Am nächsten Morgen schien endlich mal wieder die Sonne. Ich stand erst um neun Uhr auf und hatte auch sofort ein schlechtes Gewissen, als ich auf die Uhr sah. Hektisch zog ich mich an und ging in den Gemeinschaftsraum um noch schnell einen Kaffee zu trinken. Dort begegnete ich Paul, der gerade in aller Seelenruhe Frühstückte. Ich setzte mich zu ihm an den Tisch.
„Sag bloß, du bist auch erst aufgestanden? Kannst du mir mal den Kaffee rübergeben. Danke. Wenn du mir jetzt noch ein Brötchen reichst, bist du für heute mein Held.“
Er lachte und gab mir das gewünschte Brötchen.
„Ach, so leicht geht das bei dir?! Hätte ich das mal schon früher gewusst. Vieles wäre anders gelaufen.“
„Was denn?“
„Das führe ich jetzt nicht genauer aus. Nur so viel, jetzt ist mir klar, warum du dich mit Lukas so gut verstehst.“
Ein vielsagendes Grinsen. Noch bevor ich nachhaken konnte, ging die Türe auf und der genannte kam herein, Lukas.
„Guten Morgen. Auch schon auf? Na Margie, geht es dir heute besser?“
„Sicher, ich hab prima geschlafen. So gut wie schon lange nicht mehr. Nur zu lange, ich hätte schon vor zwei Stunden auf sein sollen.“
„Ach was. Ich hab dir doch gesagt, du sollst dich nicht so übernehmen. Lass es heute mal ruhiger angehen. Was meinst du Paul, nützt uns eine überspannte Frau Dr. Keller viel?“
Paul grinste immer noch. Solche Unterhaltungen bereiten ihm immer die reinste Freude.
„Ganz deiner Meinung. Noch ein überspanntes Frauenzimmer können wir hier nicht gebrauchen!“
„Noch eines? Das ist aber nicht sehr fein von dir. Ich finde alle Frauen hier äußerst nett und normal. Keine Hysterische oder sonst irgendwie geartete. Weiß überhaupt nicht was ihr Männer immer habt.“
Die beiden strahlten sich an. Wieder einmal hatten sie mich auf die Palme gebracht. Ich war auch immer so dumm und fiel darauf rein.
„Schaut nicht so. Das nächste Mal, fall ich nicht mehr drauf rein.“
Jetzt lachten sie erst recht.
„Du weißt doch, Margie, wir lieben dich für deine Art.“
Lukas setzte sich neben mich, nahm die Brötchenhälfte die ich mir soeben bestrichen hatte und biss ab.
„Sag mal, unverschämt bist du nicht?!“
„Ach was, kannst deinem Grabungsleiter ruhig mal einen Liebesdienst erweisen.“
„Bitte? Langt dir der Fund von Vorgestern nicht?“
Ich sah ihn gespielt empört an, konnte mir aber ein grinsen nicht verkneifen.
„Naja, der war vorgestern.“
Paul lachte laut. Lukas war von seiner nächtlichen Niedergeschlagenheit, nichts mehr anzumerken. Er war wie ausgewechselt. Vielleicht hatte er recht gehabt und alles was er gebraucht hatte, war jemanden der ihm zuhörte. Innerlich fühlte ich mich natürlich unglaublich gut dabei, dass ich dieser jemand gewesen war.
Ich brachte es einfach nicht übers Herz, ihn gerade jetzt, wo er so gut gelaunt war, nach Frau Münthing zu fragen. Ich beschloss es stattdessen auf Nachmittag oder Abend zu verlegen.
Ich arbeitete nicht mehr aktiv an der Grabung mit, jedenfalls die meiste Zeit nicht. Ich saß in meinem Stuhl wie ein Regisseur, der die Arbeit der anderen überwacht. ‚Big Brother will Watching You’ ganz nach Orwell.
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Zeitbarrieren
AdventureWas ist Zeit? Kann man einen Krieg um Sie führen? Was, wenn einige dank einer natürlichen Fähigkeit durch die Zeit reisen könnten? Was, wenn andere dies ausnützen wollten? Die Archäologin Margie wird zu einer Ausgrabung hinzugezogen. Zwar scheint es...