Mit feuchten Handflächen und zitternden Knien wartete ich auf meinen Termin. Ich saß im Vorzimmer der Sekretärin Ms. Crossfield. Sie hatte mir bereits etwas zu trinken angeboten, aber ich war viel zu nervös, um auch nur einen Schluck herunter zu bringen.
Ich hatte nur diese eine Chance. Wenn ich es jetzt vermasseln würde, wäre es endgültig vorbei. In meinem Kopf kamen die irrsten Szenarien ans Tageslicht. Vom Rausschmiss von Securityleuten bis hin zu einer direkten Einweisung in die Irrenanstalt von Zach höchstpersönlich. Ich hatte nämlich beschlossen, ihm die Wahrheit zu sagen. Denn egal welche Lüge ich ihm aufgetischt hätte: Sie hätte nichts geregelt. Aber die Wahrheit würde es vielleicht tun, wenn er mir glauben würde.
Die Türe ging auf und mir rutschte das Herz in die Hose. Er hatte dieses geschäftliche Willkommen-neuer-Kunde-Lächeln aufgesetzt, aber es verschwand in dem Moment, in dem er mich vor dem Schreibtisch seiner Sekretärin sitzen sah.
„Verdammt...", entfuhr es Beth. „Jetzt weiß ich, warum er gemeint hat, dass Anzüge sein Selbstbewusstsein gefördert haben. Yummy hoch zehn!" Da hatte sie Recht. Aber es erleichterte mir die Situation kein Bisschen.
Die Sekretärin sagte etwas, aber es kam nicht ganz bei mir an, weil ich krampfhaft versuchte herauszufinden, ob er mich wegschicken, oder in sein Arbeitszimmer lassen würde. Als er schließlich zur Seite trat, und mir zu verstehen gab, dass ich sein Büro betreten durfte, wich alle Luft aus meinen Lungen und mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen. Aber keine Sorge, der nächste rollte gleich wieder drauf, denn jetzt würde der weitaus schwierigere Teil beginnen.
Der Raum war durch die hohen Fenster gut durchleuchtet. Die Einrichtung war dunkelblau gehalten und ein paar Pflanzen standen auf dem Fensterbrett herum. Da Zachs Anzug auch dunkelblau war (und unfassbar gut zu seinen Augen passte) nahm ich an, dass blau irgendwie eine Standardfarbe des Unternehmens sein musste.
Zach hatte mir einmal erklären wollen, was überhaupt der Schwerpunkt des Unternehmens war, aber es hatte mich so gelangweilt, dass ich auf Durchzug geschalten hatte.
„Du stalkst mich jetzt also schon." Er deutete auf einen der Stühle vor seinem Schreibtisch und ließ sich selbst hinter dem Laptop nieder.
„Nein... Das war Brielles Idee", erwiderte ich und setzte mich. Ich mochte das Verhältnis, das wir nun zueinander hatten und das uns dieser Ort aufdrückte, nicht. Es war seltsam, Zach so formell vor mir sitzen zu sehen, an einem Ort, an dem er arbeitete und eine Menge Geld machte, mit einem Gesichtsausdruck, der mir nicht verriet, was sich in seinem Inneren abspielte. Unsere Positionen kamen mir so ungleich vor, ganz anders als sonst. Normalerweise hatte er mir das Gefühl gegeben, dass er mich liebte und wir beide trotz seines Vermögens gleichgestellt waren. Wenn er mich angesehen hatte, waren seine Gesichtszüge immer weich gewesen und er hatte oft gelächelt.
Jetzt fühlte ich mich austauschbar, weil er nicht lächelte und die Augenbrauen ein wenig zusammengezogen hatte.
„Aber du hast mich ignoriert und ich muss... dir das erklären."
„Gibt es denn so viel zu erklären?", hakte er bitter nach.
„Ja, aber du wirst mir vermutlich nicht glauben... Es ist ziemlich verrückt."
Er seufzte angestrengt. „Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit."
„Ich hab eine Stunde", gab ich zurück, worauf er nicht viel antworten konnte.
Ich atmete tief durch und überlegte, wie ich ihm von Beth erzählen sollte, ohne dass er mich für komplett gestört halten würde.
„Es gibt Anna...", begann ich langsam. „Das bin ich. Und dann gibt es noch... Beth."
Er zog die Augenbrauen zusammen. „Und Beth ist wer? Deine böse Zwillingsschwester? Deine innere Schlampe?"
Autsch.
„Schön wär's", murmelte ich. Eine böse Zwillingsschwester hätte ich wenigstens hauen können für das, was sie getan hatte. Vermutlich wäre das alles dann auch gar nicht passiert.
„Beth ist... Sie ist..." Ich wusste nicht, wie ich es ausdrücken sollte. Schließlich seufzte ich tief und sah Zach, der mich mit einem undefinierbaren Ausdruck musterte, in die Augen.
„Beth ist ein Teil von mir."
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Annabeth
Mystery / Thriller„Wenn ich abends einschlafe, dann weiß ich nicht, ob in meinem Körper Anna oder Beth aufwachen wird." -- -- Wann Beth sich in Annas Kopf eingenistet hat, weiß Anna nicht mehr. Sie weiß nur, dass Beth eine Menge schlechter Entscheidungen trifft, die...
