Kapitel 40

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"Lara, hör zu, ich hab gerade wirklich keine Zeit. Tut mir leid", meinte Sally, während sie sich wieder diesen blauen Mantel überwarf. "Bleib einfach hier, wir kriegen das schon hin. Cru weiß nicht genau, wie viele wir sind und dass er jetzt schon praktisch verloren hat. Wie haben nämlich Truppen außerhalb der Mauern unter einem Zauber, der sie unaufspürbar und... ach, egal. Ich rede schon wieder zu viel. Tschüss." Mit diesen Worten ließ sie Lara einfach perplex mitten im Gang stehen und rannte nach draußen.

Hazla stupste ihre Seelengefährtin am und bugsierte sie so zur Wand, damit sie nicht mehr den Weg versperrten. Zum Glück war trotz des Drachens im Gang aber immer noch genug Platz für die letzten Rebellen, um in Viererreihen hinaus in den Hof zu rennen.

Alle trugen diese blauen Uniformen und mehrere Waffen. Die Männer und Frauen wirkten entschlossen und schenkten Lara und Hazla nicht mehr als einen kurzen Blick. Fast schon, als wäre es alltäglich, dass ihnen ein Drache im Weg stand.

Hazla sah ihnen sehnsüchtig hinterher. Ein Drache hat noch nie auf einen Kampf verzichtet, grummelte sie. Seit wann lassen wir uns so einfach abspeisen?

Abspeisen? Das Wort kennst du? Lara musste lächeln und löste ihre verschränkten Arme wieder voneinander. Ein Windzug fegte durch die Öffnung, die ihr direkt gegenüber lag, und in den Gang hinein. Er brachte noch keine Geräusche mit. Aber du hast Recht. Ich würde sich gerne mal das anwenden, was ich jetzt wochenlang gelernt habe. Warum sind immer alle der Meinung, dass ich mich lieber verstecken oder weglaufen sollte? Könnten wir nicht wenigstens in den Innenhof gehen? Das wäre ja noch praktisch hier. Sind ja nur ein paar Meter.

Jetzt war es Hazla, die vergnügt die Zähne zeigte. Dieser Vorschlag gefällt mir schon viel besser. Und wir könnten von dort ja auch ganz kurz abheben und uns das Ganze mal von oben ansehen. Natürlich bleiben wie über dem Hof. Weg dürfen wir ja nicht. Schon lief sie los und zwängte sich durch die eigentlich recht große Öffnung.

Lara spazierte gemütlich hinterher. Ohne auf Hazlas ungeduldiges Schnaufen zu achten, stieg sie auf den Rücken ihrer Seelengefährtin. Dann mal los, meinte sie abenteuerlustig.

Hazla duckte sich, sprang dann so hoch sie konnte und breitete, kurz bevor sie begannen zu fallen, ihre Flügel aus. In Kreisen schraubte sie sich dann weiter in den Himmel hinauf.

An dieses Geschüttel beim Start werde ich mich nie gewöhnen, grummelte Lara.

Willst du mal durch meine Augen sehen? fragte Hazla. Ich kann die Wärme, die Lebewesen abgeben, wahrnehmen. Die ist am schwersten zu verbergen, deswegen werden wir auch Leute, die sich eventuell getarnt oder einfach unsichtbar gemacht haben, beobachten können.

Klar! meinte Lara begeistert. Was ist mit den speziellen Soldaten, die Sally vorhin erwähnt hat?

Vielleicht sehen wir sie, vielleicht auch nicht, gab Hazla kryptisch zurück und ließ Lara in ihren Kopf hinein.

Der Geist eines Drachen war viel größer als der einer Maus oder eines Vogels und Lara fühlte sich, als würde sie in ein Becken springen, das randvoll mit Wasser gefüllt war und das Wasser würde über ihrem Kopf zusammenschlagen. Oder als würde sie ein neues Lied starten, das sie sofort einnahm und von der Außenwelt abschirmte. Und dann öffnete Lara mit Hazla die Augen.

Es erinnerte sie an Infrarotbilder. Die Wolkendecke war ein Mix aus hellblau und grau. An ihrem Rand, dort wo Sonnenstrahlen hindurch fielen, schimmerte es in einem weichen Dunkel. Gelbe Vögel zogen dunkelblaue Schlieren, die breit verweht wurden, über den Himmel. Hazla und Lara sahen auf den Boden. Rot-orangene Umrisse schienen dort unten zu arbeiten. Auch sie hinterließen diese dunkelblauen Spuren. Und etwas weiter draußen, an der zweiten Ringmauer, bewegten sich noch mehr gelbe Pünktchen.

Ist das Cru mit seinen Leuten? Lara musste es nicht einmal zuende denken. Hazla wusste auch so, was sie sagen wollte.

Ich glaube schon, meinte der Drache und spähte angestrengt weiter.

Plötzlich donnerte es. Lara sah, wie die gelben Punkte größer wurden. Ein Windstoß fuhr ihr entgegen. Ist die Mauer kaputt? Oder wie sind sie durch gekommen? fragte sie Hazla ängstlich.

Die Umrisse unter ihnen begannen, sich hektischer zu bewegen. Scheint so, meinte Hazla konzentriert. Im nächsten Moment legte der Drache die Flügel an und fiel wie ein Stein nach unten.

Nachdem sich Lara von ihrem Kreischanfall erholt hatte und ihr Magen nicht mehr der Meinung war, aus ihrem Mund springen zu müssen, fing sie an, zu schimpfen. Hazla! Was sollte der Scheiß? Ich will diesen Tag schon-

Pfeile, gab Hazla genervt zurück. Ich habe dich und mich nur davor bewahrt, durchlöchert zu werden. Da war keine Zeit, dich vorzuwarnen. Deshalb schlage ich vor, dass wir  lieber wieder auf den Boden zurückkehren und du da weiterschreist.

Tschuldigung, murmelte Lara und zog sich etwas aus Hazlas Geist zurück. Ich habe sie nicht gesehen. Lande ruhig und ich halte die nächsten Pfeile auf. Sie blinzelte ein paar Mal, um sich wieder an ihre normale Sicht zu gewöhnen. Crus Leute konnte sie jetzt nicht mehr sehen, sie hörte nur ganz leise die Rufe der Rebellen.

Hazla schwebte in großen Kreisen wieder auf den Innenhof zu, der aus dieser Höhe viel zu klein für einen Drachen aussah. Nur langsam wurde der gepflasterte Hof größer. Als sich der Drache ein paar Meter über dem Boden befand, stürzte er plötzlich ab.

Wie in Zeitlupe sah Lara mit aufgerissenen Augen die Wolken über sich, die sich immer mehr zusammengezogen hatten und jetzt eine einzige, bedrohlich dunkelgraue riesige Wolke über ihnen auftürmte. Ringsherum war alles in strahlenden Sonnenschein getaucht. Einem gelben Strahl gelang es, durch die Wolken zu brechen. Ein dumpfes Grollen ertönte. Der Strahl fiel direkt auf Hazla, die in Milliarden, Trilliarden winzige Fünkchen aus Licht zersprang.

Lara blickte auf ihre Hände, mit denen sie sich vor kurzem noch an Hazla festgehalten hatte. Doch ihre Hände waren verschwunden. In unzählige Lichtpunkte aufgelöst, die sich in einem Wirbel mit Hazlas Überresten vermischten und schließlich in die Wolken gesogen wurden.

Unter ihnen hörte Sally ein Donnern und blickte in die Höhe. Hilflos musste sie ansehen, wie ihre Freundin mit ihrer Seelengefährtin einfach in der Luft verglühte. Ein paar Sekunden später zogen sich Crus Leute zurück. Sally wusste, was das bedeutete. Sie hatten ihr Ziel erreicht. Wenn sie jetzt wieder in die Burg gehen würde, wären weder ihre größte Hoffnung noch der Feuerkristall mehr dort. Jahre der Vorbereitung... einfach futsch.

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