Kapitel 28

46 5 0
                                        

Lara setzte sich auf. Ein paar Minuten hatte sie bestimmt noch, bis jemand aufwachte. Sie schloss die Augen und schickte ihren Geist aus. Hoffentlich waren keine Ora wach, sonst konnte sie das Ganze gleich vergessen. Aber wenn sie es nicht riskierte, würde es Hazla schon ziemlich bald... nicht ganz so gut gehen. Eigentlich scheiße. Oder sie würde... Nicht daran denken, Lara! Konzentriere dich!

Das Mädchen fand einen Riss innerhalb des Felsens über seinem Kopf. Er war lang und zwar zu schmal, aber das würde sich sowieso gleich ändern. Vorsichtig begann Lara, ihn weiter aufzustemmen und zu verbiegen. Als sie mit dem Ergebnis zufrieden war, suchte sie haarfeine Nebenspalten. Langsam wuchs das brüchige Netz in der Höhlendecke.

Schließlich beendete Lara ihre Arbeit und sah zufrieden zur Decke hinauf. Plötzlich ertönten Schritte. Sie legte sich wieder hin. Warum sind das so viele? fragte sie sich ängstlich. Geht jetzt schon alles schief? Sie beruhigte ihren hektischen Atem, bis er fast schmerzhaft langsam ging und schloss die Augen, lauschte aber konzentriert.

Eine grobe Hand rüttelte an ihrer Schulter. Lara schlug blinzelnd die Augen auf, als würde sie gerade erst aufwachen und blickte in vier strenge Gesichter. Mit einem erschrockenen Laut schreckte sie zusammen und starrte sie an.

Rote Klinge trat hervor. "Hallo Lara", meinte sie freundlich. "Wir wollten nur sichergehen, ob es dir gut geht. Gestern haben wir nämlich ein paar beunruhigende Nachrichten bekommen. Und gerade wurde ziemlich rissiges Gestein über der Höhle entdeckt. Hoffentlich geht es dir gut und du hast du nichts damit zu tun."

"Rissiges Gestein? Nachrichten? Was für Nachrichten?" fragte Lara mit weit aufgerissenen Augen und setzte sich auf. Ihr Herz und ihre Gedanken rasten. Nein. Bitte nicht! Nicht jetzt schon... Teliab? War er es? Bestimmt nicht... die Fesseln! Können sie hören, was er sagt? Oder sogar, was in seiner Umgebung passiert?... Das ist doch eigentlich jetzt egal, mach irgendwas... Denk nach, Lara, denk nach. Fieberhaft suchte sie nach einer Lösung.

Rote Klinge betrachtete sie nachdenklich und fuhr fort: "Anscheinend will eine unserer Gefangenen ausbrechen. Wir haben die Befürchtung, dass du ihr dabei helfen willst."

"Wie sollte ich bitte einem Gefangenen helfen?" meinte Lara spöttisch, aber ihr Herz hämmerte immer noch munter weiter. "Ich kriege ja selbst nicht mal irgendwas auf die Reihe."

"Wir sind nicht zum Quatschen hier", grummelte der größte Ara hinter der Roten und verschaffte Lara damit eine Atempause.

"Stimmt", stimmte Rote Klinge ihm wieder freundlich zu. "Kommst du mit, Lara? Die Decke könnte hier jederzeit einstürzen und das wäre doch schade."

"Natürlich", sagte Lara erleichtert. Wenn es brenzlig wurde, konnte sie sich bestimmt noch rausreden. Improvisiere einfach, sprach Hazla erneut in ihrer Erinnerung.

Halt die Klappe. Ich werde nicht- Lara brach ihr Selbstgespräch ab. Sie hatte gesehen, wie Hazla die Gefangenschaft zusetzte. Ich werde nicht nicht improvisieren, wenn Aussicht auf Erfolg besteht, sagte sie entschlossen, in der Hoffnung, dass Hazla sie hören konnte. Lara stand auf und folgte Rote Klinge.

Die führte sie durch die größte Höhle, vorbei an dem Gang, der zu den Drachen führte. Was ist los? fragte Hazla leise und besorgt. Die Verbindung war nur schwach und stark dirch die Umgebung beeinträchtigt, doch ihre Verzweiflung war trotzdem dumpf zu spüren.

Alles gut, aber ich muss anscheinend improvisieren, seufzte Lara besorgt. Ob ihre Seelengefährtin antwortete, bekam sie nicht mehr mit, der Eingang lag hinter ihr und Tonnen von Fels schirmten sie voneinander ab.

Plötzlich beugte Rote Klinge sich zu ihr hinüber. "Sag so wenig wie möglich. Du hast nichts gehört, gesehen oder gemacht. Klar? Ich versuche, dich da rauszukriegen. Keine Sorge, ich sage nicht, dass du den Gefangenen helfen wolltest, vertrau mir. Und danach geht es sofort weiter."

Lara nickte erleichtert. Rote Klinge wusste, was sie tat. "Danke", wisperte das Mädchen zurück. "Weiß er, dass ich auch die Wände kaputt gemacht habe? Und kannst du Hazla auch rausholen?"

Rote Klinge zögerte kurz. "Nein, das weiß er nicht. Ich werde sehen, was ich für Hazla tun kann. Jetzt müssen wir aber still sein, sonst schöpft noch jemand Verdacht." Sie blickte wieder starr nach vorn, wo sich der große Ara misstrauisch umgedreht hatte. Die Rote nickte ihm beruhigend zu. "Alles in Ordnung", meinte sie und zwinkerte mit dem rechten Auge.

"Hoher Ara, ich habe das Mädchen wie befohlen hergebracht. Doch ich bin keinesfalls davon überzeugt, dass sie etwas mit den... Vorkommnissen zu tun hat", meinte Rote Klinge direkt, nachdem der Ara sie begrüßt hatte.

Der sah sie nachdenklich an. Lara musterte ihn noch einmal interessiert, gestern war ihr nämlich ein Detail nicht aufgefallen. Seine Haut glühte leicht wie Teliabs.

Steinhaut hatte ihr zugeflüstert, dass der Anführer der Ara sich in einen Drachen verwandeln konnte. In einen Feuerdrachen, um genau zu sein. Diese Fähigkeit beherrschten allein er und der zukünftige Anführer, sein Sohn. Der Anführerposten stand also allein seiner Familie zu. Schon seltsam, so eine Art von Monarchie einmal hautnah zu erleben. Dabei traf Rote Klinge doch eigentlich ziemlich freie Entscheidungen...

Lara schüttelte leicht den Kopf und konzentrierte sich wieder auf das Gespräch.

Der Ara sah die Bewegung und hielt inne. "Du möchtest nicht freigesprochen werden?" fragte er gelangweilt und starrte sie an. Rote Klinge zog eine Augenbraue hoch und tat es ihm gleich.

"Ähm", setzte Lara an und räusperte sich verlegen, während sie seine Worte langsam verarbeitete. "Freispruch?" meinte sie dann wenig geistreich.

"So weit war ich gerade", erwiderte der Ara beherrscht. Lara konnte regelrecht sehen, wie er sie innerlich genervt in Grund und Boden schrie und nickte verwirrt.

"Gut. Dann fahren Sie doch fort, hoher Ara", sagte das Mädchen, konnte aber nicht verhindern, dass sich seine Stimme bei der eigentlich respektvollen Anrede wegen seinem Kopfkino eher belustigt anhörte.

"Ich fürchte, du verdienst den Freispruch nicht, Luna", meinte der Ara grimmig und wandte sich ab. "Schuldig!" rief er gegen die Wand hinter sich.

Lara sah ihn skeptisch an. Im Ernst jetzt? Luna? Und spricht mich schuldig. Indem er Steine anschreit. Ich will hier einfach nur raus, aus diesem Kreis von Verrückten. Im nächsten Moment riss sie erstaunt die Augen auf, als die Wand anfing zu glühen.

Der Ara ballte seine Faust und ein Loch riss hinein, dass schnell größer wurde und eine weitere Höhle öffnete. Eisiges Schweigen drang heraus und ließ alle Anwesenden frösteln.

Rote Klinge öffnete den Mund um zu protestieren und wurde kurzerhand von den anderen Ara festgehalten. Wütend trat sie um sich, konnte sich aber nicht befreien. Schließlich wurde sie ruhig.

"Willkommen im richtigen Gefängnis, Luna. Mal sehen, wie lange du durchhältst. Ich bin schon gespannt." Der Ara deutete mit einer ausladenden Bewegung in die Öffnung. "Na los, nur keine Scheu."

Der große Ara, der vorhin schon so misstrauisch aussah, stieß Lara grob nach vorn. Sie stolperte überrumpelt in das Loch. Sobald ihr aber klar wurde, worum es gerade ging, wirbelte sie wieder herum. "Ihr könnt mich doch nicht einfach einsperren, weil ich... ja, warum eigentlich?!" schrie sie panisch und sah Rote Klinge mit aufgerissenen Augen flehend an. Gleichzeitig versuchte sie sie an Hazla zu erinnern. Die Rote nickte ihr unmerklich zu und Lara entspannte sich etwas.

"Um dich geht es hier gar nicht", grinste der Ara. "Viel Spaß in der Stille bei deinen neuen Freunden." Mit diesen Worten verschloss er das Loch wieder.

KristallfeuerGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt