Für einen Moment kam es Manuel vor, als wäre sein Herz stehen geblieben. Ganz kurz hielt er komplett inne, sogar das Atmen unterdrückte er. Es herrschte komplette Stille, bis der Mann begriffen hatte, was geschehen war. "Oh, scheiße!", entfuhr es ihm leise. "Manuel, alles in Ordnung?!" Es war Elena und Manuel hörte auch bereits die Schritte der jungen Frau den Flur entlang eilen. Es gelang ihm noch schnell, das umgekippte Fläschchen und die ausgelaufene Flüssigkeit mit seiner Hand zu verdecken, ehe Elena in der Küchentür erschien. Und ehe Manuel überhaupt begriff, was er da nun getan hatte, spürte er bereits ein starkes Brennen, das sich über seine Hand ausbreitete. Es fühlte sich an, als hätte seine Haut regelrecht Feuer gefangen.
Er biss sich schnell auf die Zunge, um nicht auf zu schreien. Immerhin stand Elena da und sah ihn erwartungsvoll an. "Was ist passiert?!", wollte sie wissen und wollte schon herein kommen, woran Manuel sie jedoch unbedingt hintern musste. "Nichts, ich bin nur erschrocken und hab das Glas fallen lassen. Geh du zur Tür, ich mach das hier sauber." Doch Elena sah ihn weiterhin skeptisch an. 'Nein, nicht skeptisch.', dachte Manuel bei sich. 'Besorgt.', berichtigte er seine Auffassung und konnte es nicht ganz glauben. Aber Elena schien sich tatsächlich für sein Wohlbefinden zu interessieren. Und als sie so da stand, dort im Türrahmen, konnte Manuel sie das erste Mal ansehen. Jedenfalls das erste Mal so richtig bewusst, mit einer anderen Sichtweise.
Diese Frau war wunderschön. Ihre braunen, langen Haare fielen ihr in leichten und glänzenden Locken sanft über die Schultern und ein wenig ins Gesicht. Ihre himmelblauen Augen, die ihn so nachdenklich musterten, wurden von vollen Wimpern umrahmt. Sie wirkte so erschöpft, aber selbst das konnte ihr Strahlen, das von innen heraus zu kommen schien, nicht wirklich dämpfen. Und als Manuels Blick dann auf das kleine Bäuchlein der werdenden Mutter fiel, musste er hart schlucken. Dieser Mensch war durch und durch rein, liebevoll und sanft. Elenas ganzes Wesen strahlte das aus. Und nur das. Sie würde nie auf die Idee kommen, anderen Menschen Leid zuzufügen.
'Im Gegensatz zu Melanie und zu mir!', kam es Manuel schmerzlich in den Sinn. Aber da Elena nach wie vor in der Tür stand, musste er sich zusammenreißen. Obwohl die Schmerzen innerhalb von Sekunden an Intensität zunahmen. Das es erneut klingelte, spielte Manuel perfekt in die Karten.
"Es ist wirklich alles gut, du kannst ruhig aufmachen gehen.", sagte Manuel erneut und rang sich zu einem kleinen Lächeln durch. Das erwiderte Elena nun und jetzt, da Manuel auch noch dieses wundervolle Lächeln sah, wurde ihm ganz anders zumute. "Alles klar.", gab sie zurück und lief weiter den Gang entlang. Als Elena weg war, atmete Manuel scharf aus. Eilig ging er zur Spüle und stellte das Wasser an, um es über seine Hand laufen zu lassen. Das schien die Schmerzen aber nur noch zu verstärken. Derweil hörte er, wie Elena mit jemandem sprach. Offenbar war es ein Nachbar, der ihr ein angenommenes Paket brachte.
Manuel musste die kurze Zeit nutzen, um die Spuren zu verwischen. Er warf einen Blick auf seine Hand, die Haut war inzwischen rot und angeschwollen. Der Mann schnappte sich ein Geschirrtuch und wickelte es notdürftig um seine Hand, damit er das umgefallene Fläschchen und die Pipette wieder zusammenschrauben konnte. Bis auf die Flüssigkeit, die er in die Pipette aufgezogen hatte, war das Gift komplett ausgelaufen. Die Menge, die sich noch in der Pipette befand, würde höchstens noch fünf oder sechs Tropfen ergeben. Aber das war eher das kleinste Problem, das Manuel nun hatte. Er musste jetzt erstmal alle Beweise vernichten, sodass Elena keinen Verdacht schöpfte. Manuel wischte den Rest des ausgelaufenen Öls mit einem Küchentuch vom Tresen, dieses steckte er sich, genau wie das Fläschchen, schnell zurück in seine Jackentasche.
Der Geruch war zwar immer noch wahrnehmbar, aber bei weitem nicht mehr so intensiv. Nun brauchte er nur noch eine Lösung, um die Rötung seiner Hand zu erklären. Elena hatte sich nämlich bereits verabschiedet und würde gleich zurück sein. Er hätte seine Hand natürlich gleich in die Jackentasche stecken und verschwinden können, nur war Elena Ärztin und würde ihm wahrscheinlich sofort anmerken, dass etwas nicht stimmte. Sie war feinfühlig, das hatte er nun verstanden. Schnell sah sich Manuel in der Küche um und erblickte den Wasserkocher vor sich. Dann holte er in Windeseile noch eine Tasse aus dem Schrank, die er vor sich abstellte. Es sollte so aussehen, als hätte er sich an kochendem Wasser verbrüht. So hatte Manuel noch genug Zeit, zu überlegen, wie er weiter verfahren sollte. Denn das wusste er nun wieder nicht mehr. Doch ehe er sich weiter Gedanken machen konnte, kam Elena wie erwartet zurück.
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Als ich im Wohnzimmer gesessen hatte, um auf Manuel zu warten, hatte es plötzlich an der Tür geklingelt. Gleich darauf hatte ich einen Knall aus der Küche vernommen. Nachdem Manuel mir aber versichert hatte, dass alles in Ordnung war und er nur ein Glas hatte fallen lassen, war ich zur Tür gegangen und hatte sie geöffnet. Einer meiner Nachbarn hatte netterweise ein Paket für mich angenommen, von dem ich schon längst vergessen hatte, dass ich es bestellt hatte. Es war etwas für das Babyzimmer, weshalb ich es dort gleich hinbrachte und schließlich in die Küche zurückkehrte. Dort fand ich Manuel und nach wie vor das zerbrochene Glas vor.
Mir fiel gleich auf, dass seine Hand in ein Geschirrtuch gewickelt war. Er wirkte blass, irgendwie, als stünde er ein wenig unter Schock oder als hätte er Schmerzen. "Als ob das mit dem Glas nicht schon genug gewesen wäre, hab ich mir jetzt auch noch heißes Wasser über die Hand geschüttet. Heute ist echt nicht mein Tag!", sprach Manuel genau den Gedanken aus, den ich beim Anblick des Szenarios gehabt hatte.
Ich ging zu ihm und nahm seine Hand. Die Ärztin in mir wusste sofort, was zu tun war. "Lass mal sehen.", meinte ich und wickelte das Geschirrtuch ab. Sofort kam eine ausgeprägte Rötung zum Vorschein, die Haut hatte auch schon Blasen gebildet. Erst kam mir der Gedanke, dass diese Verletzung ungewöhnlich für eine Verbrühung aussah, aber ich kam definitiv nicht auf die Idee, dass dahinter etwas anderes steckte. Ein ganz großer Fehler, wie sich bald noch herausstellen sollte.
"Das sieht böse aus.", meinte ich. "Halt deine Hand am besten erstmal unters Wasser. Am besten lauwarm, auf keinen Fall zu kalt." Ich dirigierte Manuel zur Spüle und stellte das Wasser an. Als es über seine Hand zu laufen begann, verzog Manuel schmerzerfüllt das Gesicht. "Ich wollte für dich einen Tee kochen.", presste Manuel hervor. "Ich dachte, vielleicht hilft dir das, um ein bisschen zu entspannen. Du wirkst so erschöpft." Es überraschte mich, dass er so etwas sagte. "Das bin ich auch.", meinte ich. Und mehr wollte ich gar nicht erwidern, zumal ich mir einbildete, einen komischen Geruch wahrzunehmen. Ich schob das aber auf meinen Geruchssinn, der mir seit der Schwangerschaft schon öfter einen Streich gespielt hatte.
"Aber jetzt habe ich ja noch einen Patienten, den ich versorgen muss. Da wird das nichts mit ausruhen." Ich bedeutete Manuel, seine Hand wieder in das Geschirrtuch zu wickeln. "Geh schon mal rüber ins Wohnzimmer, ich mache dir da gleich einen Salbenverband drüber. Ich muss nur noch die Sachen holen." Manuel nickte und ging davon. Ich selbst nahm nun zwei Gläser und die Flasche Wasser, die auf dem Tresen stand, mit hinüber. Ich stellte es auf dem Wohnzimmertisch ab und ließ Manuel nochmal allein, um Verbandszeug zu holen.
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Nun war Manuel erneut allein, während Elena alles holen ging, um seine Hand verbinden zu können. Diese Situation brachte ihn abermals ins Grübeln. Er konnte es eigentlich nicht übers Herz bringen, Elena zu verletzen. Nur wollte er noch weniger seinen Bruder verlieren. Manuel schenkte mit seiner gesunden Hand Wasser in die Gläser ein und holte abermals das Fläschchen mit dem Gift hervor. Er horchte genau, ob Elena kam, aber das tat sie nicht. Also entleerte Manuel die Pipette blitzschnell über einem der Gläser, ehe er das Gefäß wieder verschwinden lassen wollte. Es war einfach zu spät, um einen Rückzieher zu machen. Aber er verfehlte vor lauter Nervosität seine Jackentasche und das Fläschchen fiel auf den Boden. Gerade in dem Augenblick, als Elena zurückkehrte.
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Ich hatte zum Glück eine kleine Arzttasche mit allem, was ich brauchte. Das hatte ich unbedingt wieder im Haus haben wollen, eben für solche Fälle. Damit kehrte ich ins Wohnzimmer zurück und sah gerade, wie Manuel etwas auf den Boden fiel. Eilig hob er es auf. Und er sah ziemlich erschrocken aus, als er bemerkte, dass ich das gesehen hatte. "Das sind, ähh... Geschmackstropfen!", sagte er und präsentierte mir eine Pipettenflasche. "Ich kann kein reines Wasser trinken, aber ich muss. Für die Fitness.", erklärte Manuel weiter und steckte das Fläschchen wieder ein.
Und tatsächlich hatte ich davon schon einmal gehört. "Dieses Fitnesszeug oder diese Ergänzungsmittelchen? Du weißt hoffentlich, dass das dermaßen ungesund ist.", stellte ich klar und ließ mich neben Manuel auf dem Sofa nieder. "Ich weiß. Aber es erfüllt seinen Zweck.", gab Manuel zurück. Ich sagte nichts mehr und begann stattdessen, alles, was ich brauchte, aus meinem Täschchen zu nehmen. Danach verarztete ich Manuels Hand, indem ich einen Salbenverband anlegte. Das geschah schweigend und während ich den Verband um seine Hand wickelte, merkte ich, dass Manuel mich regelrecht anstarrte.
"Was ist?", fragte ich, weil es langsam unangenehm wurde. "Nichts, es ist nur... Naja, ich kann meinen Bruder so langsam verstehen. Du scheinst eine sehr interessante Frau zu sein.", druckste Manuel herum und das war wieder eine Aussage, die mich verwunderte. Schließlich war ich eigentlich davon ausgegangen, wir könnten uns nicht leiden. Jedenfalls bis vor Kurzem und das dieser Mensch mir nun sogar Komplimente machte, konnte ich nicht so ganz glauben. "Danke.", sagte ich resigniert und widmete mich weiter meiner Arbeit.
"So, das sollte helfen. Du solltest es allerdings nochmal von einem meiner Kollegen anschauen lassen, sollte es schlimmer werden.", erklärte ich Manuel und begann, meine Sachen wieder weg zu räumen. Mir entging nicht, dass Manuel irgendwie nervös war. Ich konnte mir nicht erklären warum und schob es auf die Tatsache, dass seine Hand sehr schmerzen musste. "Elena... darf ich dich etwas fragen?", wollte Manuel wissen. "Sicher.", antwortete ich. "Das wird dir jetzt vielleicht echt doof vorkommen, aber... liebst du Stephan?"
Mir stolperte bei dieser Frage regelrecht das Herz. Und das ausgerechnet Manuel sie mir stellte, machte die Sache nicht besser. Ich schluckte hart und wich seinem Blick aus. "Ich wüsste nicht, was dich das angeht!", fauchte ich und wollte schon aufstehen, aber Manuel hielt mich fest. "Das war nicht böse gemeint, im Gegenteil... ich sehe, dass es dir nicht gut geht. Und ihm geht es auch nicht besser, ich kenne meinen Bruder in und auswendig. Ich weiß auch, dass er jetzt hier sitzen würde, wenn Melanie und das Baby nicht wären. Jeder Mensch würde eigentlich sofort abhauen, aber du... nach allem, was passiert ist, bist du immer noch da. Warum?"
Das war eine weitere Frage, die mir Rätsel aufgab. Außerdem weckte sie wie die erste Frage Gefühle, die ich so zwanghaft versucht hatte, zu verdrängen. Denn ja, ich liebte Stephan. Sehr sogar. Und warum ich noch hier war, das wusste ich nicht genau, wobei ich Stephan ja mehr oder weniger versprochen hatte, nicht fort zu gehen. Obwohl ich genügend Gründe dafür gehabt hätte. Mehr als genug.
"Ich weiß es nicht.", sagte ich schließlich mit zitternder Stimme. In meinen Augen hatten sich Tränen gesammelt und ich schluckte abermals schwer. "Dein Bruder hat mir das Leben gerettet. Mein Leben und das meines Kindes. Ich verdanke ihm so viel und ich möchte ihm nicht weh tun. Niemals.", erklärte ich ehrlich. "Und... und ich weiß, wenn ich gehen würde, dann würde ich ihn sehr verletzen. Er hat mich gebeten zu bleiben, ansonsten wäre ich tatsächlich nicht mehr hier. Ich wollte den Kontakt abbrechen, aber Stephan hat das nicht zugelassen. Du siehst, ich wollte das alles hinter mir lassen, nur dein Bruder nicht. Wir sind nur Freunde, wenn es dich beruhigt. Und ich lasse nicht zu, dass daraus wieder mehr wird, falls dich du das hören wolltest."
Ich hatte das Gefühl, dass Manuel genau das hören wollte. Wahrscheinlich machte er sich Sorgen darüber, ob ich in Zukunft regelmäßig die Idylle in seiner Familie stören würde. Nur war das nicht meine Absicht, das war es nie gewesen. Tatsächlich nickte Manuel nun auch. "Danke, dass du mir das anvertraut hast. Bitte entschuldige diese seltsame Fragerei, aber ich muss sicher sein, dass du meinem Bruder nicht weh tust.", stellte Manuel klar. "Das könnte ich nicht.", flüsterte ich und spürte, wie nun die Tränen an meinen Wangen entlang kullerten. Ich wischte sie schnell weg, aber es kamen schnell neue nach.
"Es tut mir leid, Elena. Wirklich.", sagte Manuel und es folgte eine weitere unerwartete Geste. Er nahm mich in den Arm. Jedoch fühlte es sich alles andere als richtig an. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass hier etwas nicht stimmte und schnell löste ich mich aus seiner Umarmung, um nach einem der Gläser auf dem Tisch zu greifen. Manuel beobachtete mich erneut ganz genau. "Du versprichst mir, dass du ihn nicht verletzt?" Manuel wirkte noch nervöser als zuvor. "Versprochen. Niemals. Ich möchte nur ein ruhiges Leben für mich und mein Baby und dasselbe wünsche ich auch Stephan und Melanie.", entgegnete ich. Obwohl ich mir sicher war, dass er schon verletzt war, genau wie ich. Mein Mund fühlte sich extrem trocken an und ich setzte das Wasserglas schon an meine Lippen, als Manuel es mir plötzlich regelrecht aus der Hand riss.
"Was soll..." Ich konnte gar nicht ausreden, da Manuel mir ins Wort fiel. "Das ist meins!", sagte er schnell. "Ich hab da diese Tropfen rein, du weißt schon. Ich glaube nicht, dass das so gesund für Schwangere ist." Das klang plausibel. "Achso, verstehe.", antwortete ich und nahm das andere Glas zur Hand, um zu trinken. Mein Herzschlag beruhigte sich allmählich wieder, Manuel hatte mich ziemlich erschreckt. Nachdem ich getrunken hatte, stand ich auf. "Ich werde mal die Küche sauber machen. Trink in Ruhe aus und falls du etwas gegen die Schmerzen brauchst, sag Bescheid."
Ohne Manuels Antwort abzuwarten, schnappte ich mir meine medizinischen Utensilien und verließ das Wohnzimmer. Ich räumte alles wieder auf und begab mich dann in die Küche, um die Scherben und die Pfütze zu beseitigen. Während ich auf dem Boden kniete und putzte, ließ ich die letzten paar Minuten Revue passieren. Manuel hatte sich mehr als seltsam verhalten. Außerdem nahm ich noch immer diesen komischen Geruch wahr, den ich mir entgegen meiner Überzeugung definitiv nicht einbilden konnte.
Ich erhob mich, um die Scherben im Müll zu entsorgen. Danach wollte ich den Tresen aufräumen und schnappte mir erst die Tasse, um sie in die Spüle zu stellen. Plötzlich spürte ich aber ein leichtes Brennen an der Hand, das kurz darauf stärker wurde. Auf meiner Handfläche hatte sich ein kleiner roter Fleck gebildet, deren Herkunft ich mir nicht erklären konnte. Ich wusch mir daraufhin kurz die Hände und übrig blieb nur noch ein leichtes Kribbeln. Als ich meinen Blick auf die Arbeitsfläche lenkte, fiel mir ein nasser Abdruck dort auf, wo die Tasse gestanden hatte. Die Flüssigkeit wirkte etwas bräunlich, aber Tee konnte es definitiv nicht sein. Denn Manuel hatte zwar behauptet, dass er Tee kochen wollte, aber Teebeutel sah ich nirgends. Weiter fiel mir auf, fass außer dieser kleine nasse Fleck, keine weiteren Flüssigkeiten auf dem Tresen zu sehen waren. Dabei hatte Manuel behauptet, er hätte sich die Hand mit heißem Wasser verbrüht und das hätte definitiv Spuren hinterlassen müssen.
Mir kam das alles sehr suspekt vor und ich wurde misstrauisch. Ich schnappte mir ein Küchentuch und wischte das Zeug damit auf. Es war nicht viel, vielleicht ein paar Tropfen, aber dennoch konnte ich deutlich erkennen, dass es sich tatsächlich um eine bräunliche Flüssigkeit handelte. Und ich bildete mir ein, diesen Geruch erneut stärker wahrzunehmen. Er kam mir auch irgendwie bekannt vor, weshalb ich meine Nase etwas näher an das Tuch hielt und tatsächlich hatte ich nun die Quelle des Geruchs gefunden. Ich warf den Zellstoff weg und wischte den Tresen noch einmal gründlich ab. Dabei überlegte ich dauernd, wo ich das schon einmal gerochen hatte. Und dann setzte es sich plötzlich alles automatisch in meinem Kopf zusammen. Und dieses Resultat machte mir plötzlich wahnsinnige Angst.
Dieser Geruch kam mir so bekannt vor, weil ich ihn im Medizinstudium schon einmal wahrgenommen hatte. Damals hatte ich ein Modul über alternative Medizin belegt, unter anderem war ein Teil davon ein Seminar über Pflanzenheilkunde gewesen. Wir hatten lernen dürfen, welche Pflanzen heilende Wirkungen aufwiesen und im Gegenzug aber auch gleichzeitig viel über Giftpflanzen. Wir hatten damals verschiedene dieser Pflanzen und Öle gereicht bekommen, um deren Aussehen und Geruch kennenzulernen. Als Mediziner mussten wir natürlich auch Bescheid darüber wissen, welche Pflanzen giftig waren und wie wir adäquat intervenieren konnten.
Im Gedächtnis geblieben war mir ein Gewächs, aus das man Öl herstellen konnte. Dieses roch ziemlich schlecht und ich hatte schon damals gewusst, dass ich diesen Duft nie wieder vergessen würde. Es hatte sich um Sadebaumöl gehandelt, welches wirklich hochgiftig war. Es verursachte Hautausschläge bei Berührung, weshalb wir damals nur mit speziellen Handschuhen damit hantiert hatten. Wurde die Pflanze oder das Öl gar getrunken, waren die Auswirkungen noch schlimmer. Man hatte es einige Zeit auch dafür benutzt, um eine Abtreibung durchzuführen. Zu einer Zeit, als man es noch nicht besser wusste.
Und warum mir ausgerechnet dieser Aspekt in den Sinn kam, war offensichtlich. Immerhin war ich schwanger. Und es passte plötzlich alles zusammen: Manuels seltsames Verhalten, seine Bemühungen, dieser Geruch, das mysteriöse Fläschchen und die Tatsache, dass er mich nicht hatte aus diesem einen Glas trinken lassen, obwohl es direkt vor mir und nicht vor ihm gestanden hatte. Hinzu kam noch diese Verbrühung, die auf mich schon ungewöhnlich gewirkt hatte und die Hautreaktion, die sich auf meiner Hand zeigte. Das, was sich an Manuels Hand befand, war nur eine großflächigere Vergiftungserscheinung.
'Gift!', schoss es mir durch den Kopf und ich schlug die Hand vor den Mund, um aufgrund dieser grauenvollen Erkenntnis nicht laut auf zu schreien. Sadebaum, beziehungsweise Sadebaumöl, war ein stark wirkendes Toxin. Hochgradig giftig. Und neben den Hautveränderungen hatte es eine noch viel entsetzlichere Wirkung, wenn es verzehrt wurde. Die Vergiftungserscheinungen in diesem Fall reichten von Übelkeit, Erbrechen, Brechdurchfall und Krämpfen bis hin zu Blutandrang in den Nieren mit Hämaturie, Krämpfen und Lähmung. Und, was mich persönlich auch noch betraf, war die Fähigkeit dieser Pflanze, einen Abort des ungeborenen Kindes herbeiführen zu können. Bei einer starken Vergiftung kam es nach etwa ein paar Stunden bis hin zu einem Tag zum Tod, meist durch eine durch das Gift ausgelöste Atemlähmung. Es war qualvoll.
Ich schluchzte auf, als mir klar wurde, dass ich diesem Schicksal wohl gerade knapp entgangen war.
Um ganz sicher zu sein, dass sich Manuel nicht verbrüht hatte, streckte ich die Hand nach dem Wasserkocher aus. Das Wasser müsste eigentlich noch heiß sein, wenn es vor kurzem aufgekocht worden war, so wie Manuel es behauptet hatte. Insgeheim hoffte ich noch immer, dass ich mir nur etwas absurdes zusammen gereimt hatte. Ich betete, dass die Müdigkeit und die Erschöpfung mir nur einen Streich spielten und ich absolut über reagierte.
Doch meine Hoffnung verflüchtigte sich restlos, als ich meine Hände um den Wasserkocher legte. Das Gerät und somit auch das darin enthaltene Wasser waren kalt.
