"Sie sind tot."
Sein Gesicht war blass, so unnatürlich blass vor Angst und erbarmungslosem Zorn, und er ließ den großen Stein in seinen Händen zu Boden fallen. Es hatte keinen Sinn mehr.
Das Geräusch, das dadurch ausgelöst wurde, ließ die anderen Zwerge herumfahren und für einen kurzen Moment mit ihrer Beschäftigung innehalten.
"Kili, was redest du denn da?" Sein Bruder kam mit schnellen Schritten auf ihn zu, nachdem das Felsstück, das er soeben noch in den Händen getragen hatte, beseite geschafft war.
Der junge Zwerg stand da, die Arme schlaff und lustlos nach unten hängend, den Blick zu Boden gerichtet. Eine Träne bahnte sich ihren Weg die mit Asche und schwarzem Staub verschmierte Wange hinab, die Nässe brannte durch die schneidende Kälte in dieser Tiefe.
"Sie sind tot..." wiederholte er, so leise und wispernd, dass nur sein Bruder fähig war, es zu verstehen.
Fili schüttelte nur den Kopf und lachte kurz auf, um ihm Hoffnung zu geben. Doch das Lachen klang hohl, unehrlich und bitter durch die damit verbundene Lüge, denn er selbst hatte den Glauben an ein gutes Ende bereits verloren. Er schüttelte erneut den Kopf, zuerst über sich selbst und seine gescheiterten Versuche, seinen Bruder zu ermutigen, danach über die gesamte Situation.
"Sie sind nicht tot, das darfst du gar nicht erst in Betracht ziehen. Pass auf..." Er bückte sich und griff nach dem Stein, den Kili vor wenigen Sekunden fallen gelassen hatte, drückte ihn seinem Bruder in die zitternden Hände und ließ sie wieder los, nachdem er sicher war, dass er den Stein sicher hielt. "Sobald wir dieses verfluchte Tor freigelegt haben, werden wir sie wiedersehen. Sicher haben sie sich in Sicherheit bringen können und in ein paar Jahren werden wir gemeinsam Lieder darüber singen."
"Lieder über den sinnlosesten Tod aller Zeiten meinst du wohl. Er hätte nicht sterben müssen. Sie beide hätten nicht sterben müssen." Er fuhr sich müde und verzweifelt mit dem Ärmel über das Gesicht und mied dabei den Blickkontakt mit seinem Bruder, ehe er weitersprach. "Ich schäme mich, Fili. Ich schäme mich so sehr. So oft haben wir uns gegen ihn gestellt, weil wir glaubten, wir wüssten es besser. Aber hätten wir es wirklich besser gewusst, so hätten wir durchgesetzt, den Menschen von Thorins Verdacht zu berichten. Aber wir waren zu schwach, wir waren gebrochen. Weil wir tief in uns drinnen noch immer nicht wahrhaben wollten, dass Thorin krank ist. Hätten wir nicht nachgegeben, dann hätten wir die Menschen von Thal nun vielleicht auf unserer Seite. Das ist die Wahrheit, und das weißt du. Und dennoch haben wir Thorin den Brief von Bard verschwiegen. Wovor hatten wir beide Angst? Hätten wir Onkel von dem Brief erzählt, dann... vielleicht hätte er eingesehen, dass er Unrecht hatte. Und vielleicht hätten wir das hier dadurch verhindern können. Aber wir hatten Angst. Und diese Angst hat uns blind gemacht."
"Nein, Kili. Es ist gut, dass niemand von diesem Brief weiß, das hätte nur zu-..."
"Entschuldigt, aber was für ein Brief?" Es war Balin, der dem Gespräch eher unbewusst gefolgt war und nun auf sie beide zutrat, nachdem er eines der kleineren Trümmerstücke an seinen Bruder weitergegeben hatte.
Fili drehte sich um und für einen kurzen Moment spielte er mit dem Gedanken, sich eine Ausrede einfallen zu lassen, doch schon nach dem Bruchteil einer Sekunde erkannte er, dass er nicht fähig dazu war, im Angesicht dieser aussichtslosen Situation.
Bevor er antworten konnte, fuhr sich Kili kurz über das Gesicht, um die Tränenspur zu beseitigen, griff dann ungefragt in die Manteltasche seines Bruders und zog den zerknitterten Umschlag hervor, auf dem das feuerrote Siegel des Thalfürsten zu erkennen war. Sein Bruder schnappte kurz danach, doch der Jüngere reichte ihn ohne Umschweife dem weißbärtigen Zwerg. "Der hier ist am heutigen Morgen gekommen. Bard hat ihn geschrieben."
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More than gold | Bagginshield
FanfictionDie Geschichte eines Hobbits und eines Zwergen - zwei Geschöpfe, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Doch Gegensätze ziehen sich bekanntlich an... Die Schlacht ist gewonnen, die Feinde besiegt, die Schulden beglichen. Bilbo weiß, was das b...
