Der Aufzug kommt endlich im vierzehnten Stock an und ich atme erleichtert auf, als ich vor seinem gierigen Blick flüchten kann.
„Überlege es dir, du wirst es nicht bereuen!", ruft er mir noch hinterher, obwohl er mich nicht mehr sehen kann, denn ich bin schon um die Ecke verschwunden.
Das Klacken meiner Pumps hallt gegen die Wände und echot durch den langen Gang. Der enge Stoff meiner beigen Hose raschelt. Ich trage dazu eine weisse Bluse und darüber einen dunkelblauen Blazer: Arbeitskleidung – nicht mein übliches Outfit, denn normalerweise findet man mich in Hoodie und Schlabberhose wieder. Meistens zuhause. Dort, wo ich jetzt am liebsten geblieben wäre.
Laut seufzend lasse ich mich auf den Stuhl an meinem unordentlichen Arbeitsplatz plumpsen und begrüsse meine Kollegen mit einem Winken. Sie haben alle schon ihre Headsets montiert.
Grossraumbüro, ein absoluter Gräuel.
Ich bin spät dran, weil mir dieser Idiot wieder über den Weg gelaufen ist und mich aufgehalten hat. Patrick, der selbstverliebte, notgeile Business Assistent aus dem Vertrieb im sechsten Stock. Dabei habe ich mir nach dem Mitarbeiterfest vor einer Woche, an welchem er mir an den Hintern gefasst und auf meinen empörten Gesichtsausdruck nur mit einem gleichgültigen Schulterzucken geantwortet hat, geschworen, einen kilometerweiten Bogen um dieses Schwein zu machen.
Vor den Aufzügen entdeckte er mich leider, bevor ich mich in meiner frühmorgendlichen Blindheit überhaupt vor ihm verstecken konnte. Wie ein heuchlerischer Gentleman hielt er mir dann noch die Tür zum Aufzug auf, nur damit ich mich eng an ihm vorbeipressen musste und unsere Körper sich berührten.
In den unendlichen elf Sekunden, die der Fahrstuhl brauchte, um in meinem Stockwerk anzukommen, hat er mir meine Ohren vollgelabert, wie sehr ihm der Abend doch gefallen habe und er gerne mit mir mal Mittagessen gehen wolle. Alles Augenrollen, laut Seufzen und Tasche-enger-an-den-Körper-Ziehen brachte nichts, um dieses Ekel abzuwimmeln. Er hat den Wink mit dem Zaunpfahl einmal mehr galant ignoriert.
Ich schnaube genervt, als ich meinen Computer hochfahre und meine lederne Handtasche unter den Tisch schmeisse. Den Papierstapel, der sich auf meiner Tastatur türmt, übersehe ich gekonnt und greife zu meiner Pinguin-Kaffeetasse.
Erst mal Kaffee.
„Uff", stosse ich aus und bahne mir den obligatorischen Weg zur Kaffeeecke.
Die Nespressomaschine brummt laut, während ich mit verschränkten Armen davor stehe und ungeduldig mit den Fingern auf meinen Oberarm tippe. Ein lautes Ächzen ist von dem Gerät zu vernehmen. Jemand müsste die mal wieder entkalken, aber ich warte bloss, bis mir die bittere Brühe die Tasse füllt. Das soll gefälligst jemand anderes machen.
Ich schlurfe wieder zurück zu meinem Platz und werfe einen Blick auf die Uhr.
08:03 Uhr
Scheisse!
Meine Schicht hat schon vor drei Minuten begonnen, stelle ich erschrocken fest. Das orange Lämpchen an meinem Telefon, welches anzeigt, dass sich bereits unzählige Anrufe in der Warteschlange befinden, die unbedingt beantwortet werden müssen, lässt meine Gedärme zu Matsch werden. Es ist gerade mal 08:03 Uhr und die Menschen dieser Welt wollen ihre Versicherung kontaktieren. Als sei das der erste Gedanke, den sie nach dem Aufstehen haben.
Um mich herum höre ich, wie meine Arbeitskollegen schon höflich in ihre Headsets sprechen, um unseren Kunden den besten Service zu bieten, den sie verdient haben. Sie zahlen schliesslich jährlich einen hohen Preis dafür. Das soll nicht umsonst sein, ist hier unser Kredo. Auch wenn wir den Schadenfall in den meisten Fällen eh nicht zahlen werden, sollen sie sich zumindest gut bedient fühlen.
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Herzbruchversicherung
RomanceAls Emma eines Tages in der Schleuse ihres Arbeitgebers stecken bleibt und beinahe schon ein Testament ihrer Freundin per WhatsApp schreibt, lernt sie den reifen Feuerwehrmann Chris kennen, der sie aus der Situation rettet. Tage später, nachdem Emma...
