Kapitel 20

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Nun merkte wohl auch Stephan, dass wir unter Beobachtung standen. Deshalb ließ er mich los und ich spürte tatsächlich die Blicke aller Leute auf mir, einschließlich die von meinem Begleiter Alexander und Melanie.
Geschehen war das allerdings innerhalb von Sekunden, weshalb wohl keiner so richtig Notiz von der Spannung genommen hatte, die in diesem kurzen Augenblick zwischen Stephan und mir zu spüren gewesen war. Und darüber war ich froh, obwohl nicht einmal wir selbst diese hätten spüren dürfen. Das durfte einfach nicht sein. Das zwischen uns, was auch immer das gewesen war, war vorbei und das unwiderruflich. Es war falsch, dennoch noch solche Gefühle zu verspüren, die es mir erneut für unmöglich machten für einen Moment lang rational zu denken.
Ich beschloss also, das gerade auf die Emotionen zu schieben, die aufgrund der heiklen Situation mit Stephan und auch mit mir durchgegangen waren. Wahrscheinlich interpretierte ich in diese Umarmung, in diese liebevolle Art seines Blickes und in dieses Gefühl von Zuneigung und Geborgenheit einfach zu viel hinein. Vielleicht hatte Stephan gar nicht so etwas ähnliches gefühlt wie ich, bestimmt waren einfach das Adrenalin und diese ganzen anderen Stoffe schuld, die unsere Körper gerade zu Genüge produziert hatten. Immerhin hatten wir gerade gemeinsam einem Mann geholfen, der ohne unser Zutun mit großer Wahrscheinlichkeit erstickt wäre.
Also widmete ich mich wieder dem Betroffenen, indem ich nochmals seine Vitalwerte kontrollierte, soweit es mir möglich war und ihm Anweisungen gab, wie genau er zu atmen hatte und betonte nochmals, wie wichtig es war jetzt ruhig liegen zu bleiben.
In den nächsten Minuten, die vergingen, würdigte ich Stephan keines Blickes mehr. Ich bat ihn lediglich, die Utensilien wieder weg zu räumen und die Stühle und Tische zu verrutschen, da die Rettungskräfte ganz sicher mehr Platz benötigten als vorhanden war, da die Möbel definitiv den Weg für eine Trage versperrten. Stephan kümmerte sich gleich darum und ein paar der Anwesenden halfen ihm, während ich bei dem Patienten blieb.
Als dann endlich die Rettungskräfte eintrafen, erklärte ich ihnen routiniert die Situation und sie übernahmen die weitere Versorgung des Mannes.
Für mich gab es deshalb nun nichts mehr zu tun und wie ferngesteuert erhob ich mich vom Boden, um mich ein paar Schritte zu entfernen. Alexander stand ein wenig abseits bei den anderen Leuten, kam aber sofort auf mich zu, als er sah das ich meine Arbeit beendet hatte. „Das hast du wirklich sehr gut gemacht!“, lobte auch er mich sofort und nahm mich ebenfalls in den Arm.
Allerdings stellte sich hier nicht dieses bestimmte Gefühl ein, das ich vorhin bei Stephan verspürt hatte. Zu ließ ich die Umarmung aber dennoch. Genau wie bei Stephan vorhin.
Im Augenwinkel sah ich diesen bei Melanie stehen, die allerdings mit Stephan zu diskutieren schien. Ebenfalls blieb mir der feindselige Gesichtsausdruck nicht verborgen, mit dem Melanie in meine Richtung blickte und auf einmal verspürte ich einen stechenden Schmerz im Unterleib, der mich sofort leicht in die Knie gingen ließ. Ich konnte mich gerade noch so auf den Beinen halten.
Alexander ließ mich sofort los, als er merkte, dass etwas nicht stimmte. „Elena, was ist los?“, wollte er wissen, doch ich antwortete nicht.
Mir war auf einmal ziemlich schwindelig und schlecht, weshalb Alexander sofort einen Stuhl heran zog, der in der Nähe stand.
„Setz dich.“, sagte mein Begleiter und ich protestierte nicht einmal. Erschöpft ließ ich mich auf der Sitzgelegenheit nieder und hielt mir den Bauch.
Der Schmerz war allerdings so schnell verschwunden, wie er aufgetaucht war und zurück blieben nur diese Übelkeit und das Schwindelgefühl.
Im Augenwinkel sah ich, dass Stephan nun ebenfalls zu mir herüber blickte. Er schien besorgt zu sein.
„Was ist los?“, fragte Alexander mich erneut. „Keine Ahnung.“, antwortete ich ehrlich. „Wahrscheinlich nur die Aufregung.“, fügte ich allerdings hinzu, als ich den erschrockenen Blick des Mannes sah, der vor mir in die Hocke gegangen war.
„Soll ich einen von den Sanitätern holen?“, wollte Alex nun wissen, allerdings schüttelte ich sofort den Kopf. „Nein, die sollen sich um den Mann kümmern.“, stellte ich klar, doch da kam bereits einer der Männer vom Rettungsdienst auf uns zu. Allerdings nicht wegen meines Gesundheitszustands, sondern weil er mir mitteilen wollte, dass der Mann durch mein Eingreifen wohl tatsächlich überlebte.
Ich versuchte, mir meine Freude darüber wirklich anmerken zu lassen, aber mein Lächeln erstarb  sofort wieder als ich erneut diesen komischen stechenden Schmerz im Unterleib verspürte. "Frau Doktor Novak, geht es ihnen nicht gut?", fragte der Sanitäter, dem ich mich vorhin kurz vorgestellt hatte damit man für etwaige Rückfragen oder Berichte meinen Namen parat hatte.
Ich hielt mir erneut den Bauch, allerdings schien der Schmerz nun bis hinauf in den Oberkörper zu strahlen und ich kannte diese Art von Schmerz irgendwie. Allerdings konnte ich gerade nicht genau einordnen, woher dieser nun tatsächlich kam. Es konnte also irgendetwas mit meinem Baby sein oder mit meinem Herzen, das mir in der Vergangenheit schon öfter Probleme gemacht hatte. Anders konnte ich mir das gerade nicht erklären.
"Elena.", hörte ich nun Stephan sagen, der inzwischen ebenfalls vor mir stand. Jedoch ignorierte ich ihn und blickte stattdessen weiterhin die anderen beiden Männer an.
"Irgendwas stimmt nicht.", presste ich mit zusammengebissenen Zähnen hervor.
"Meinst du mit dem Baby?!", fragte Alexander erschrocken, woraufhin der Sanitäter wieder das Wort ergriff.
"Sie sind schwanger?", wollte er wissen und ich nickte.
Ich hatte zwar inzwischen schon ein kleines Babybäuchlein, aber das konnte man zugegebenermaßen noch leicht übersehen.

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