Kaum tauchte der erste Wanderer auf, stützte Steinhaut sich schwer auf seinen Stock und ließ sich von Rote Klinge führen. Lara blinzelte nervös. Hazla war schon am Morgen verschwunden, um noch einmal zu jagen. Jetzt war es Mittag und die Sonne brannte unbarmherzig vom blauen Himmel auf sie hinab. Lara war froh, dass ihre Haare ihren Nacken schützten und ihr Schwitzen in der Hitze nicht weiter verdächtig war, auch wenn ihre Kleidung das Schlimmste Sonnenlicht fernhielt. Langsam wunderte sie sich wirklich über diese ganzen nützlichen Extras. Die Leute in Valsara verstanden eindeutig etwas von praktischer Universalkleidung. Irgendwann musste sie die noch genauer untersuchen.
Rote Klinge nickte dem fremden Wanderer, einem Mensch mit blauer Haut und seltsam katzenähnlichen, gelben Augen in einem runden Gesicht, freundlich zu. Der starrte nur kurz zurück und wandte sich wieder ab. Lara hatte schon die Gewandtheit der Ara und des Ora bewundert, aber dieser Mann bewegte sich mit katzenähnlicher Anmut, sprang unvorstellbar weit von Fels zu Fels und kraxelte selbst Steilwände unbeeindruckt nach unten, die die drei mühsam umgehen mussten. So dauerte es auch nicht lang, bis er außer Sicht war.
"Na, der war ja nicht gerade freundlich", murmelte Rote Klinge. Steinhaut richtete sich ächzend wieder auf und sie ließ seinen Arm los.
"In einer Stunde müssten wir so nah dran sein, dass ich die Tarnung nicht mehr fallen lassen kann", meinte der Ora seufzend. "Dann werden sie uns beobachten. Mein Rücken tut schon bei dem Gedanken an den Gedanken daran weh."
"Wer, oder was war der Typ?" fragte Lara und ließ ihren Blick in die Richtung schweifen, in die der Blaue gelaufen war. Gefühlt kilometerweit nur graue Steine. In der Hitze flimmerte die Luft darüber.
"Ja, da müssen wir auch lang", bestätigte Rote Klinge ihre unausgesprochene Befürchtung. "Und das war ein Mifora. Eine Art Experiment von dem letzten König Noanays. Menschen mit Katzengenen, wie du vielleicht an dem Gesicht gesehen hast. Warum sie allerdings blau sind... Das Experiment hat jedenfalls nicht ganz so geklappt, wie er wollte und sie haben ihn schließlich umgebracht. Den König meine ich. Und irgendwie konnten sie sich anscheinend vermehren. Also die Miforas. Was weiß ich. Wir müssen weiter."
"Okay", meinte Lara schulterzuckend und setzte ihre Füße nacheinander immer weiter auf die grauen Steine.
Die nächsten Stunden legten sie schweigend zurück, abgesehen von einen kurzen Wortwechsel, als Rote Klinge Steinhaut wieder stützen musste und mentalen Gesprächen mit Hazla. Lara wurde irgendwann müde und ihr Adrenalinspiegel ließ nach. Die ganze Zeit über praktisch nichts tun zu können, jetzt, wenn es endlich richtig losing, laugte sie auf Dauer aus.
Endlich sah Lara, wie sich am Horizont mehrere Rauchfahnen in den Himmel erhoben. Torga. Ihr Ziel. Die Albernheit durch die Aufregung hatte sich gelegt und der Müdigkeit Platz gemacht, während die wiederum mit jedem Schritt in Richtung der Stadt zurückwich. Wieder ergriff Lara die Anspannung. Hazla kehrte nicht mehr zu ihnen zurück; sie hatte beschlossen, über den weißen Wolken zu bleiben, um nicht gesehen zu werden.
Irgendwann tauchte eine kleine Gruppe Reisender vor ihnen auf. Auf den ersten Blick alles Erwachsene, keine Kinder oder alten Leute. Leise redend und lachend folgten sie dem Trampelpfad durch das trockene Gras, dass die endlosen Felsen abgelöst hatte. Die Ara hielt Steinhauts Arm noch fester und reihte sich mit ihm und Lara, die hastig nach unten auf den Boden sah, wortlos hinter der Gruppe ein.
"Nur noch ein passt Minuten", meinte Rote Klinge, als hätte jemand die Frage gestellt. "Denkt ihr, dieser Wunderheiler ist wirklich in Torga?"
Lara sah sie erstaunt an, spielte aber mit. Irgendeinen Grund mochte die Ara schon für dieses Gespräch haben. Und der Wunderheiler war ihr Grund, falls sie an einem Tor gefragt wurden, was sie in die Stadt führte. Angeblich wollten sie wegen Steinhaut zu ihm, um das Augenlicht des Oras wieder herzustellen. Rote Klinge begleitete ihn als Freundin und Lara war ihre Dienerin Emma. Warum auch immer eine Ara eine menschliche Dienerin haben sollte. "Ich hoffe es", meinte Lara gespielt besorgt und schlug die Augen nieder.
Sie hatten den Plan schon mehrmals durchgesprochen. Ab jetzt würden alle drei ihre Rollen spielen, bis sie Torga verließen oder entdeckt wurden. Rote Klinge hatte ihnen eingeschärft, trotzdem aufmerksam und jederzeit bereit zu sein. Lara kam sich vor wie in der Pause kurz vor einer wichtigen Prüfung. Sie saß einfach aufgelöst da und versuchte verzweifelt, noch irgendetwas in ihren Kopf zu bekommen und andere Leute, wie Steinhaut, waren tiefenentspannt oder traten zumindest erfolgreich so, wie Rote Klinge. Lara schüttelte die Gedanken ab und konzentrierte sich auf die graue Stadtmauer, die mit jedem Schritt näher rückte.
Torga stand auf einem Hügel, dem Einzigen in dem Tal, durch das sie wanderten. Obwohl überall nur trockenes Gras zu sehen war, entsprang innerhalb der Stadtmauern eine Quelle, die schon ab ihrer Austrittsstelle so breit wie ein mittelgroßer Fluss war, wie Rote Klinge erzählt hatte. Dieses Wasser floss durch die halbe Stadt, bis es schließlich in den Xenasee mündete. Dabei blieb es auf wundersame Weise die ganze Zeit klar, frisch und sauber. Nicht verwunderlich also, dass sich vor Jahren genau dort ein kleines Dorf gebildet hatte, das vor allem von den Fischen lebte. Inzwischen stand dort allerdings die Stadt, Torga. Und in ihrer Mitte erhob sich eine hellgraue Burg. Oder war es eher ein elegantes Schloss? Irgendwie schaffte dieses Gebäude, gleichzeitig plump und schwer und elegant auszusehen.
Zuerst tauchten die dunkelgrünen Dächer der Türme am den Seiten auf, später auch die Mauern um diese Festung herum. Der Grundriss der Burg war so rund wie ein Kreis, es gab an den hellgrauen Mauern, von denen sich zwei um das Gebäude zogen, keine einzige Ecke. Darüber erhoben sich insgesamt acht schlanke Türme in den vor Wolken weißen Himmel. Die Fenster und Dächer schimmerten in einem dunklen satten Grün. Insgesamt musste Lara unweigerlich an Harry Potter und die Farben von Slytherin denken. Aber dann war es mit den schlichten Farben war auch schon vorbei. Außerhalb der Festungsmauern drängten sich hunderte von Häusern, die daneben winzig aussahen. Und diese waren bunt angestrichen, von einem kräftigen Orangerot über verblasstes Gelb und hellblau bis hin zu einem dunklen Braun waren fast alle Farben vertreten. Gerne hätte Lara noch mehr gesehen, aber mit jedem weiteren Schritt verschwand die Farbenpracht wieder hinter der grauen Stadtmauer.
Drache an Lara, meldete Hazla sich plötzlich trocken. *Glotz nicht so überrascht, das passt erstens nicht in deine Rolle und zweitens seid ihr fast am Stadttor. Ach und entschuldige, dass ich kurz in deinem Kopf durch deine Augen gesehen habe. Eins noch: Was sagst du, wenn diese Wachen da dich nach deinem Seelengefährten fragen?
Wa- Ach, egal. Später. Du hast Recht, das könnte wirklich ein Problem werden. Könnte ich sagen, dass er gerade etwas zu essen sucht? Meinetwegen ist es ein... Vogel oder so, meinte Lara besorgt.
Mir egal, aber diese Story ist vielleicht etwas unglaubwürdig. Seelengefährten trennen sich nur äußerst ungern und für einen Vogel könntest du auch Nahrung mitgenommen haben. Such die doch irgendein Tier, das gerade in der Nähe ist. Aber mach schnell, drängelt Hazla. Und wehe, du vergisst, dass ich deine richtige Seelengefährtin bin.
Wirst du etwa eifersüchtig? lachte Lara und tastete schnell die Umgebung ab. Ich glaube, da ist eine Maus. Die nehme ich, okay?
Mach einfach, antwortete Hazla kurz und zog sich wieder zurück. Aber mach schnell, konnte sie sich dann doch nicht verkneifen.
Lara stupste vorsichtig den Geist der Maus an, die mit zuckender Nase in ihren Bau saß. Wie bei dem Vogel versuchte das Mädchen zuerst, sie um etwas zu bitten und nicht sofort die Kontrolle zu übernehmen. Allerdings war diese Maus misstrauisch und wollte nicht so wirklich. Schließlich gab Lara beinahe auf und überlegte, ob sie lieber ein anderes Lebewesen suchen oder die Kontrolle über das Tier übernehmen sollte. Plötzlich erklärte sich die Maus aber doch noch bereit und machte sich auf den Weg zu ihr, während sie sich als Hubert vorstellte. Erleichtert bedankte Lara sich. Gerade rechtzeitig kletterte Hubert an einem ihrer Beine nach oben und setzte sich auf ihre Schulter, wo er begann, sich zu putzen.
Rote Klinge warf ihm einen seltsamen Blick zu, wandte sich dann aber wieder nach vorn. Inzwischen standen die drei, oder vier, in eine kurzen Schlange und warteten darauf, dass einer der Wachen am Tor sie herbeirief. Ein großer Mann, dessen Gesicht in einem braunen Vollbart versank, winkte sie zu ihm hinüber. Lara und Rote Klinge wechselten noch einen Blick und setzen sich mit Steinhaut und Hubert im Schlepptau in Bewegung.
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Kristallfeuer
Fantasía!Dieses Buch ist weder perfekt noch überarbeitet, mehr Infos dazu im ersten Teil! (das heißt für euch: Lesen auf eigene Gefahr) Lara lebt ihr ganz normales Leben. Sie liebt Musik, Bilder und fantastische Geschichten. Bis sie diesen einen seltsamen K...
