Gefahr

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Jaime

Eben noch hatte ich am Tisch gesessen. Ich hatte überlegt, wohin ich die zahlreichen Fotos der letzten Jahre hinhängen sollte. Ich hatte die kahlen, weißen Wände bestaunt und mir bereits in Gedanken Farben zusammengestellt, die am besten passen könnten.
Mein Blick war auf das Fenster gefallen und ich hatte hinausgeblickt auf den kleinen Garten, der nur wenige Meter entfernt von dem umzäuntem Park war. Ich hatte meinen Blick schweifen lassen auf die säuberlich angeordneten Häuser, jedes von ihnen scheinbar gleich, jedoch im Detail in einzelnen Merkmalen verschieden.
Ich war zurück zu meinen halb ausgeräumten Koffer gegangen und hatte überlegt, in welchen der Räume meiner Vier-Zimmer-Wohnung am besten ein Bücherregal passen würde. Ob ich von dem Geld, das ich demnächst verdienen würde, Gardinen für die Fenster oder einen Teppich für den Boden kaufen sollte. Oder lieber einen Fernseher oder ein Radio. Da meine Gedanken in den Gemeintschaftsraum der Slytherins gewandert waren, hatte ich auch einen Sessel oder ein kleines Sofa in Erwägung gezogen. Als ich Hunger bekommen hatte, hatte ich auch den Kauf eines Kühlschranks oder von Besteck und Geschirr überlegt.
Und Jetzt ... jetzt war all dies plötzlich bedeutungslos geworden.
Es war egal, welche Farbe die Wände haben sollten. Es war egal, in welcher Ecke der Schrank stehen sollte. Es zählte allein, dass Allana mich gerufen hatte. Dies konnte nur wichtig gewesen sein. Anders war ihr gedanklicher Ruf nicht zu erklären.
Es war nur ein einziges Wort gewesen: Jaime. Aber es hatte mich getroffen wie ein Pfeil.
Allana würde nicht umsonst so mit mir kommunizieren und erst recht nicht mit nur einem Wort. Etwas musste passiert sein.
Ich presste die Augen zusammen und konzentrierte mich auf meine Verbindung zu Allana. Konnte ich ihr vielleicht eine Botschaft schicken? Waren meine telepathischen Fähigkeiten überhaupt so ausgereift, dass ich meine Schwester erreichen konnte? Normalerweise brauchte ich Körperkontakt, damit ich ihr eine Botschaft zukommen lassen konnte und selbst dann konnte sie ab und zu all meine Gedanken lesen und manchmal gar nichts.
Hallo?, fragte ich zögerlich in die Schwärze hinein. Allana?
Mein Kopf begann schmerzhaft zu pochen und ich öffnete die Augen. Sofort blinzelte ich gegen die Helligkeit an und kniff die Augen erneut zusammen.

Schweigen war die einzige Antwort.

