6. Kapitel

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    Flo wurde am nächsten Morgen von der Krankenschwester geweckt, die sein Essen brachte. Er hatte gut geschlafen. Endlich mal wieder keine Träume von Eis und Schnee, dafür von seiner Mannschaft. Stöhnend rieb er sich die Augen und gähnte, dann wandte er sich seinem Essen zu. Die Krankenschwester war schon wieder verschwunden. Nachdem er gegessen hatte nahm er das Heft, das dort seit gestern lag, vom Nachttisch und schlug die Seite auf, in der es um ihn ging. Praktischerweise ließen sich die Kopfteile des Bettes auch hier nach oben fahren, sodass er halbwegs aufrecht saß, als er anfing zu lesen:

Star wieder zum Leben erweckt: Florian Neuhaus (22) aus Koma erwacht
Youngster Florian Neuhaus, der die letzte Saison erfolgreich bei Borussia Mönchengladbach spielte, ist übereinstimmenden Medien zufolge aus seinem Koma aufgewacht. Der 22-jährige Mittelfeldspieler hatte kurz nach Beginn der Sommerpause einen schweren Autounfall. Borussia Mönchengladbach bestätigte nach Anfrage, dass der Youngster wieder bei vollem Bewusstsein sei.
Zu seinem genauen Gesundheitszustand wollte man allerdings keine genaue Auskunft geben.
Insider-Berichten zufolge hatte er sich einen Schädelbruch zugezogen und...

    Flo schnaubte, schüttelte den Kopf und warf das Heft zurück auf den Nachttisch. Er mochte es nicht, dass sein Leben so sehr in die Öffentlichkeit gezogen wurde. Natürlich, er war ein ganz guter Fußballspieler, ja, er war eine Person des öffentlichen Lebens, aber er hatte eben auch ein Privatleben und er war der Meinung er konnte selbst entscheiden, wem er wann was erzählte. Vorallem wenn es um seine Gesundheit ging.
    Er seufzte und griff noch einmal auf den Nachttisch, dieses mal aber für sein Handy. Er wusste nicht, was er tun sollte und so verbrachte er die nächsten Minuten damit, durch Instagram zu scrollen. Sein Blick fiel auf den neusten Beitrag der @borussia -Page, die nach dem gestrigen Sieg gepostet worden war. Es zeigte die Spieler, wie sie vor der Nordkurve mit den Fans feierten. Er lächelte, tippte auf die Kommentare und überlegte einen Moment. Doch dann kommentierte er kurz entschlossen mit: 🙌💚🖤.
    In diesem Moment ging die Tür auf und Doktor Harrison kam herein. „Guten Morgen", er lächelte freundlich. Flo mochte Doktor Harrison sehr. Auch er war jemand, mit dem er viel sprach und dem er vieles anvertrauen konnte. „Ich wollt nur mal kurz vorbeischauen. Wie fühlst du dich?" Flo setzte sich ein wenig gerader hin: „Mir gehts super! Schläft sich toll hier."
    „Das freut mich!", er zögerte kurz. „Wenn du willst kannst du heute mal raus in den Park, wenn du den Rollstuhl mitnimmst. Meinen Segen hast du. Aber nehm dir bitte jemanden mit, falls irgendetwas ist." Sofort besserte sich Flos Laune erheblich. Er hatte schon seit Wochen darum gebettelt mal raus zu können, doch der Arzt hatte immer abgelehnt mit den Worten er sei noch zu schwach dafür. „Wirklich? Cool!", er strahlte. Der Arzt zwinkerte ihm zu: „Das wollte ich dir nur noch kurz gesagt haben, jetzt muss ich aber weiter. Hab heute Notfalldienst." Mit einem Winken verschwand er durch die Tür und ließ Flo mit strahlenden Augen auf seinem Bett sitzen.

    Später kam seine Familie vorbei. Sie hatten noch einige Sachen zu erledigen gehabt, deshalb war es schon nachmittags, als es an der Tür klopfte. Flo erzählte ihnen sofort von dem Gespräch mit Doktor Harrison und auch Niki und Dani waren begeistert davon. Seine Eltern wechselten nur einen Blick, doch auch sie wirkten noch fröhlicher als sonst. Während er sich eine Jacke anzog, diskutierte Flo mit Dani und Niki über das Spiel am Vortag. Dani war ein wenig sauer über die Niederlage, doch auch er musste zugeben, dass sie zumindest zum Teil verdient war.
    „Ein Unentschieden wäre aber trotzdem verdienter gewesen", murrte er. Flo grinste und klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter: „Man kann eben nicht alles im Leben haben Brüderchen." Er warf Flo einen Todesblick zu und stand auf. Eine Antwort blieb ihm dennoch erspart, denn Flos Vater fragte: „Hast du die Interviews gesehen?" Flo nickte nur und stand ein wenig umständlich auf. Er brauchte noch Krücken, wenn er weiter als ein paar Meter gehen wollte und falls er sich überschätzte und zu weit ging auch einen Rollstuhl. Gerade als sie aufbrechen wollten und seine Mutter ihm die Tür öffnen, ging sie von selbst auf.
    Linda stand im Türrahmen und lächelte ihn an: „Hey! Wo wollt ihr denn hin?" Flo strahlte: „Doktor Harrison hat mir endlich erlaubt rauszugehen." „Das ist ja cool!", sie wusste wie viel ihm das bedeutete. „Weißt du was, ich komm noch ein Stück mit. Ich hab jetzt sowieso Feierabend." Flo lächelte und nickte. Er und Linda machten sich nebeneinander auf den Weg, seine Familie folgte ein Stück dahinter und seine Mutter schob den noch leeren Rollstuhl vor sich her.
    „War komisch das du heute nicht da warst", sagte Linda. „Es war auch komisch da oben aufzuwachen, glaub mir." Sie lachte leise, schaute ihn aber nicht an, als sie ihre nächste Frage stellte, so leise, dass seine Familie sie nicht hören konnte: „Ging's mit deinen Träumen?" Er grinste. „Ich hab durchgeschlafen. Und es ist kein einziges Mal Schnee oder Eis vorgekommen." Ihr Lächeln wirkte aufrichtig erleichtert. „Super! Ich hoffe das bleibt auch so." „Ich auch", antwortete er, danach schwiegen sie.
    Sie fuhren mit dem Aufzug nach unten, auch wenn es ein wenig eng war, weil sie so viele waren, doch Flo hätte die vielen Treppen noch nicht geschafft - da machte er sich nichts vor - und er wollte unbedingt bis in den Park. Als sie unten ankamen ließ Flo die anderen vor gehen und folgte. Linda bemerkte es und ließ sich zu ihm zurück fallen. Er warf ihr einen Blick zu und lächelte. Es war schön eine Freundin wie sie zu haben. Einfach ihre Anwesenheit reichte um ihn positiver zu stimmen.
    Als sie nach draußen traten, sog Flo tief die frische Luft ein. Linda beobachtete ihn lächelnd, doch plötzlich verfinsterte sich ihre Miene. Sie zog den Kragen ihrer Jacke höher und bog nach scharf rechts ab: „Los hier lang." Flo warf einen Blick in die Richtung, in der Linda offenbar irgendetwas erblickt hatte, konnte aber außer einem Parkplatz und ein paar Autos nichts entdecken. Er folgte ihr so schnell er konnte, was zugegebenermaßen nicht besonders schnell war und versuchte aufzuholen, was ebenfalls nicht sehr einfach war, da sie ein beträchtliches Tempo vorlegte, dafür das sie mit einem kranken Jungen unterwegs war.
    „Was ist denn?", fragte er, als er endlich wieder nah genug war. Seine Eltern und Brüder waren weiter gerade aus gegangen, offenbar hatten sie noch gar nicht bemerkt, dass sie weg waren. Ein scharfer Wind blies, verstrubbelte seine Haare und trieb ihm Tränen in die Augen. Linda lief einfach weiter gerade aus, lies noch nicht einmal erkennen, dass sie ihn gehört hatte. Flo meinte sie irgendetwas Murmeln zu hören, doch er konnte weder sagen welche Sprache sie sprach - die paar Fetzen die er hörte waren jedenfalls kein Deutsch -, noch was sie sagte.
    Ein paar Augenblicke später kannte er dennoch die Antwort auf seine Frage. Ein Mann kam hinter ihnen her gejoggt: „Linda, jetzt warte doch mal!"
    Flo drehte sich neugierig um. Der Mann war ziemlich groß, hatte schwarze, kurze Haare und konnte vermutlich einen Lkw stemmen, so viele Muskeln wie er hatte. Flo schätzte ihn auf etwa 2 Jahre älter als Linda. Diese blieb nun ergeben stehen und seufzte, drehte sich allerdings nicht um: „Was willst du?", Flo hatte sie noch nie in diesem Ton sprechen hören. Der Mann zog offensichtlich überrascht die Augenbrauen hoch. Flo ignorierte er geflissentlich. „Dasselbe wie immer?" Jetzt drehte Linda sich um, mit vor Wut blitzenden Augen: „Ich hab dir schon mal gesagt, dass du das nicht brauchst!"
Flo schaute zwischen ihnen hin und her wie bei einem Tennismatch. „Dein Freund?", die Worte waren ihm herausgerutscht, bevor er es verhindern konnte. Jetzt richteten sich zwei wütende Augenpaare auf ihn. Der Mann musterte ihn von oben bis unten und antwortete: „Ja", in derselben Sekunde, in der Linda knurrte: „Nein." Als er sie verwirrt anschaute, seufzte sie: „Ja... irgendwie."
    Flo warf ihr einen fragenden Blick zu. Sie seufzte und schien sich zu zwingen sich zu beruhigen: „Mein Vater hat uns... verkuppelt", wieder ein böser Blick in Richtung des Mannes. Flo verzog das Gesicht: „Das klingt wie in einem schlechten Film." „Ist es auch", antwortete Linda.
    Der Mann warf ihm einen dermaßen wütenden Blick zu, dass er das Gefühl hatte, jeden Moment könnte ein Auftragsmörder auftauchen und ihn für seine Worte umbringen. Na ganz klasse, er hatte einen neuen Freund gewonnen.
    In diesem Moment erklangen eilige Schritte hinter ihnen und erleichtert erkannte Flo seine Familie. Diese zögerten allerdings, als sie sahen, dass noch jemand zu der Gruppe hinzugestoßen war. „Hallo", sagte seine Mutter etwas schüchtern. „Wer sind Sie denn?" In diesem Moment bemerkte auch Flo, dass er den Namen des Fremden gar nicht kannte. Als er sich umdrehte, warf er Linda schnell einen Blick zu, die diesen nur mit einem Augen verdrehen quittierte.
    „Meine Name ist Malcolm", sagte Lindas irgendwie-Freund und streckte höflich die Hand aus. Er warf einen zögerlichen Blick nach hinten: „Lindas... Freund", bei diesen Worten warf seine Mutter Flo einen mitleidigen Blick zu, den er gekonnt ignorierte. „Leider", sagte Linda, trat ein paar Schritte vor und erklärte: „Wir müssen dann jetzt auch los." Sie drehte sich zu Flo um: „Ich komm bald mal wieder vorbei." Mit diesen Worten pfefferte sie Malcolm ihre Handtasche vor die Brust und stapfte davon. "Tschüss... Florian", sagte dieser und nickte auch Flos Eltern einmal kurz zu, dann lief er eilig Linda hinterher.
    Flo starrte ihnen nach und schüttelte dann den Kopf. Auch seine Familie schaute den beiden so lange nach, bis sie um eine Ecke verschwunden war. „Was war das denn?", sein Vater klang verwirrt. „Der Typ war gruselig", stellte Niki fest.
    Flo konnte ihm nur zustimmen.

