Kapitel 7

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Lara stolperte hinter Sally aus dem Haus. Ihre Gedanken schwirrten immer noch.

Warum habe ich das getan? Warum habe ich zugesagt? Ich werde alle doch nur enttäuschen, wenn ich keine Magie wirken kann... wenn? Nein, weil ich keine Magie wirken kann. Und dann komme ich auch nicht mehr zurück nach Hause...

Sally riss sie - mal wieder - aus ihren Gedanken, indem sie einfach anfing zu reden und nicht wieder aufhörte.

"Elisa wird sich freuen, Lara. Sollen wir heute noch anfangen? Was glaubst du, welche Kraft du besitzt? Hast du schon eine Idee, welches Tier zu dir passen würde? Ich bin auch schon ganz aufgeregt, das wird meine erste Mentorenaufgabe, weißt du? Ich hoffe ja, dass das nicht allzu schwierig wird und du das Wasser beherrschst, sonst bin ich wahrscheinlich nicht so hilfreich. Und..."

An dieser Stelle musste Sally Luft holen, was Lara ausnutzte, um eine Frage zu stellen: "Ein Tier, das zu mir passt?" Belustigt sah sie Sally zu, wie die versuchte, zu Atem zu kommen.

Anscheinend brauchte ihre neue Freundin etwas länger zum Erholen, wenn sie aufgeregt war.
Sally nickte. Anscheinend hatte sie sich damit abgefunden, Lara alles, für sie Selbstverständliche, zu erklären.

"Ja, dieses Tier ist sozusagen dein Seelengefährte. Ist es ein Tier, das im Meer lebt, kannst du auf alle Fälle das Wasser beherrschen. Kann es fliegen, den Wind und wenn es widerstandsfähig gegen Feuer ist, oder sogar Feuer speien kann, ist Feuer dein Element. Wenn du aber die Erde oder Natur beherrschst, kann man das nicht direkt an den Eigenschaften des Tieres erkennen, sondern daran, dass du überhaupt ein Tier hast. Und dann gibt es noch die Leute, die kein Tier besitzen. Das sind die, die kein Element beherrschen, sondern das Licht. In Valsara haben gerade einmal fünf diese Gabe. Sie ist sehr selten und deshalb tragen diese fünf schwarz, um nicht direkt als so mächtig erkannt zu werden, weil die, die keine große Magie beherrschen, ja ebenfalls schwarz tragen. Es weiß niemand alle fünf Namen. Allerdings wissen wir, dass vier von ihnen zu ihren Familien gezogen sind, um im Krieg zu helfen."

"Das heißt, du hast ein Wassertier?", fragte Lara, bevor Sally weiter abschweifte. "Darf ich es mal sehen?"
Sally schüttelte den Kopf. "Das geht gerade nicht. Er ist ziemlich beschäftigt und möchte ungern gestört werden."

"Woher weißt du das?", bohrte Lara weiter nach.

"Du hast eine besondere Bindung zu deinem Tier. Nie könnte man es verraten, es wird dir immer folgen und alles für dich tun, sogar bereitwillig für dich sterben. Andersherum ist es genauso. Mit seinem Seelengefährten kann man in Gedanken kommunizieren. Bei Entscheidungen ist das manchmal ganz hilfreich, weil er dir eine andere Ansicht der Dinge gibt, die du vorher gar nicht untersucht hast. Allerdings hat er auch seinen eigenen Willen. Wenn du dagegen handelst, wirst du es schon merken. Im Grunde lebt ein Teil deiner Seele, deines Wesens in diesem Tier."

Sally musterte kurz Laras verwirrtes Gesicht und zuckte mit den Schultern. "Es ist schwierig zu verstehen für jemanden ohne Gefährten.", meinte sie und packte Lara entschlossen am Arm, "Weißt du was? Du musst es selbst fühlen. Wir gehen deinen jetzt suchen und erst danach sagen wir Elisa, dass du erstmal bleibst. Okay?"

Lara nickte zögerlich. Sie war zwar nicht sicher, ob sie überhaupt eins hatte und wenn, würde dieses ihre ganzen verborgenen, vielleicht hässlichen Gedanken und Gefühle teilen. Lara würde sich für alles, was ihm durch ihre Entscheidungen zustieß, verantwortlich fühlen.

Allerdings war die Vorstellung, einen Seelengefährten zu haben, der sie voll und ganz verstand und alles für sie tun würde, war einfach unbeschreiblich.  Eine warme Woge aus Vorfreude und Geborgenheit wallte in ihr auf.

Lara nickte erneut, diesmal aber entschlossen: "Ja, lass uns meinen Seelengefährten suchen gehen."

"Also", begann Sally, während sie zu der Lichtung, auf der sie Lara gefunden hatte, liefen, "Je nachdem, welches der Elemente du beherrschst, kommt dein Tier an einem anderen Ort zu dir. Wir fangen mit Erde an, weil die alles verbindet. Danach Wasser, dann Wind und zuletzt, falls es dann noch nicht gekommen ist, Feuer. Wenn es da auch nicht auftaucht, besitzt du entweder die Gabe des Lichts oder gar keine, obwohl das Zweite nicht sein kann, sonst wärst du nicht hier. So, wir sind da."

Sie stoppte und führte Lara direkt in die Mitte der Lichtung, wo sich ein kleiner Kreis aus nackter Erde ohne Gras befand.

"Setz dich hin und schließe die Augen", befahl Sally, "Höre auf meine Stimme. Konzentriere dich auf deinen Herzschlag."

Lara versuchte, die Anweisungen zu befolgen, musste aber plötzlich kichern und schlug die Augen wieder auf.

"Was?", fragte Sally und zog die Augenbrauen hoch.

"Das erinnert mich an einen Hypnoseversuch", lachte Lara und wusste gar nicht, was eigentlich so lustig war, bevor sie Sallys verwirrten Gesichtsausdruck sah und noch mehr lachen musste. Nachdem sie sich wieder beruhigt hatte, winkte sie ab: "War nicht so wichtig, tut mir leid."

Zu ihrer Erleichterung erwiderte Sally die Geste. "Alles gut, du musst müde sein. Vielleicht sollten wir morgen noch einmal wiederkommen", meinte sie nur mit nachdenklich gerunzelter Stirn.

"Nein", meinte Lara nach kurzem Überlegen, "dieses eine Ritual schaffe ich schon noch." Schnell setzte sie sich wieder gerade hin und schloss die Augen.

"Okay, wenn du meinst", erwiderte Sally und sprach wieder mit beruhigender Stimme weiter.
"Also entspanne dich. Höre auf meine Stimme und deinen Herzschlag. Spürst du ihn? Hörst du das dumpfe Pochen? Sehr gut. Jetzt folge mir weiter. Höre die Umgebung. Höre die Blätter im Wind rauschen und die Vögel singen. Sie singen schön, nicht wahr? Jetzt lege deine Hände auf den Boden. Spürst du das grüne, weiche Gras und die trockene, krümelige Erde? Sehr schön. Suche dir eine dieser Empfindungen aus. Konzentriere dich auf sie und werde eins mit ihr ..."

Sallys Beschwörungen gingen noch weiter, aber Lara nahm sie nur noch als undeutliches Murmeln im Hintergrund wahr. Ihre Finger gruben sich in die weiche Erde und ihr Bewusstseins schien durch die Fingerspitzen zu fließen.

Es breitete sich immer weiter in alle Richtungen aus, bis Lara den Rand der Lichtung fühlte. Von dort verteilte es sich in die Bäume, Sträucher und Tiere. Lara musste einfach lächeln, von den Sinneseindrücken, die auf sie einströmten.

Im einen Moment fühlte sie den Wind über sich hinwegstreichen und das letzte Sonnenlicht in sie eindringen, im nächsten genoss sie den Geschmack einer Nuss, streifte durch das Unterholz auf der Suche nach Beute, oder reckte sich stolz dem Himmel entgegen, fest verankert im Boden.

Langsam zogen sich diese Eindrücke jedoch von ihr zurück, bis Lara plötzlich  einen Stich in ihrer Herzgegend spürte und sie aufschrie.

Ein anderes Bewusstsein drängte sich in ihres, kämpfte kurz mit ihr und überwältigte Lara schließlich. Sie sank in tiefe, unbekannte Schwärze, die sie freundlich empfing, fast so, als würde sie einschlafen.

KristallfeuerGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt