Alte Wunden

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"Moment, war das ein Blinzeln?"

"Ich glaube, er wacht auf."

"Wurde aber auch Zeit..."

"Seid ihr sicher?"

Das erste, was er hörte, waren dumpfe Stimmen, die in erstickten, schleierhaften Tönen durch seinen Kopf schwirrten, ziellos und ohne Orientierung oder Zusammenhang. Er ließ sie verklingen, wartete ruhig liegend, bis die Laute klarer und verständlicher wurden und die Worte sich zu Sätzen vereinten.

Seine Sinne fanden langsam aber sicher ihren Weg zurück in seinen Körper, doch er vermochte noch nicht, sich zu regen. Zuerst spürte er eine Kälte, die qualvoll kriechend in seinen Zehen und Fingerspitzen entsprang, sich kribbelnd ausbreitete und seine Venen entlangkroch.

Er zuckte mit seinem Daumen. Alles, was über diese Bewegung hinausging, dazu hatte er noch nicht genug Kraft. Es fühlte sich seltsam an, als hätte er sich seit Tagen nicht mehr gerührt und als wären seine Hände und Finger aus brüchigem Porzellan, starr und unbeweglich.

Die Kälte kroch weiter und erreichte schließlich seinen Brustkorb, wo sie bewirkte, dass sich seine Muskeln zusammenzogen und er schließlich den Mund öffnete, um seine schmerzende Lunge mit Luft zu füllen. Das ziehende Gefühl der Kälte verschwand für einen kurzen Moment und es tat ihm gut, frei atmen zu können.

Die Stimmen waren noch nicht verschwunden. Blass im Hintergrund unterhielten sie sich, während Thorins Geist langsam zu seinem Körper zurückfand.

Die warme Luft in seiner Lunge und seiner Kehle war angenehm wie ein warmes Bad im Winter, gierig und an Stärke gewinnend zog er sie ein. 

Schon bald konnte er wieder klar denken. Klar fühlen. Der Geruch von Kräutern und Rauch stieg ihm in die Nase. Irgendwo im Raum musste ein Feuer brennen. Ein offener Kamin, dessen Knistern von den murmelnden Stimmen übertönt wurde.

Dann schlug er die Augen auf. 

In den ersten Sekunden wusste er nicht, wo er war. Konnte sich nicht erinnern.

Das einzige, was er wusste, war, dass er vor wenigen Sekunden noch nicht in diesem Zimmer gewesen war. Oder... waren es Minuten gewesen? Oder Stunden?

Das Bild vor seinen Augen war stechend und blendend hell, weswegen er die Lider zusammenkniff, um sich an die Helligkeit zu gewöhnen. Schon nach wenigen Sekunden erkannte er kleine, leuchtende Punkte über ihm. Die Flammen eines Kronleuchters. 

Die Wärme, die er gespürt hatte, rührte tatsächlich von einem Kaminfeuer zu seiner Rechten, doch es wurde von dunklen Schatten versperrt.

War es Tag? Oder Nacht?

Panisch versuchte er zu verstehen, was geschehen war und ebenso panisch hob und senkte sich sein Brustkorb.

Es fühlte sich anders an, so... frei und unbeschwert. Mit noch immer zusammengekniffenen Augen blickte er an sich herunter. Keine Rüstung mehr. Seine bloße, bare Haut wurde lediglich von einem dünnen Hemd und einer ebenso dünnen Decke bedeckt.

Kein kaltes Metall, das ihn in seinen Bewegungen einschränkte und gegen seine Brust drückte, kein langer, schwerer Mantel, der um seine Schultern hing und ihn durch sein Gewicht nach unten zerrte.

Das neue Gefühl der Freiheit genießend atmete er hektisch und schnell ein und wieder aus, genoss die warme, nach Kräutern und Lagerfeuer riechende Luft, als hätte er noch nie zuvor geatmet.

Es machte ihm Angst, nicht Herr über seine Sinne zu sein. Sich nicht erinnern zu können, nicht zu erkennen, wo er sich befand und mit wem er sich den Raum teilte.

More than gold | BagginshieldWo Geschichten leben. Entdecke jetzt