    Sie setzten sich auf eine Bank in der Nähe des Eingangs und ließen sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Flo legte den Kopf in den Nacken und genoss die Wärme. Seine Gedanken kreisten dennoch um Linda. Wie konnte es sein, dass er so viel über sie wusste und er nicht mal etwas von ihrem... Freund?  Sie war offensichtlich nicht gerade glücklich darüber. Er hätte für sie genauso da sein sollen wie sie für ihn. Er wusste nicht, inwieweit sie das alles wirklich fertig machte, eben hatte sie nur wütend ausgesehen, aber auch dann wollte er ihr helfen. Wenn sie es zuließ. Sie hatte bestimmt auch noch andere Freunde, welche die sie besser kannten und mit denen sie mehr Zeit verbrachte. Er wusste ja nicht einmal, ob sie aus ihrer Sicht überhaupt befreundet waren.
    Die Zeit verging wie im Flug. Die frische Luft tat Flo gut, doch er war immer noch viel zu schnell erschöpft und musste sich am Ende zwingen selbstständig wieder in sein Zimmer zu laufen und sich nicht in den Rollstuhl fallen zu lassen.
    Doch er würde nicht so schnell nachgeben. Dazu war er zu dickköpfig. Und außerdem würde er nicht weiterkommen, wenn er bei der kleinsten Anstrengung gleich aufgab.
    Seine Familie begleitete ihn noch bis nach oben, wo schon sein Abendessen auf ihn wartete, dann verabschiedeten sie sich, auch, weil sie bemerkten, wie fertig er war.
    Flo aß, dann legte er sich ins Bett und schaltete den Fernseher ein. Er zappte durch die verschiedenen Kanäle, konnte jedoch nichts interessantes finden und auf ein Programm konzentrieren konnte er sich sowieso nicht wirklich. Seine Gedanken kreisten immer und immer wieder über Linda.
    Selbst als er einschlief dachte er noch darüber nach. Irgendetwas war seltsam gewesen. Doch er kam einfach nicht darauf was...

AngelfootWo Geschichten leben. Entdecke jetzt