Gerechtigkeit

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Die von Wolken verdeckte Morgensonne sandte einen kleinen, dünnen Strahl durch das halb geschlossene Küchenfenster und enthüllte die schemenhaften Umrisse umgekippter Stühle und zerbrochener Schalen, die über den Boden verstreut lagen. Staub und Asche wirbelte in kleinen, bläulich schimmernden Wolken durch die kalte, rußige Luft.

Der Raum sah genau so aus, wie man ihn sich vorstellt, nachdem zwei junge Drachen in ihrem Hungerwahn dem Duft nach einem vielversprechenden Mahl gefolgt waren und nach einer langen, langen Suche zwischen Töpfen, Schüsseln und Geschirr auf etwas Erfreuliches gestoßen waren. Wie es schien, hatten sie nicht einen Schrank und nicht eine Tür ausgelassen, und der Farbe des Küchenbodens nach zu urteilen hatten sie es nicht einmal versäumt, ein ausgiebiges Bad in der Asche des offen stehenden Ofens zu nehmen, die vom vorherigen Tag noch warm gewesen war.

Fili stand nahe der Tür und starrte in die Ecke des dunklen Zimmers.

Würde man Smaug auf die Größe eines Schäferhundes schrumpfen, die Proportionen in Kopf, Gliedmaßen und Flügeln verändern und seinen Zügen mehr Sanftheit verleihen; man hätte ein ähnliches Bild wie das, was sich Fili in diesem Augenblick bot.

Er wusste nicht, was er erwartet hatte.
Sie wirkten nicht gefährlicher als zwei schlafende Welpen.

Ihre Schuppen glänzten matt im dämmrigen Licht, und sie wirkten nicht wie ein Panzer, nicht so, als würden sie diese unschuldigen, kleinen Geschöpfe in irgendeiner Weise schützen können. Eingerollt wie zwei müde Katzen lagen sie in einer kleinen Kuhle, die sie in die erkaltende Asche gescharrt hatten, ineinander verschlungen, ihre kleinen, spitzen Schnauzen unter ihre dünnen, schwachen Arme gesteckt, die Flügel ungeöffnet und starr an ihre zierlichen Körper gelegt, die sich in kurzen, säuselnden Atemzügen hoben und senkten. 

Die Schuppen des einen glichen denen seines Vaters, die des anderen waren heller, blasser, vielleicht ein wenig rosa; das Licht war zu schwach, als dass Fili es mit Gewissheit hätte sagen können.

Er legte den Kopf schief, und gab Acht, seinen Atem ruhig zu halten, wagte es nicht, sich zu bewegen, denn auf irgendeine Weise berührte ihn der Anblick dieser beiden Kreaturen, und es erschien ihm als ein Verbrechen, sie unbedacht zu wecken. Seine Mundwinkel zuckten, während er sie betrachtete. Und als er lächelte, fühlte es sich schmerzhaft falsch an.

Ein Blitz zuckte über den hellgrauen, wolkenverhangenen Himmel, und Fili schloss die Augen, bis der das Donnern vernahm. Das leise tap-tap-tap des Regens, der durch den kleinen, offen stehenden Spalt des Küchenfensters auf den nackten, schwarz gefärbten Boden tropfte, wurde mit einem Mal stärker und übertönte bald das schwache, säuselnde Atmen der beiden schlafenden Jungen. Er war gewollt, zum Fenster zu laufen, um es zu schließen, doch irgendetwas hielt ihn dort, wo er war, und irgendetwas in ihm weigerte sich, sich dagegen zu wehren. Er vernahm ein weiteres Geräusch, und als er es zuordnen konnte, wusste er nicht, ob er beunruhigt oder erleichtert sein sollte.
Es waren die Schritte der anderen, die den Gang entlangeilten.

Hätte er sich nun dazu überwunden, seinen Platz zu verlassen und einen Blick auf das zu werfen, was jenseits der Türschwelle lag, er hätte keinen Gefallen daran gefunden. Doch er brauchte nur die Stimme seines Onkels zu hören, um zu begreifen, dass dieser Tag ein schlechter werden würde, wenn nicht sogar ein schwarzer. Stumm schloss er die Augen, schluckte, sah durch die Lider, wie ein Blitz den Raum erhellte und lauschte den sich nähernden Schritten, bis sie so nahe waren, dass er gezwungen war, sie wieder zu öffnen.

Ein langgezogenes, stöhnendes Donnern brachte die Luft zum Schwingen, als Thorin über die Schwelle trat. Sein Haar wirkte dunkler und matter, und durch das schwache, bläuliche Licht trat seine Narbe deutlicher hervor als vorhin im warmen Licht der Fackeln. Ein seltsamer Glanz durchzog seine Augen, und als er sie auf Fili richtete, war ihm, als würde ihm jemand mit kalten, gierigen Händen an die Kehle greifen. 

More than gold | BagginshieldWo Geschichten leben. Entdecke jetzt