Amrâlimê

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Zu verzeihen ist nicht leicht, und das spürte Bilbo. 

Er war niemand, der gerne Streit suchte, war versucht - so gut es im Auenland eben ging - jedweder Art von Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen. Er war fernab von aller Gefahr aufgewachsen, und, wie er sich später eingestehen musste, auch fernab von der Welt. Der wahren Welt, nicht seiner eigenen, kleinen, in die er sich zuvor zurückgezogen hatte und damit auch noch glücklich gewesen war.

Ja, er war glücklich gewesen. Damals. Doch irgendwann war der Zeitpunkt gekommen, an dem der Funke an Abenteuerlust, den er tief in sich getragen hatte, begonnen hatte, zu glimmen, heller und immer heller, und irgendwann war ein Feuer aus ihm geworden und er hatte sich auf einer Mission mit dreizehn Zwergen und einem Zauberer wiedergefunden. Er bedauerte es nicht, dass aus dem besagten Funken ein Feuer geworden war. Er hatte im Nachhinein gespürt, dass es nur noch eine Frage der Zeit gewesen war. Dass es passieren musste.

Wie sein Leben verlaufen wäre, wäre er in seiner kleinen Welt unter dem Bühl geblieben, wusste er nicht. Friedlich, vermutlich. Und am Ende hätte er behauptet, er hätte ein "erfülltes" Leben geführt. Am Ende. 
Aber jetzt, in diesem Moment, fühlte sich ein solches Leben zwar kostbar, aber nicht erstrebenswert an, nicht für ihn. Nicht in diesem Augenblick.

Die Sehnsucht, die er spürte, richtete sich nicht nach seinem früheren Leben, sondern nach dem, was ihm früher Halt gegeben hatte. Und das war nichts als Gewissheit. Nichts als Zuversicht. Denn beides hatte er auf der Reise zum Einsamen Berg verloren. 

Er konnte Thorin nicht verzeihen. Ohne Gewissheit. Ohne Zuversicht. 
Zum Verzeihen war es schlichtweg noch zu früh.

Dass er blieb, war ein Akt der Gnade, und ein Schritt, der sich falsch anfühlte. Falsch, ja. Naiv. Als würden ihn unsichtbare Fesseln an diesem Ort halten, an der Seite desjenigen, der diesen Ort zu einem Gefängnis gemacht hatte. 

Der Zwergenkönig und der Meisterdieb wussten beide, dass die Zeit noch nicht reif für ein offenes Gespräch war, sie waren beisammen, und in diesem Augenblick zählte nur das. Die Zeit der Aussprache würde kommen, und beide hofften, dass sie das bald tat.

Der kleine Hobbit spürte ein nasses Brennen in seinen Augen, und er wusste, weshalb. Mit einem kleinen Blinzeln ließ er den dünnen Tränenschleier verschwinden und sah wieder zu Thorin auf. Der Schwarzhaarige blickte stumm und berührt zurück, denn er hatte nicht damit gerechnet, Bilbos Enttäuschung mit seinen Worten zu schmälern. Bilbo würde bleiben. Aber nur ein Fehltritt könnte das Gegenteil bewirken.

"Glaub nicht, jetzt wäre alles wieder gut zwischen uns", sagte der Hobbit mit leiser, kratzender Stimme, ehe er sich auf dem Hocker niederließ, den er zuvor gezielt vermieden hatte.

Thorin sagte nichts, denn ihm fielen weder passende Worte ein, noch hatte er die Nerven oder das Recht, Bilbo zu widersprechen, dessen war er sich bewusst geworden - wie so vielem in den letzten Stunden. Ein raues, flüsterndes Seufzen entkam seinen Lippen und er ließ seinen Kopf ein wenig tiefer in den Berg aus Kissen sinken, als würde er im nächsten Moment in den Schlaf übertreten. Die neu gesetzten Stiche brannten und stachen, doch er versuchte, den Schmerz zu ignorieren - es gelang ihm, denn in den letzten Wochen war er gut darin geworden.

Bilbo legte den Kopf leicht schief und fixierte mit zu Schlitzen verengten Augen den weißen Verband. "Magst du mir jetzt vielleicht verraten, wie das passiert ist?"

Der Schwarzhaarige öffnete kurz den Mund, er ließ sich Zeit mit seiner Antwort. Nach einigen Sekunden antwortete er in einem kurzen, monotonen Satz. "Ich hatte unterschätzt, wie hartnäckig Drachen sein können."

"Sie hat also ausgeholt und dir das Gesicht zerfetzt, bevor... bevor..." Er zögerte. Bevor sie erstickte, bevor sie unter Schmerzen starb. Er sprach diesen Satz nicht zu Ende. Er sah aus dem Augenwinkel, wie Thorin nickte, doch das Nicken reichte ihm nicht. "Und das bedeutet, dass du nun blind bist, auf deinem rechten Auge. Oder... hast du denn dein rechtes Auge noch?"

More than gold | BagginshieldGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt