Lara stolperte zum gefühlt hundertsten Mal an diesem Tag über einen Felsen. Rote Klinge und Steinhaut legten wirklich ein ziemliches Tempo vor, um noch am Abend bei den Ara anzukommen.
Je früher sie dort waren, desto schneller konnten sie weiter nach Westen reisen, hatte die Rote Lara versprochen. So schleppte das Mädchen sich weiter und jammerte nicht über die provisorischen Wanderschuhe, die ihr der Schwarze heute morgen wortlos hingeworfen hatte, den teilweise wirklich stürmischen Wind oder die Kälte.
Lara beneidete die beiden für ihre scheinbar unerschöpfliche Ausdauer. Sie hatten sogar noch genug Atem, die ganze Zeit miteinander zu reden. Hoffentlich würde sie bald wenigstens halbwegs mithalten können. Momentan mussten sie immer wieder auf sie warten. Das Mädchen biss die Zähne zusammen und lehnte die angebotenen Pausen stur ab. Lara wollte nicht als schwach gelten. Außerdem würde sie dann nicht mehr genug Kraft aufbringen, um weiterlaufen zu können. Immer einen Fuß vor den Anderen. Weiter konnte sie nicht denken.
Am Nachmittag, als die Sonne schon wieder tiefer am Himmel stand, hielt Rote Klinge wieder einmal an. "Jetzt musst du aber einmal etwas essen", meinte sie streng. "Die paar Schlucke Wasser reichen nicht und wenn du hier zusammenbrichst, hilft und das auch nicht."
Lara blieb keuchend stehend. Ihre Waden schmerzten. Nein, nicht nur die. Eigentlich tat ihr ganzer Körper höllisch weh. Weil sie jetzt stillstand, bemerkte sie auch das Magenknurren, das sie bis jetzt verdrängt hatte. Hungrig griff sie nach der violetten Frucht, die die Rote ihr entgegen hielt. Vom Wunderbaum. Purapara oder so. Gegen Hunger und für Kraft. Dankbar dachte sie an Koras Erklärungen. "Woher hast du die?" fragte sie die Rote.
"Neben dir lag eine Tasche. Ich habe sie mitgenommen und da war das drin. Iss sie einfach", antwortete die schulterzuckend.
"Danke", meinte Lara und biss hinein. Sofort spritzte der süße Saft heraus. Verwundert stellte sie fest, dass das Fruchtfleisch zwar etwas faserig war, sich aber trotzdem gut kauen ließ. "Ich dachte, man kann das nicht essen", murmelte sie verwundert und musterte die Frucht.
"Wer hat das denn gesagt?" fragte der Schwarze gleichmütig. Er zeigte so gut wie keine Emotionen. "Ah, eine Senoola? Dann ist das kein Wunder. Sie haben spitze Zähne, natürlich können sie das nicht so gut kauen."
Lara starrte ihn skeptisch an. "Bitte sag nicht, dass du meine Gedanken gelesen hast."
"Dann sage ich es nicht", sagte der Schwarze und wandte sich ab.
"Können wir jetzt weiter?" fragte die Rote ungeduldig. "Wir müssen noch ein Stück laufen."
"Weiter gehts", stimmte Lara ihr zu und ignorierte das Stechen in ihren Beinen. Immerhin hatte die Frucht ihre Energiereserven wieder aufgefüllt und sie fühlte sich hellwach.
◇
Erschöpft blieb Lara stehen. Ihre Beine drohten, wegen der ungewohnten Anstrengung umzuknicken. Aber sie stand noch und würde durchhalten.
Der Ara war nicht sehr erfreut über ihre Anwesenheit gewesen, aber er hatte sich hauptsächlich auf Rote Klinge konzentriert. Momentan schrie er sie und Steinhaut vermutlich immer noch zusammen. Warum, wusste Lara nicht, aber sie würde es schon bald erfahren.
Sie stand in einer weiteren Höhle. Allerdings war diese hier nicht natürlich entstanden, im Gegensatz zu denen der Senooli. Der Stein war schwarz und glatt, geschmolzen und wieder geformt. Die Ara waren ja auch Feuermenschen. Feuer... Irgendeine Erinnerung an diese Frau, Elisa, wollte sich bemerkbar machen, verschwamm aber wieder zu diffusen Schatten.
