„Wo warst du so lange?", fragte Zach, als ich die Suite wieder betrat, und ins Schlafzimmer stürmte, um mir Beths Sachen ausziehen zu können. In ihnen glaubte ich, nicht mehr richtig atmen zu können. Zach kam mir hinter her. „Beth. Es ist fast Mitternacht, ist alles okay?"
Ich hatte mir gerade mal den Pullover und die Schuhe ausgezogen, als in mir alles zusammenbrach und ich die Hände vors Gesicht schlug und zu weinen begann. Keine fünf Sekunden später, spürte ich Zachs Arme um meinem Körper und seine Wange an meinem Kopf. Ich war mir nicht sicher, ob er mittlerweile bemerkt hatte, dass ich aufgrund der fehlenden Brille Anna war, aber das war mir im Augenblick auch herzlich egal.
„Ich hab's", weinte ich.
„Was meinst du?"
„Conway hatte recht. Ich hab eine dissoziative Störung, aber sie wissen immer noch nicht mit Sicherheit, welche es ist!" Ich vergrub meine Finger in seinem T-Shirt, weil ich absolut nicht wusste, was ich mit dieser halben Information anfangen sollte. Ich hatte gehofft, hier klare Antworten zu bekommen.
Vermutlich hatte Conway mich vor genau dieser Enttäuschung warnen wollen. Dass es gerade bei dissoziativen Störungen oft keine eindeutige Antwort gab. Aber genau die hatte ich mir erhofft. Was ich mit meinen Gefühlen jetzt anstellen sollte, wusste ich nicht.
Nachdem Dr. Cromwall mich geweckt hatte, hatte er ehrlich schockiert ausgesehen. So wie alle anderen hinter der Glasscheibe. Mal abgesehen von Dr. Conway der lediglich frustriert ausgesehen hatte, da nicht Beth aus der Röhre geklettert war, sondern eben ich. Vermutlich hatte er sich über seine halbwegs richtige Diagnose gefreut, aber er hatte es nicht wirklich gezeigt.
Sie hatten mich fast zwanzig Minuten schlafen lassen. Dr. Cromwall hatte gemeint, dass die aktiven Gehirnregionen nicht gänzlich dieselben waren. Jetzt waren sie sich sicher, dass ich nicht simulierte. Sowas konnte man nicht simulieren.
Während Dr. Cromwall noch gemeint hatte, er würde gerne noch weitere Untersuchungen und Tests anfordern, um herauszufinden, welche Art der dissoziativen Störung es war, hatte ich mich wie in Watte eingepackt gefühlt. Endlich gab es Menschen, die mir glaubten.
Aber dennoch wussten sie mir nicht zu helfen.
Ich hatte mich recht bald verabschiedet, war aus dem Krankenhaus geeilt und hatte mir eine Bar gesucht. Zwar war ich keine große Trinkerin, aber so eine Information verlangte nach einem ordentlichen Tequila. Oder fünf, in meinem Fall. Da ich sonst eher selten trank, hatten diese fünf Shots absolut ausgereicht, um mich sternhagelvoll werden zu lassen. Beth hätte bei dieser Menge noch nicht einmal Schwindel verspürt. Dann hatte ich mich ein Café gesetzt, um Zach nicht völlig betrunken gegenübertreten zu müssen.
Und hier befanden wir uns nun. In einem Hotelzimmer in London, ich in seinen Armen, heulend, weil ich nicht wusste, was ich mit meinem neuerworbenen Wissen anstellen sollte.
„Jamie hat gestern Nacht auf deine Nachricht geantwortet", meinte Zach irgendwann sanft.
„Ist mir egal", murmelte ich an seine Brust. „Ich will es nicht wissen. Wirf den Zettel weg. Bitte!"
Er zögerte kurz verwirrt. „Bist du sicher?"
„Ja." Ich löste mich von ihm und wischte mit die Tränen von der Wange. Ich war so frustriert, dass der einzige Weg, den ich einschlagen konnte, derjenige war, der mich Jamie aus meinem Leben aussperren ließ. Wenn mir niemand sagen konnte, was genau mit mir nicht stimmte, dann machte es keinen Sinn, weitere Informationen aus Jamie herauszulocken.
Nach einigen Momenten ging Zach in den Wohnbereich und ich warf mich aufs Bett. Ich war noch immer nicht ganz nüchtern, was vielleicht zu meiner überstürzten Entscheidung beigetragen hatte. Nach einer Minute etwa legte Zach sich neben mich und streichelte über meinen Arm.
„Und was hast du jetzt vor?", fragte er. „Was haben die Ärzte sonst noch gesagt?"
Ich erzählte ihm, was heute alles passiert war und was Beth über Jamie gesagt hatte.
„Cromwall will Experimente machen und herausfinden, was... Naja, was mit mir los ist. Warum Beth und ich nur wechseln, wenn wir schlafen. Dr. Conway ist immer noch der Meinung, dass ich an zwei verschiedenen dissoziativen Störungen leide und will das beweisen. Aber ich... Wenn ich ehrlich bin, will ich nur nach Hause", gestand ich und schon wieder kamen mir die Tränen.
„Du willst aufhören?", fragte Zach überrascht und zog mich näher an sich.
„Ich weiß jetzt, dass es eine dissoziative Störung ist", schniefte ich erschöpft. „Aber ich wollte wissen welche. Dafür sind wir doch hergekommen. Und das kann mir keiner sagen, und ich glaube auch nicht, dass Tests oder Experimente oder was auch immer daran etwas ändern werden. Was soll ich also noch hier?"
-
Ich war erschöpft.
Deshalb wollte ich weg. Nicht, weil ich nicht wissen wollte, was für eine Art der dissoziativen Störung ich hatte. Und ich wollte kein Versuchskaninchen mehr sein. Ich wollte mich nicht mehr mit Jamie und Beth herumschlagen, die mich beide hintergangen haben.
Zach hat lange mit mir geredet und wollte mir ausreden, zurück nach Hause zu fliegen. Aber das war alles, woran ich denken konnte.
Und wenn es bei meinem Plan geblieben wäre,alles zu ignorieren, dann wäre diese Geschichte anders ausgegangen.
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Annabeth
Mystery / Thriller„Wenn ich abends einschlafe, dann weiß ich nicht, ob in meinem Körper Anna oder Beth aufwachen wird." -- -- Wann Beth sich in Annas Kopf eingenistet hat, weiß Anna nicht mehr. Sie weiß nur, dass Beth eine Menge schlechter Entscheidungen trifft, die...
