Kapitel 37

39 5 0
                                        

Laras Herz klopfte gerade gefühlt wie ein Presslufthammer oder ein sehr lauter Bass, aber sie ließ sich nichts anmerken und lächelte den dünnen Wachmann in seiner grünen Uniform kurz freundlich an, bevor sie den Blick wieder zu Boden senkte. Ein paar Meter entfernt befragte ein weiterer grün gekleideter Mann die Letzten der Reisegruppe vor ihnen. Lara wandte ihren Blick schnell wieder ab, bevor jemand ihn bemerkte. Hinter den beiden, die Fragen stellten, standen noch drei weitere Wachen. Einer von ihnen trug kein Grün, sondern Blau und zusätzlich noch eine Kapuze. War er höherrangig? Auf jeden Fall  beobachtete er Lara genau und durchbohrte das Mädchen praktisch mit Blicken. Erneut wandte es sich lieber ab.

"Der Wunderheiler? Da seid ihr aber nich' gut informiert. Er is' schon vor zwei Tagen weitergezogen", meinte der Wachmann vor Rote Klinge gerade, ohne seine Miene zu verziehen.

"Wohin ist er denn gegangen?" fragte die Ara, als sei sie wirklich daran interessiert.

"Glaub, er wollte nach Arvente", brummte der Wachmann und rieb sich über die glattrasierte Wange. "Und wenn ich euch einen Tipp geben darf: Die Wirtshäuser sin' immer noch hoffnungslos überfüllt. An eurer Stelle würd' ich heute noch bis Nitton weiter und da übernachten. Das schafft man noch." Er blinzelte gen Himmel, obwohl man die Sonne immer noch nicht sah.

"Aber wir brauchen noch Proviant", protestierte Rote Klinge. Steinhaut hörte die leichte Anspannung, die Anderen entgangen wäre und drückte ihren Arm fester.

Lara hob den Kopf und starrte den Wachmann an. Ihre Gefühle schwankten zwischen Erleichterung, weil sie doch nicht in diese Festung einbrechen mussten und Entsetzen, weil damit auch der Feuerkristall in unerreichbare Ferne rückte. Die hörte Schritte und sah den blauen Wachmann herüber kommen. Hastig sah sie wieder zu Boden.

"Lass gut sein", sagte er mit tiefer Stimme. "Die gehören zu uns."

Der Grüne drehte sich um. Augenblicklich erstarrte er. "Sie gehören zu euch? Das hättest du auch gleich sagen können." Wegen seiner eher schmächtigen Statur und seinem ängstlichen Gesichtsausdruck wirkte er wie ein kleiner Junge, der gerade dabei erwischt wurde, wie er heimlich Schokolade aus dem Schrank geklaut hatte.

"War mir zuerst nicht ganz sicher", meinte der Blaue. "Aber jetzt würde ich sie mitnehmen, klar?"

"K-klar", stotterte der Grüne.

Der andere Wachmann nickte zufrieden und bedeutete der Ara, dem Ora und Lara ihm zu folgen. Mit großen Schritten stapfte er los. Lara musterte ihn von hinten. Er war eindeutig kräftig, extrem selbstsicher und hatte ordentlich Muskeln. Nach der Reaktion des Grünen zu urteilen war er nicht ganz harmlos.

Lara tauschte einen verunsicherten Blick mit Rote Klinge, die Steinhaut flüsternd die neue Situation erklärte. Manchmal vergaß man wirklich fast, dass der Ora blind war, so sicher, wie er sich bewegte.

Hubert klammerte sich an ihre Schulter und jammerte. "Jetz' gehts wirklich los, ne? Ich will das doch eigentlich gar nich mehr. Warum hab ich mich nur von der Hilde beschwatzen lassen, dass ich mal 'n Abenteuer brauch... Oh, mir is schlecht! Ich will wieder zurück nach Hause..."

Ihn konnte Lara, nicht so wie Hazla, nicht in ihren Kopf hören. Es war eher, als könnte sie fließend 'Mäusisch' sprechen. Trotzdem gingen ihr die piepsigen Beschwerden auf Dauer wirklich auf die Nerven.

"Könntest du vielleicht mal ganz kurz den Mund halten? Oder wenn du willst, kannst du jetzt auch wieder nach Hause" fragte sie schließlich und unterbrach damit Huberts eindrucksvolle Ausführungen über sein Mittagessen, dass er gleich von sich geben würde. Worauf die Maus sich über die Manieren der Jugend ereiferte, aber stur auf Laras Schulter hocken blieb.

Hazlaaaa, jammerte Lara schließlich. Warum, warum, warum hab ich nur grade so eine Maus erwischt?

Da musst du jetzt durch. Gleich und Gleich gesellt sich eben gern, antwortete Hazla sofort belustigt.

Und ich dachte immer, Gegensätze ziehen sich an. Vielen Dank für diese aufbauenden Worte, murrte Lara beleidigt, musste aber nach ein paar Sekunden ebenfalls schmunzeln.

"Okay", meinte Rote Klinge, als sie außer Sichtweite des Stadttores in einer kleinen, leicht dreckigen Seitengasse waren, blieb stehen und stemmte die Arme in die Seiten. Lara fiel auf, dass die Finger der Ara nur Zentimeter von ihren Wurfmessern entfernt waren. "Was ist hier los und wohin willst du uns bringen?"

Der blaue Wachmann verharrte kurz. Lara meinte, ein leises Seufzen gehört zu haben, bevor er sich zu ihnen umdrehte. Der Schatten der umliegenden Häuser fiel auf sein Gesicht und ließ es finster erscheinen. Lara trat unwillkürlich einen winzigen Schritt zurück. "Das habt ihr nur ihr zu verdanken. Sy hat uns ihr Gesicht gezeigt", sagte der Wachmann schlicht und deutete auf Lara.

"Wer?" fragten Lara und Rote Klinge gleichzeitig.

"Deine Freundin Sy", meinte der Wachmann zu Lara und runzelte die Stirn. "Sie hilft uns."

"Wer ist uns?" sagte Rote Klinge misstrauisch.

"Darf ich es ihr sagen?" wandte sich der Wachmann an Lara und sah sie abwartend an.

"Ähm, natürlich", meinte die unsicher und fummelte an einer Haarsträhne herum.

"Also gut. Wir sind die Dämonenrebellen." Der Wachmann richtete sich stolz auf, sodass er noch größer wirkte. Dann schob er seine Kapuze zurück und grüne kurze Stoppelhaare kamen zum Vorschein.

Lara stockte der Atem. Diese Haare sahen aus, wie die von dem Wesen, das auch ihr Alptraum nannte, nur kürzer. Unwillkürlich atmete sie schneller, ihre Augen huschten auf der Suche nach einem Fluchtweg hektisch umher. Lara trat einen Schritt nach hinten.

Noch einen.

Dunkel bemerkte sie, wie Hazla versuchte, sie zu kontaktieren und Herbert seine Krallen in ihre Schulter schlug, aber sie registrierte es nicht richtig.

Hazla blieb kurz still, sammelte sich und stürmte dann brüllend mit aller Kraft entschlossen gegen die geistige Mauer, die Lara um sich herum aufgebaut hatte. Sie fiel. Lara! Konzentrier dich! Ich weiß, dass du etwas vor mir verheimlichst. Den Grund, warum du vor dem Menschen da so große Angst hast. Ich werde jetzt nicht in deinen Gedanken herumwühlen, aber bleib bei der Sache! Klar? schärfte Hazla ihrer Seelengefährtin ein.

"Ja", murmelte Lara leise und zu Boden blickend. "Okay." Sie atmete durch und sah wieder in die drei Gesichter ihrer Gegenüber.

Rote Klinge sah Lara misstrauisch an. "Wann hattest du vor, und zu erzählen, dass du gemeinsame Sache mit den Dämonen machst? Und auch noch mit den Rebellen?! Anscheinend hast du ja sogar einen ziemlich hohen Rang. Ich bin gerade sehr kurz davor, dich mit den Messern irgendwo festzunageln. Aber ich habe dir ja beigebracht, sie von dir fernzuhalten. Dumm von mir. Na komm schon, lass uns einfangen und einsperren. Und du bist wirklich ein Schauspieltalent. Sogar Otto hat in dir nur das kleine hilflose Mädchen gesehen." Während der wütenden Rede war die Ara immer weiter auf Lara zugegangen, bis das Mädchen ein paar Schritte zurück machte. "Hast du jetzt doch Angst vor mir? Jetzt hör mir-"

"Es reicht, Rote Klinge", unterbrach Steinhaut sie. Lara wischte sich angeekelt ein Spucketröpfchen von der Wange und nahm Abstand von der Ara. "Es reicht. Siehst du hier irgendwo weitere Dämonen? Spürst du nicht ihre Überforderung? Lass sie, sie ist ahnungslos."

"Na schade", ertönte es plötzlich vom Anfang der Gasse. Lara stieg ein süßlicher Geruch in die Nase und sie musste würgen. Langsam drehte sie sich um. Dort stand ihr Alptraum und grinste sie ekelhaft an. "Wie schön, dich zu sehen, meine Liebe. Vielen Dank, dass du diesen Rebellen hergelockt hast. Und jetzt müssen wir euch wohl leider mitnehmen." Weitere Gestalten tauchen hinter ihm auf, ihre Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, die sie alle gleichzeitig abnahmen. Eine Horde Dämonen grinste die kleine Gruppe um Lara herum an.

Noch bevor jemand irgendetwas machen konnte, erklang noch eine neue Stimme. Weiblich und Lara irgendwie vertraut. "Dieses Mal nicht, Cru. Du hast dich auf das falsche Territorium gewagt."

Plötzlich quollen aus den Häusern neben der Gasse dutzende weitere Gestalten, angeführt von einer Frau mit einem blauen Mantel. "Hallo Lara", meinte Sally und lächelte entschuldigend. "Wir reden später, okay?"

KristallfeuerGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt