche holte. "Es ist nichts besonderes. Ich habe einfach gezeichnet. Es...es hat keine tiefere Bedeutung." Shawn betrachtete mein Bild. Ich hatte eine Glühbirne gemalt, in der blaue Orchideen wuchsen. Es war keine Meisterleistung, aber Shawn schien es wirklich zu gefallen. "Wow, Lyra. Du hast wirklich Talent, das sieht unfassbar aus!" "Danke, aber ich-" "Kein aber. Ich liebe es." Ich grinste. "Gern geschehen." Ich erhob mich vom Bett und lief zur Tür.  "Ich denke ich gehe dann mal." Er folgte mir während ich die Treppe hinunterlief. "Soll ich dich fahren?" "Nein danke, ich laufe lieber."  "Sicher? Es stürmt schon ein bisschen?"  "Das macht nichts."

Ich verabschiedete mich von allen und bedankte mich nochmal bei Karen und Manny.

"Sicher dass ich nicht fahren soll?",fragte Shawn erneut während ich die Schuhe anzog. "Ja, wirklich,  ich-"  "Ach weißt du was?  Ich begleite dich einfach?" "Das musst du nicht." "Keine Widerrede!" Ich ergab mich,  da es keine Sinn machte weiter zu diskutieren. Wie ein wahrer Gentleman öffnete er mir die Türe uns ein kalter Windstoß kam uns entgegen. Meine Haare flogen in sämtliche Himmelsrichtungen und ich strich sie aus dem Gesicht, nur damit sie mir beim nächsten Windstoß wieder ins Gesicht gepustet wurden. "Willst du eine Mütze von mir?",bot Shawn lachend an. "Ja bitte!" Er nahm eine seine Mützen und zog sie mir über den Kopf. Sie war viel zu groß und rutschte mir über die Augen. "Ich würde sagen, jetzt bist du bereit." "Ja",lachte ich, rückte die Mütze zurecht und folgte Shawn in die Kälte.

Deep Waters [german]Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt