"Thorin, Sohn des Thrain, Sohn des Thror..."
Ihre bleichen Flügel durchschnitten die dünne Luft, als sie lautlos durch die Halle glitt. Als sie mit den Flügeln schlug, hörten sie ein leises, hohes, durchdringendes Sirren, wie bei einem Herbstwind, der sich in den Winkeln eines alten Hauses auf dem Lande verfängt. Singend, wispernd.
Dann landete sie. In ihren Gliedern steckte eine Kraft, die sie ihr nicht zugetraut hatten, und dennoch bewegte sie sich mit schwachen Regungen, schwächer, als sie für Drachen üblich waren.
Ihre Stimme erklang tief und rau, verzerrt durch ein unüberhörbares Beben, das noch mehrere Sekunden in ihrer beiden Ohren nachklang. Diese Stimme klang weniger weiblich als Bilbo vermutet hatte, und doch enthielten ihre Worte weniger Schärfe, Hass und Tiefe als die von Smaug. Der Drache wirkte trotz dieses durchdringenden Klanges schwach, als wäre sie kurz davor, in einen Fieberschlaf zu sinken, doch ihre wachsamen Augen schimmerten so blau wie eh und je. Fiebrig. Stechend. Brennend.
Die Säule, hinter der der Zwergenkönig und der Meisterdieb Schutz gesucht hatten, lag fest in ihrem Blick, und das wussten die beiden. Ein Entkommen schien ebenso waghalsig wie unmöglich.
Thorin öffnete zögerlich und angespannt die Lippen, um ihr eine Antwort zu geben, doch seine raue Kehle erlaubte es nicht. Stumm schluckte er, und der bittere Geschmack auf seiner Zunge ließ ihn erschaudern.
Der Atem des Drachen kam einem Donnergrollen gleich, geprägt von einem scheidenden Widerhall, der von den Felswänden zurückgeworfen wurde, fast wie ein Knurren - vielleicht war es das ja auch; Bilbo und Thorin hatten keine Zeit, darauf eine Antwort zu finden.
Sie war krank. Und der Pfeil, der aus ihrer Brust ragte, saß zu tief als dass er sie hätte kalt lassen können. Der Drache, der gerade vor der Säule auf seine Beute wartete, war dem Tode geweiht. Dieses Rasseln in ihrem Atem, das war das Blut, das sich ihre Kehle emportastete, diese Schwäche in ihren Gliedern war die Müdigkeit vor dem Todesschlaf. Sie starb. Langsam, qualvoll. Und dieser Umstand verbot ihr, auf Zeit zu spielen, das wusste der Schwarzhaarige.
Der kleine Hobbit spürte, wie die warme linke Hand Thorins gegen seine Brust drückte und ihn sachte, aber dennoch dringlich hinter sich schob.
Tatsächlich war er sich nicht sicher, ob er das tat, weil er Angst hatte, dass Bilbo vor Furcht weglaufen würde, oder weil er Angst hatte, Bilbo könnte genau das Gegenteil tun und sich zu etwas Waghalsigem hinreißen lassen. Doch der Halbling blieb an seinem Platz.
Plötzlich wandelte sich ihr Atem, wurde ungleichmäßiger, schwächer, und kurz darauf vernahmen der Zwergenkönig und der Meisterdieb einen schmerzvollen Laut. Ihre Flügel krümmten sich gepeinigt, ihrer Kehle entfuhr ein grollendes Rumoren, stärker noch als vorher, und allein der Klang bereitete Bilbo und Thorin Schmerzen. Sie stirbt gerade, dachte Bilbo, doch aus irgendeinem Grund fühlte er bei diesem Gedanken nicht die Erleichterung, mit der er gerechnet hatte. Er fühlte etwas anderes, und noch wusste er nicht, um was es sich dabei handelte.
Für einen kurzen Moment dachte er, er hätte vor Schreck den schwarzen Pfeil fallen lassen, doch gleich darauf bemerkte er, dass es nur die Krallen der Bestie waren, die sich vor Schmerz krümmten, und dabei über den Boden schabten. Es klang wie Metall auf Stein. Als würde man ein Schwert schleifen, rief er sich Thorins Beschreibung ins Gedächtnis. Er hatte seine Worte damals noch nicht ernst genommen, jedenfalls nicht so ernst, wie er es hätten tun sollen.
Für den Bruchteil einer Sekunde schien es, als würde der Drache ins Taumeln geraten, doch der Schein trog. Die Feuerschlange schüttelte kurz ihren Kopf, schloss die Augen und öffnete sie wieder, als würde sie den rotschwarzen Schleier auf ihren Augen abwerfen wollen. Doch er blieb, und sie wusste, was das bedeutete.
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More than gold | Bagginshield
FanfictionDie Geschichte eines Hobbits und eines Zwergen - zwei Geschöpfe, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Doch Gegensätze ziehen sich bekanntlich an... Die Schlacht ist gewonnen, die Feinde besiegt, die Schulden beglichen. Bilbo weiß, was das b...
