Alte Pfade

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Er fühlte sich noch nicht bereit, doch bei Mahal, das fühlte sich niemand. 

Das Hemd, das der Zwergenkönig ihm gegeben hatte, war ihm zwar zu groß, doch es war ihm lieber als sein altes, aus dem sich das Blut nicht hatte herauswaschen lassen. Es war aus einem zweifelsfrei besseren Stoff gefertigt, der ihn vor der Kälte der vergessenen Hallen bewahren würde, aber das beste war, dass es nach Thorin roch.

Der Schwarzhaarige stand ihm gegenüber wie ein lebender Toter, so als bräuchte es nur einen kleinen Windstoß und der Schwindel würde ihn in die Knie zwingen. Ihre Lippen waren geöffnet, doch sie schwiegen sich an, so als wären sie ihrer Worte beraubt, oder als wüssten sie nicht, womit sie zuerst beginnen sollten. Sachte trat Thorin einen Schritt näher.

"Das hier dürftest du brauchen", sagte er schließlich und reichte Bilbo ein kleines, rotes Tuch. Der kleine Hobbit nahm es entgegen, und er zögerte, ehe er es in seiner Manteltasche verschwinden ließ. Es sollte ihm später von Nutzen sein, wenn sie an den Ort zurückkehrten, an dem sie vor wenigen Tagen fast den Tod gefunden hätten. Bilbos Zunge war trocken, seine Wangen wirkten ein wenig blasser als üblich. Als er zu dem Zwergenkönig aufsah, gewannen sie einen winzigen Teil ihrer Röte zurück, doch der Unterschied war so gering, dass man ihn nur sah, wenn man danach suchte. In all der Zeit hatte Thorin einen Blick dafür bekommen.

"Pass auf dich auf", sagten sie zeitgleich, sahen sich in die Augen und mussten lächeln. Es fühlte sich gut an, so unbeschwert. So selbstverständlich. So echt.

Bilbo seufzte, senkte den Blick, verschränkte ihre Finger ineinander und zog Thorin ein kleines Stück näher, sodass er den Kopf in den Nacken legen musste, um ihm ins Gesicht zu sehen.
"Ruh dich gut aus, während ich weg bin. Morgen wird ein großer Tag."
Was Bilbo damit meinte, war, dass sie ab dem morgigen Tag nicht mehr zu dreizehnt sein würden. 

Der Schwarzhaarige hob seine Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln und legte einen Arm um die Hüfte des Halblings. "Oh, glaub mir, das wird nur der Anfang."
Dann wurden seine Züge wieder glatt, und das Lächeln verschwand. "Hast du-"

Er musste seine Frage nicht beenden, damit Bilbo verstand.
"Ist in meiner Tasche", gab er zur Antwort und berührte den Stoff seines Mantels, spürte die Konturen des rostigen Schlüssels, den Thorin ihm am Vortag gegeben hatte. 

Thorin nickte. Zog den warmen Körper zwischen seinen Armen ein wenig näher. Spürte, wie sein Herz einen schmerzhaften Sprung machte und schloss die Augen, denn sie verrieten zu viel über das, was er fühlte. Über das, was ihn dieser Abschied denken ließ. Über das, was er am liebsten mit Bilbo angestellt hätte, wären sie beide allein und hinter verriegelten Türen gewesen.

"Ich wünschte, ich könnte dich begleiten", hauchte er, in einem Ton, der dem Halbling eine Gänsehaut bescherte.

"Es ist doch nur für ein paar Stunden..." Der Satz kam Bilbo nicht leicht von der Zunge, ganz im Gegenteil. Vorsichtig ließ er seine Hände an Thorins Wangen wandern und brachte ihn dazu, ihm wieder ins Gesicht zu sehen, hielt einen kurzen Moment lang inne, sah, dass seine klaren, blauen Augen glasig wirkten und tiefer denn je. "Du wirst hier oben bleiben und dich schonen, Amrâlimê."

Auf den Lippen des Größeren erschien ein berührtes Lächeln. "Amrâlimê..." korrigierte er ihn im Flüsterton und strich behutsam über seinen Rücken.

"Am... Amrâlimê..."

Thorins Lächeln wurde breiter. "Das üben wir noch." 

Und dann küssten sie sich.
Es war ein kurzer, zögerlicher Kuss, ein Kuss, der seltsam schüchtern wirkte, so als hätten sie sich erst in dem Moment, in dem sich ihre Lippen trafen, daran erinnert, dass sie in Gesellschaft der anderen waren. Sie bemerkten nicht, wie ein paar der Zwerge peinlich berührt zu Boden blickten oder die Wand anstarrten, denn ihre Augen waren geschlossen, und ihre Herzen brannten, zwangen sie dazu, ihre Umgebung für diesen einen Moment zu vergessen und sich von einer Stimme leiten zu lassen, der sie schon oft blind vertraut hatten. Man nannte das wohl "Bauchgefühl". Plötzlich zu wissen, dass das, was man tut, richtig ist. Dass das zwischen ihnen keine bloße Laune war. Dass das zwischen ihnen eine Zukunft hatte.

More than gold | BagginshieldWo Geschichten leben. Entdecke jetzt