Allana

Das Erste, was ich wahrnahm, war ein pochender Schmerz, der meine gesamte rechte Körperhälfte auszufüllen schien. Ich unterdrückte ein Stöhnen, wobei ich merkte, dass meine Kehle staubtrocken war. Ich schluckte mühsam.
Ich schaffte es mich ein paar Zentimeter zu bewegen und lag nun auf dem Rücken, was den Schmerz ein bisschen erträglicher machte.
Ich schaffte es die Augen einen Spalt breit zu öffnen. Sofort blendete mich Helligkeit und ich kniff die Augen rasch wieder zusammen und kuschelte mich tiefer in die Decke.
Dann verharrte ich. Wo war ich? Ich konnte mich nur noch erinnern, dass mich ein Zauber getroffen hatte.
Vorsichtig tastete ich mit den Händen meine nähere Umgebung ab, wobei ich meine Augen eine Winzigkeit weit öffnete. Ich lag offensichtlich in einem Bett und da war-
Meine Finger berührten etwas Kaltes und Schuppiges. Und es bewegte sich. Ich riss die Augen auf. Nur Zentimeter von meinem Gesicht entfernt, lag die größte Schlange, die ich je gesehen hatte. Sie war noch größer als Scar, mit einem Körper dicker als mein Oberschenkel. Ihre Länge maß bestimmt über zwei Meter.
Die Schlange öffnete eines ihrer gelb glühenden Augen und blinzelte mich träge an.
,,Du bist also endlich aufgewacht", stellte eine kalte und doch spürbar amüsierte Stimme hinter mir fest.
Ich fuhr herum und biss die Zähne zusammen, als meine Wunde schmerzhaft zu stechen begann.
Voldemort saß auf einem einfachen Stuhl neben meinem Bett, in der linken Hand hielt er ein Blatt Pergament, worin er wohl noch bis eben gelesen hatte- Moment, das war meine Hausarbeit für Verteidigung gegen die dunklen Künste! Ich schnappte sowohl vor Empörung als auch vor Schmerz nach Luft, denn meine Wunde brannte auf einmal wie Feuer. Voldemort legte das Pergament auf einen kleinen Tisch ab. Dann bohrten sich seine roten Schlitze in meine grauen Augen. Ich schluckte schwer, hielt seinen starren Blick jedoch stand. ,,Wa- Warum bin ich hier?", brachte ich mühsam hervor. Meine Stimme zitterte ein wenig. Hatte er womöglich erfahren, dass wir von den Horkruxen wussten? Oder versuchte er mich zu manipulieren, mir zu drohen, um Kontrolle über mich zu erlangen?
,,Aus vielerlei Hinsicht. Ein Aspekt davon ist, dass es Dinge gibt, die meiner Aufmerksamkeit bedürfen. Dabei wirst du dich hoffentlich als nützlich erweisen", zischelte er.
Ich runzelte die Stirn. Was genau meinte Voldemort damit?
Ich wollte zum Sprechen ansetzen, doch Voldemort hatte sich bereits erhoben. ,,Du bleibst hier in diesem Zimmer ... Ich will nicht, dass du für Unruhe sorgst." Er blickte kurz zu der Schlange. ,,Nagini, du weißt, was du zu tun hast."
Diese senkte kurz den Kopf. ,,Ja, Herr", zischte sie. Voldemort wandte sich ab und verließ den Raum. Ich vernahm ein Klicken, als er die Tür hinter sich magisch verschloss. Ich atmete erleichtert auf.
Nun befand ich mich allein mit Nagini in dem Zimmer.
,,Bist du hiermit meine persönliche Wache?", fragte ich die Schlange langsam. Sie gab einen Laut von sich, der bei einem Menschen an ein Lachen erinnert hätte. ,,Das bin ich. Der Lord hat mir jedoch gleichermaßen befohlen auf Euch achtzugeben. Er schätzt es nicht, sollte Euch etwas widerfahren."
Ich unterdrückte ein Schnauben, wobei meine rechte Körperhälfte unangenehm pochte. Ich erinnerte mich an den Zauber von Lestrange, der mich scheinbar genau dort getroffen hatte. Was war das für ein Zauber gewesen, dass der Schmerz nach mehreren Stunden noch immer anhielt?
Ich beschloss Nagini danach zu fragen. Ihre Antwort war ein leises Zischeln. ,,Es war ein schwarzmagischer Fluch. Der Lord hat Lestrange bereits angemessen dafür bestraft." Ihre gespaltene Zunge flatterte wie vor boshaften Vergnügen über diese Aussage. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. ,,Er hat ihn gefoltert?!", flüsterte ich ungläubig und mir wurde übel.
Langsam ließ ich mich zurücksinken, bis ich mit dem Rücken auf der Matratze lag. Ich stierte an die Decke. Warum war ich hier? Wozu brauchte Voldemort mich? Was war sein Plan?
Mir wollte zu keiner dieser Fragen eine vernünftige Antwort einfallen.
Letztendlich fielen meine Augen zu und ich sank in tiefen Schlaf.