Lara lief ein Schauer über den Rücken. Sie kannte zwar keine speziellen Bilder, aber ein unbestimmtes Gefühl zeigte sich, sobald sie an diese Frau dachte. Wenn wirklich jemand ihre Erinnerungen geändert haben sollte und sie in Wirklichkeit Elisa kennen würde, was dann? Wäre ich trotzdem hier? Wer ist sie?
Seufzend rollte Lara sich in einer Ecke zusammen, die man ihr zugewiesen hatte. Der glatte, schwarze Stein schmiegte sich angenehm an ihren Rücken.
◇
"Natürlich nicht. Sie ist ein unschuldiges Mädchen, das hat selbst Otto gesagt. Er wird keinen Verdacht schöpfen." Rote Klinge sprach zwar leise, trotzdem weckte sie Lara aus ihrem leichten, unruhigen Schlaf. Das Mädchen blieb mit geschlossenen Augen in seiner unbequemen Position liegen und lauschte. Ruhig atmen und nicht bewegen! schärfte es sich selbst ein.
Jetzt erklang die dunkle, kratzige Stimme des Aras. "Das will ich hoffen. Unterschätze diese zweite Chance nicht, Blut. Je länger du zögerst, desto schwächer werden wir alle."
"Ich heiße Rote Klinge", meinte die Angesprochene wütend. "Aber keine Sorge, Lara ist perfekt für diese Aufgabe. Ich bringe sie nach Westen und unterrichte sie. Dafür kann sie uns ja wohl diesen kleinen Gefallen tun."
"Wenn du meinst", erwiderte der Ara zweifelnd. "Doch wenn du in einer Woche nicht zurück bist, oder zumindest eine Nachricht geschickt hast, bist du für uns gestorben. Vergiss das nicht. Und versorge endlich dieses störrische Vieh. Niemand sonst traut sich an es heran."
"Ja, Anführer", sagte Rote Klinge leise. Ihre Schritte entfernten sich.
Lara schlug die Augen auf und streckte sich erst einmal. Inzwischen war sie hellwach. Wie konntest du bitte so einschlafen! schimpfte sie mit sich selbst, zog ihre Arme heran, streckte die Beine aus und rollte sich auf die Seite. Ihr Nacken und ihre Stirn schmerzten, irgendwie hatte sie es geschafft, ihren Kopf zwischen die Felswand und einen Stein zu schieben und ihn dann zur Seite zu drehen.
Jetzt dachte sie nach. Was sollte sie für die Ara machen? Rote Klinge wollte sie unterrichten, das war doch schon mal gut. Aber sie sollte ihr im Gegenzug bei irgendetwas helfen. Weil sie anscheinend unschuldig aussah. Aber vor allem der letzte Satz des Aras machte Lara neugierig. Was ist das nur für ein störrisches Tier? Noch ein besonderes Wesen?
Ohne groß nachzudenken sprang sie auf und schlich durch die stockdunkle Höhle, immer an der Wand entlang. Wenn sie nicht alles täuschte, war Rote Klinge in diese Richtung verschwunden. Warum Lara schlich, wusste sie nicht. Es war, als würde etwas in ihr sie warnen, aber gleichzeitig vorantreiben. Vorsichtig tastete Lara sich vorwärts, bis ihr ein Trick für die Dunkelheit einfiel, den Kora kurz erwähnt hatte.
Angespannt atmete sie tief ein und aus, bis sie sich entspannte und machte sich dann daran, einen winzigen Teil von ihrem Bewusstsein zu lösen. Das war eigentlich das Schwierige an der Übung, denn man musste aufpassen, dass dieser Teil nicht zu groß, aber auch nicht zu klein war. Bisher war ihr es erst einmal richtig gut gelungen.
Bei Laras nächstem Atemzug, entließ sie diesen Teil durch die Hände in den Felsen unter ihren Füßen. Bei dem Stein war es eindeutig schwerer, als es in lebendige Erde fließen zu lassen. Doch Lara schaffte es und spürte nun den Boden unter sich, die Stolpersteine, Furchen und rutschigen Stellen. Außerdem wusste sie jetzt auch, dass sie vor dem Eingang in die größte Höhle stand. Triumphierend lächelnd setzte sie ihren Weg fort, schneller als zuvor. Sie war nicht mehr vollständig hilflos.
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Kristallfeuer
Fantasi!Dieses Buch ist weder perfekt noch überarbeitet, mehr Infos dazu im ersten Teil! (das heißt für euch: Lesen auf eigene Gefahr) Lara lebt ihr ganz normales Leben. Sie liebt Musik, Bilder und fantastische Geschichten. Bis sie diesen einen seltsamen K...