Ich wachte schlagartig auf, als ich ein geräuschvolles Poltern vernahm.
Müde blinzelte ich mir den Schlaf aus den Augen und blickte mich um.
Mein Zimmer war vollkommen leer, selbst Nagini war nicht mehr neben mir im Bett. Hatte sie neue Befehle von Voldemort erhalten?
Dann hörte ich ein Kratzen, genau wie Krallen, die von draußen über das Holz der Tür ratschten. Ich erbleichte schlagartig. Voldemort konnte es nicht sein, denn dieser konnte die Tür mühelos mit Magie öffnen ...
Auch die anderen Todesser würden ihre Magie gebrauchen und sie nicht blindlings zerkratzen, im Versuch hineinzukommen. Tatsächlich gab es nur eine Person- nein, ein Wesen, das sich auf diesem Wege Zugang zu meinem Zimmer verschaffen würde. Und das zweifellos ziemlich wütend auf mich war, da ich es bei mir Zuhause so mühelos besiegt hatte: Greyback, der Werwolf.
Ich schluckte schwer. Ich besaß keinen Zauberstab, war durch meine Verletzung ans Bett gefesselt und Greyback würde garantiert nicht den gleichen Fehler machen und mich zu nah an sich heranlassen. Außerdem wusste ich nicht, ob Legilimentik gerade überhaupt funktionierte. Möglicherweise hatte Voldemort Vorkehrungen getroffen, die verhinderten, dass ich meine Fähigkeiten als Waffe einsetzen konnte. Und selbst wenn meine Telepathie funktionierte, wen sollte ich benachrichtigen? Jaime war in London, außerdem durfte er sich unter keinen Umständen in Gefahr bringen! Tatsächlich gab es nur eine einzige Person, die mir jetzt helfen konnte. Ich biss die Zähne zusammen und konzentrierte mich auf eine ganz bestimmte Präsenz.
Im selben Moment knallte die Tür mit einem dumpfen Geräusch gegen die Wand. Im Türrahmen stand Greyback, beinahe vollständig verwandelt. Sein Maul war zu einem Knurren geöffnet, seine Zähne gebleckt. Geifer tropfte zu Boden und sammelte sich in einer kleinen Lache am Boden. Sein Körper war teilweise von struppigen Fell bedeckt und er stand leicht gebeugt da. In einer Hand hielt er einen Zauberstab, den er bösartig grinsend auf mich deutete. ,,Hallo, Schätzchen", knurrte er und kam langsam näher. ,,Es war wirklich nicht nett von dir, was du getan hast. Blamiert hast du mich!" Seine Augen blitzten. ,,Dafür wirst du teuer bezahlen!"
Ich blickte ihn an, jedoch sah ich den Werwolf gar nicht richtig. Denn geichzeitig befand sich mein Geist auf der Suche nach dieser einen Präsenz. 
,,Das denke ich nicht", meinte ich überraschend gelassen. Meine Lippen schienen sich dabei wie von selbst zu bewegen, als wäre ich in einer Art Trance.
Mein Geist tastete sich unterdessen an einer metallenen Kette entlang. Im Vergleich zu dieser Gefahr erschien Greybacks Drohung geradezu banal.
Der Werwolf drehte den Kopf schief. ,,Ach ja?", knurrte er. ,,Soweit ich das erkenne, bin nicht ich derjenige, der unbewaffnet ist."
Greybacks Gestalt verschwamm, während ich mich mehr auf die eiserne Kette konzentrierte und ihr in die Dunkelheit folgte. ,,Und das ist dein Fehler", hörte ich mich sagen.
Ein Lachen war die Antwort, jedoch konnte ich auch einen Anflug von Verwirrung wahrnehmen. Er kam näher.
Auch die tiefe Schwärze war nun so dicht, dass sie förmlich greifbar war.
,,Sag mir, Schätzchen, wie willst du mich hindern, dir wehzutun?" Ein weiterer Schritt. Er stand nun genau neben mir.
Vor mir war ein Abgrund. Ein einziges schwarzes Loch. Ich holte tief Luft. Ich konnte unmöglich in seinen Geist eindringen, dafür war ich einfach nicht stark genug. Aber vielleicht musste ich dies auch gar nicht. Er würde meinen Geist spüren, wenn ich auch nur einen leichten Impuls aussendete ...
,,Ich hindere dich nicht. Das muss ich auch gar nicht."
Greybacks fauliger Atem war nun an meiner Wange. ,,Ach Nein?"
Ich spürte, wie sich die andere Präsenz wappnete, als der Impuls sie traf. Ein schwarzer Sturm rauschte in meine Richtung, eine kluge Strategie zum Angriff als auch zur Verteidigung. Würde dieser mich treffen, würden die Mauern meines Geistes bersten und ich würde ihr hilflos ausgeliefert sein. Er kam näher und näher ... Nur Milimeter von mir entfernt stockte der Strudel plötzlich und löste sich auf. Die Präsenz hatte mich erkannt. Nun würde die dazugehörige Person hoffentlich zu mir kommen.
Ich atmete tief durch und merkte, dass meine Glieder angefangen hatten zu zittern. Und zwar nicht wegen der Bedrohung durch Greyback.
,,Nein", meinte ich zu dem Werwolf, dessen eben nur verschwommene Silhouette nun wieder schärfer wurde. Ich blinzelte. ,,Denn du machst den gleichen Fehler wie in der Vergangenheit: Du unterschätzst, wozu ich fähig bin."
Greyback bleckte die Zähne. ,,Schweig!" Er hob den Zauberstab. ,,Cru-"
Weiter kam er nicht, denn ein Fluch traf den Werwolf und er wurde brutal durch die Luft geschleudert. Ich blickte zur Tür. Dort stand Voldemort, den Zauberstab gezückt. Seine Augen loderten vor Zorn.

Seine Erben (2)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt